Do It Yourself

Malen, musizieren, Gemüse pflanzen, Boote bauen: Selbst Hand anzulegen erfreut sich mancherorts steigender Beliebtheit. Es ist eine Form der Emanzipation vom schier endlosen Ramsch, mit dem wir uns umgeben, ein Aufstand gegen billige Minderwertigkeit, die für ein lineares System produziert wird, das über den kurzen Umweg des Konsums geradewegs zum Mistplatz führt und dabei die tatsächlichen ökologischen und sozialen Kosten verschleiert. Rolf Halle, der Ayatollah der Kanusegler, dachte wohl Ähnliches, als er seine Jugendzeit in den späten zwanziger Jahren mit heute verglich: „Wir hatten keine eigenen Boote, sondern mussten die Schiffe der Alten in Schuss halten, damit wir mitsegeln durften. Wir lernten von Grund auf und wussten, wie man Boote mit Respekt behandelt. Es ist ein furchtbarer Verlust, dass junge Segler von heute diesen Respekt nicht mehr haben, denn sie müssen für das Privileg des Segelns nichts mehr tun. Sie bekommen ein Schiff von den Eltern, vom Club oder einem Sponsor. Und wenn es kaputt ist, steht ein neues da.“
Dass es auch anders geht, demonstrieren die Geschwister Brendan, Amanda und Geoffrey Ravenhill, die mit ihrer Nonprofit Organisation Islesford Boatworks (www.islesfordboatworks.org) auf dem winzigen Little Cranberry Island vor der Küste des US-Bundesstaats Maine jeden Sommer Bootsbaukurse für Kinder halten. Diese kosten rund 80 Dollar pro Woche, aber niemand wird abgewiesen wenn die Eltern den Betrag nicht aufbringen können. Damit wird vieles erreicht: Einerseits lernen die Kinder Handarbeit und entwickeln Kreativität, andererseits sehen sie, wie viel Schweiß und Tränen sogar beim Bau eines kleinen Holzdingis draufgehen. Zudem ist Islesford Boatworks stark in die Gemeinde eingebunden, weil die gesamte Familie Ravenhill dort seit Jahrzehnten den Sommer verbringt, manchmal auch mehr. Am Ende des Kurses gibt es eine Strandparty fürs Dorf, bei der das im Kurs gebaute Boot mit einer großen Tombola verlost wird, deren Erlös der Erhaltung des Programms zugute kommt.
Die Idee war Brendan Ravenhill gekommen, als er Ghettokindern in der New Yorker Bronx im Rahmen des Sozialprogramms Rocking the Boat (www.rockingtheboat.org) die Prinzipien des Bootsbaus beibrachte, um ihnen Selbstvertrauen und Zugang zur eigenen Kreativität zu geben. „Holzbootsbau lehrt die Kunst der Kurve“, sagt Ravenhill, „es ist aber auch eine Schule fürs Leben, selbst wenn die Kinder nie wieder ein Boot bauen sollten. Denn sie haben gelernt, dass sie selbst etwas schaffen können.“ Diese Einsicht ist vielleicht wichtiger als wir wahrhaben wollen, denn sie hilft heranwachsenden Generationen, dem unendlichen Ramsch und dem Wahnsinn des Einwegkonsums Herr zu werden. In der Bronx gibt es dazu folgenden Spruch: „Kids don’t just build boats, boats build kids.” Besser kann man Do-It-Yourself nicht umschreiben.

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Ressort Layline
Die echt Harten sind am 4. Juni beim Race to Alaska am Start. 750 Meilen, kein Motor und keine faulen Ausreden. Von Port Townsend im US-Bundesstaat Washington über Victoria, British Columbia, durch die Inside Passage bis nach Ketchikan in Alaska. Dort sind 10.000 Dollar an einem Fichtenstamm angenagelt, die gehören dem Sieger. Der Preis für Platz 2: Ein Satz Steakmesser und ein Busserl. Kommen kann jeder, mit jedem beliebigen Vehikel, solang dieses durch Muskel- und/oder Windkraft angetrieben wird. “Die beste Unterhaltung ist immer ein Streitgespräch”, findet Jake Beattie, der dieses Rennen erfunden hat. Als Direktor des Northwest Maritime Centers in Port Townsend will er damit nicht nur öffentliche Aufmerksamkeit für seine Institution schaffen, sondern auch das große Abenteuer mit kleinen Booten propagieren. Wie 1968, beim Golden Globe Race. Jeder konnte antreten, solange er nur nonstop und solo um den Planeten segelte und alle großen Kaps backbord liegen ließ. Die Debatte rund um das R2AK wird spekulativ und hitzig geführt und dreht sich primär darum, wer wohl mit welchem Boot am schnellsten über den selektiven Parcours koffern wird. In der gefürchteten Inside Passage kann die Strömung bis zu 10 Knoten oder mehr betragen. Und wenn’s richtig aus der Gegenrichtung pfeift, tun sich regelrechte Bombenkrater auf. Schon Captain George Vancouver, der diese Seestraße in den 1790ern kartografiert hatte, graute davor.









