Österreichs Magazin für Segeln, Motorbootfahren und Wassersport

Dieter Loibner

Layline

Dieter Loibners monatliche Kolumne aus der Printausgabe der Yachtrevue

Do It Yourself [0]

Sonntag 1. November 2009, 11:34 Uhr

Malen, musizieren, Gemüse pflanzen, Boote bauen: Selbst Hand anzulegen erfreut sich mancherorts steigender Beliebtheit. Es ist eine Form der Emanzipation vom schier endlosen Ramsch, mit dem wir uns umgeben, ein Aufstand gegen billige Minderwertigkeit, die für ein lineares System produziert wird, das über den kurzen Umweg des Konsums geradewegs zum Mistplatz führt und dabei die tatsächlichen ökologischen und sozialen Kosten verschleiert. Rolf Halle, der Ayatollah der Kanusegler, dachte wohl Ähnliches, als er seine Jugendzeit in den späten zwanziger Jahren mit heute verglich: „Wir hatten keine eigenen Boote, sondern mussten die Schiffe der Alten in Schuss halten, damit wir mitsegeln durften. Wir lernten von Grund auf und wussten, wie man Boote mit Respekt behandelt. Es ist ein furchtbarer Verlust, dass junge Segler von heute diesen Respekt nicht mehr haben, denn sie müssen für das Privileg des Segelns nichts mehr tun. Sie bekommen ein Schiff von den Eltern, vom Club oder einem Sponsor. Und wenn es kaputt ist, steht ein neues da.“
Dass es auch anders geht, demonstrieren die Geschwister Brendan, Amanda und Geoffrey Ravenhill, die mit ihrer Nonprofit Organisation Islesford Boatworks (www.islesfordboatworks.org) auf dem winzigen Little Cranberry Island vor der Küste des US-Bundesstaats Maine jeden Sommer Bootsbaukurse für Kinder halten. Diese kosten rund 80 Dollar pro Woche, aber niemand wird abgewiesen wenn die Eltern den Betrag nicht aufbringen können. Damit wird vieles erreicht: Einerseits lernen die Kinder Handarbeit und entwickeln Kreativität, andererseits sehen sie, wie viel Schweiß und Tränen sogar beim Bau eines kleinen Holzdingis draufgehen. Zudem ist Islesford Boatworks stark in die Gemeinde eingebunden, weil die gesamte Familie Ravenhill dort seit Jahrzehnten den Sommer verbringt, manchmal auch mehr. Am Ende des Kurses gibt es eine Strandparty fürs Dorf, bei der das im Kurs gebaute Boot mit einer großen Tombola verlost wird, deren Erlös der Erhaltung des Programms zugute kommt.
Die Idee war Brendan Ravenhill gekommen, als er Ghettokindern in der New Yorker Bronx im Rahmen des Sozialprogramms Rocking the Boat (www.rockingtheboat.org) die Prinzipien des Bootsbaus beibrachte, um ihnen Selbstvertrauen und Zugang zur eigenen Kreativität zu geben. „Holzbootsbau lehrt die Kunst der Kurve“, sagt Ravenhill, „es ist aber auch eine Schule fürs Leben, selbst wenn die Kinder nie wieder ein Boot bauen sollten. Denn sie haben gelernt, dass sie selbst etwas schaffen können.“ Diese Einsicht ist vielleicht wichtiger als wir wahrhaben wollen, denn sie hilft heranwachsenden Generationen, dem unendlichen Ramsch und dem Wahnsinn des Einwegkonsums Herr zu werden. In der Bronx gibt es dazu folgenden Spruch: „Kids don’t just build boats, boats build kids.” Besser kann man Do-It-Yourself nicht umschreiben.

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