 

Volle Kraft Richtung Norden

Ressort Layline
Wer gewinnt, ist Held, wer verliert, ist nichts. Das ist die Dichotomie des kommerzialisierten Leistungssports. Auch beim Segeln. Die Bilder von Team Vestas Wind, das beim Volvo Ocean Race auf einem Riff im Indischen Ozean strandete, sind dazu noch frisch in Erinnerung. Boat on the Rocks. Ruder weg, Heck teilweise abgerissen. Totalschaden. Schiffbrüchige Segler, die nach dem Crash verzweifelt versuchen zu retten, was zu retten ist, aber froh sein müssen mit dem Leben davon gekommen zu sein. Ein Foto, das mir besonders nahe ging, zeigt Navigator Wouter Verbraak. Ihm fiel es zu das Boot schnell und sicher ans Ziel zu bringen. Und dann das: Ein Versager vor dem Herrn. Er steht in der dunklen Kohlefaserhöhle der Kajüte, hält sich an einer Rohrkoje fest. Er trägt schweres Segelzeug und Rettungsweste, zerzauste blonde Haare und Seemannsbart. Seine weit aufgerissenen Augen verraten, was in diesem Moment in ihm vorgeht: Entsetzen. Erschöpfung. Enttäuschung. Betretenheit. „Ich bin am Boden zerstört und stehe noch unter Schock, während ich die Heftigkeit unserer Strandung langsam zu begreifen beginne”, sagte er in einer ersten Stellungnahme. „Ich habe einen Riesenfehler begangen … Unsere geplante Route änderte sich kurzfristig und mit dem Augenmerk auf Start und schwierige Bedingungen nahm ich fälschlicherweise an, ich hätte ausreichende Informationen bei mir um diese Änderungen unterwegs zu studieren. Ich lag falsch. Ich will keine Ausflüchte machen, sondern versuche lediglich eine Erklärung zu liefern und Fragen zu beantworten.” Auch wenn nur die wenigsten wissen, was wirklich dazu gehört, eine Yacht im Renntempo bei Nacht durch ein mit Riffen verseuchtes Gewässer zu navigieren, Verbraaks Äußerungen verdienen Respekt. In seiner schwersten Stunde hat er Verantwortung für diesen Unfall übernommen. Zum Glück gab’s nur Sachschaden. Was mehr zählt: Er fand Mut, Mensch zu sein. Ein fehlbarer Mensch. Kein Verlierer, sondern ein Held.









 

Der Mut, Mensch zu sein

Ressort Layline
Ach, was waren wir doch arrogant. Wir, die vom Berg stiegen. Besonders gegen die Gäste aus dem norddeutschen Flachland, auch „ de Piefke” genannt, richtete sich das Gehabe. Die ticken anders, die fahren langsam Auto und noch langsamer Ski. Heilung erfolgte beim ersten Auswärtsspiel auf der Kieler Woche, wo „de Piefke” uns Barteln gezeigt haben, wo man zumindest beim Segeln den Most holt. Daran musste ich denken, als ich unlängst einen Ausflug auf der Rigmor von Glückstadt unternahm, dem ältesten noch segeltüchtigen Schiff Deutschlands. Dieser originalgetreu restaurierte (eigentlich: neu gebaute) Zollkutter aus dem Jahr 1853 ist das segelnde Wahrzeichen dieser Stadt an der Elbmündung. Betrieben wird das Schiff von einem Förderverein, dessen Mitglieder sich in den Dienst der Sache stellen. Wer schleift und pinselt, darf auch segeln und zahlende Gäste entweder um die Rhinplatte oder elbaufwärts nach Hamburg schippern. An Bord hört man mitunter auch vertraute Mundart. Helmut Sumesgutner aus Muggendorf im Piestingtal ist nämlich einer der guten Geister, die diesen Stapel Planken in Schuss halten. „Ich kam im Jahr 1962 mit einem Freund nach Hamburg, weil wir zur See fahren wollten,” erzählt Sumesgutner. „Bei den Deutschen ging das nicht, also hab ich auf einem norwegischen Frachter angeheuert.” Nachdem er die Welt gesehen und Monotonie zunehmend das Abenteuer verdrängt hat, ließ sich der gelernte Koch und Kaufmann in Schleswig-Holstein nieder. Dabei schlug das Fernweh um in Achtung und Wertschätzung fürs flache Land. Dass Sumesgutner gerne segelt, war bei diesem Prozess durchaus hilfreich. Früher machte er Touren auf der Ostsee, heute packt er auf der Rigmor an. „Das ist genau richtig für Rentner wie mich, die während der Woche Zeit haben”, lacht er. „Da kann ich helfen und mitsegeln.” Man wird das Gefühl nicht los, dass Sumesgutner nicht nur des weiten Himmels und der lakonisch-ruhigen Mentalität der Menschen wegen geblieben ist. Es hat wohl auch damit zu tun, dass das flache Land bei „de Piefke” umgeben ist von salzigem Wasser. Wasser, auf dem so alte Kähne wie die Rigmor noch unterwegs sein dürfen. Aber das haben wir Arroganten halt nicht gekannt, daham, wo man mit der Nase schnell am nächsten Berg anstößt, wenn man nicht aufpasst.









 

Exil an der Waterkant

Ressort Layline
Es war ein Tag, wie man ihn nicht bestellen kann. Die Juan de Fuca Sraße, die im Nordwesten die USA von Kanada trennt, trug ihr bestes Blau. Nur ein Haucherl Wind bei leichter Dünung und wenig Strom. Es war der Tag des Abschieds. Bei mir im Kajak waren zwei Kupferurnen, die von Vater Siegfried, der vor elf Jahren nach Fiddler’s Green übergesetzt war und dessen sterbliche Übereste sich seither in einem öden Urnengrab am Villacher Zentralfriehof hatten langweilen müssen, und die von Mutter Rosmarie, die im Mai nach längerem Leiden dem alten Herrn gefolgt war. Die Asche seiner Altvorderen zu verstreuen ist eine schöne, eine einmalige Pflicht. Umso schöner, wenn man diese Zeremonie im Kreis der Familie, die dem Geschehen an Deck des majestätischen Schoners Martha beiwohnt, vornehmen darf. Mit Bedacht und ganz ohne Slapstick-Effekt leerte ich den Inhalt der Kapseln behutsam in den kobaltblauen Ozean. Erst Vater, dann Mutter, so wie’s immer war. Während ihre Asche in silbrigen Kaskaden in die Tiefe sank, kamen die Erinnerungen. Zuerst an die guten Zeiten, die wir Kinder gemeinsam mit den Verschiedenen auf einem Boot verbracht hatten. Biograd, Kornaten, Limski Kanal oder Rovinj tauchten aus dem Meer der Erinnerungen auf. Aber auch weniger unterhaltsame Momente, wie der zerfetzte Spi mit den Kärntner Farben, der sich nach einem verhauten Manöver nur mit dem Messer bergen ließ. Oder jene Nacht im Hafen von Mali Losinj, in der sich Vaters Selbstbau-Kat mit schlierendem Heckanker im Sturm beinahe an der Mole aufgearbeitet hätte. Oder das Mann-über-Bord-Manöver, bei dem einer aufzufischen war, der sich, nur mit einer Ray Ban bekleidet, an einem limettengrünen Portapotti festhielt, aus dem der stinkende Inhalt gurgelnd entwich. Lehren fürs Leben, über die wir heute lachen, weil sie Teil der Familiengeschichte sind, in der an diesem Tag eine neues Kapitel begann. Ein letzter, von Tränen getrübter Blick in das Blau des Meeres verriet, dass die Ebbe den Sternenstaub unserer beiden alten Seefahrer Richtung Westen, also hinaus auf den Pazifik trug. Auf dem Schoner wurden flugs die Segel gesetzt, denn die nächste Generation will noch Meilen machen. Die Nelken, die die letzte bekannte Position von Siegfried und Rosmarie markierten, entschwanden langsam im Kielwasser.









 

Abschied von zwei Seefahrern

Ressort Layline
Vor nicht allzu langer Zeit gab’s einen Kolumnistengipfel in San Francisco: Layline und Kreuzpeilung. An einem Tisch. Unweit des America’s-Cup-Stützpunkts von Oracle, wo früher urbane Wüste herrschte und sich heute Hipster und Nerds begegnen. Wir sprachen Kolumnistenkauderwelsch, aber es ging eigentlich um nichts Konkretes, außer dem längst fälligen Hallo, nach fast 15 Jahren Pause. Allmählich driftete der Diskurs aber in Richtung Lebensgestaltung im sechsten Jahrzehnt des Daseins. Was kann man noch wollen? Was soll man noch müssen? Vom Stress habe man beileibe genug. Ohne es zu benennen, war unser Thema das Burnout, die psychische Modekrankheit der postindustriellen Gesellschaft. Nicht nur am Arbeitsplatz, auch in der Freizeit. Manchmal wäre es doch nett, so waren die Kolumnisten einig, sich den Wind ohne Konkurrenzdruck um die Nase wehen zu lassen, anstelle sich unter Gebrüll am Start vor anderen „einepanieren” zu müssen. Wie das Abenteuer, könnte doch auch die Lust aufs Alphatier-Gehabe mal Pause haben. Wir haben es dabei bewenden lassen, wohl weil wir ahnten, dass wir Alten uns weiter beweisen wollen. Wenn schon nicht anderen, so doch uns selbst. Unlängst schlug Sir Russell Coutts, einer der erfolgreichsten Segler aller Zeiten und Teamchef von Oracle, in dieselbe Kerbe, als er zu erklären versuchte, warum die Jungen das Segeln aufgeben. „Ich kann’s ihnen nicht verübeln, es ist einfach so verdammt intensiv”, meinte Coutts. Und weiter: „Ich nehme es den 12- oder 13-jährigen nicht krumm, wenn sie anderswo Spaß suchen. Sie werden später genug Druck im Leben spüren. Das Training, das Drängen vom Coach, jedes Wochenende Regatten … Irgendwann kommt der Punkt, an dem es zu viel wird.” Da schau her, auch Coutts hat Burnout am Radar, obwohl er Segeln als Risikosport verkauft, bei dem Vollgas gegeben und ständig Koffeinbrause getrunken wird. Ich weiß, dass ich mich nicht scheue meiner Tochter eine Pause zu verordnen, wenn ich ihr damit helfen kann, dass sie nicht den Spaß an der Freud’ verliert. Aber ob ich selbst gemütlich losschippern kann, statt mich “brüllend vor anderen einezupanieren”? Wäre vielleicht einen Versuch wert, so ein Timeout gegen Burnout.









 

Timeout gegen Burnout

Ressort Layline
Anfang April ging die Nachricht durch die Medien, dass eine kalifornische Segler-Familie, die mit ihrer Hans Christian 36 Rebel Heart nach Neuseeland unterwegs war, in einer Großaktion 900 Meilen westlich von Mexiko geborgen werden musste (siehe auch Story auf Seite ??). Steuerung defekt und die einjährige Tochter an schwerem Durchfall erkrankt. Es lief nach dem Standarddrehbuch ab: Panik, Notruf, Schiff aufgegeben und per Dampfer nach Hause. Böse Eltern, schlechte Segler, Spinner vor dem Herrn konnte man danach lesen. Dabei, so dachte ich, liegen die Kaufmans doch im Trend der Zeit: Man verlässt sich nur zu gern darauf, dass Hilfe nur einen Knopfdruck weit entfernt ist, egal, wo man sich auf diesem Planeten befindet und wie tief man in der Bredouille steckt. Vor GPS und Satellitentelefon war alles anders. Ich erinnere mich noch genau an das Rauschen im Blätterwald, als sich Solosegler Wolfgang Hausner gegen den Einbau eines Funkgeräts aussprach, weil dies doch bedeute, „dass einer damit kokettiert irgenwann einmal um Hilfe zu rufen“ und damit „von vornherein den Verlust des Bootes ins Kalkül“ ziehe. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Glenn Wakefiled, ein Kanadier, der zweimal versuchte die Erde solo und nonstop gegen den Wind zu umsegeln. Im Jahr 2008 wurde sein Boot bei den Falkland-Inseln so zu Kleinholz geblasen, dass er sich von einem argentinischen Schiff abbergen lassen musste. Das Scheitern wog dabei nicht schwerer als die Scham auf fremdem Kiel weiter zu reisen. „Niemand kritisierte mich dafür“, erklärte Wakefiled noch Jahre danach, „aber es gibt ein ungeschriebenes Gesetz unter Seglern, dass man auf sich selber aufpassen können sollte, wenn man hinausfährt. Und ich habe immer versucht, danach zu handeln.“ Klar, Leute wie Hausner und Wakefield sind nicht mit normalen Maßstäben zu messen. Aber ein Handlungsprinzip, dem Selbstgenügsamkeit und Eigenverantwortung zu Grunde liegen, täte auch so manchem Freizeitskipper gut.









 

Zwei vom alten Schlag