Österreichs Magazin für Segeln, Motorbootfahren und Wassersport

Claus Gintner angeschossen [4]

Donnerstag 4. Mai 2006, 06:00 Uhr
Claus Gintner im Armenkrankenhaus von Venezuela

Österreichischer Weltumsegler in Venezuela von Banditen angeschossen.

Claus Gintner, liebenswertes österreichisches Original, Weltumsegler, Blauwasserliebhaber und Skipper der Escapada wurde in der Nähe der Isla Piritu, Venezuela vor Anker liegend überfallen und angeschossen. Er liegt schwer verletzt in einem Krankenhaus in Puerto Cruz.
Lesen Sie seinen Bericht über die Attacke der Piraten und die Zustände im Spital, aufgeschrieben von Landsmann Mag. Michael Köhler (Segelyacht Twofast), der Gintner am Krankenbett besuchte:

Ich war mit meinem Boot bei der Isla Piritu (18 Seemeilen westlich von Puerto La Cruz in Venezuela) in der Nähe von zwei Schleppbooten vor Anker, gegen Mittag kam ich mit dem Beiboot vom Schnorcheln zurück, als ich eine Piroge (lokales Holzboot) mit 5 Insassen sah, das mir auffällig erschien. Ich nahm mir vor, so schnell als möglich zum Boot zurück zu fahren und meine übliche Verteidigungsstrategie vorzubereiten – für alle Fälle. Als ich mich mit dem Beiboot meinem Boot näherte, gaben die Venezueler plötzlich auch Gas und kamen mir hinterher und erreichten knapp nach mir mein Boot. Ich konnte nur noch an Deck springen, es blieb mir nicht mehr die Zeit meine Signalpistole zu holen. Die waren sofort nach mir an Deck geklettert, einer hatte ein Gewehr, ein anderer eine Pistole mit der er sofort das Feuer eröffnete. Der erste Schuss verfehlte mich nur knapp, der Zweite traf mich seitlich in den Brustkorb unter der Achsel, der dritte Schuss verfehlte mich zum Glück wieder. Es entstand ein Kampf auf Leben und Tod mit den 5 jungen Männern, die mich in den Salon hinunter treten wollten, weil dann niemand mehr sehen hätte können was an Bord geschah. Es gelang mir 2 Männer ins Wasser zu werfen, die anderen schlugen mit dem Gewehr, der Pistole und anderen Gegenständen auf mich ein. Nach einiger Zeit des Kampfes hoffte ich mich mit einer Flucht retten zu können. Ich sprang ins Beiboot und floh in Richtung der 2 Schleppboote. Die Männer sind mir sofort hinterher und attackierten mich während der Fahrt wieder mit dem Gewehrschaft, einem Ruder und einem Gaff (Anm: extrem spitzer, großer gebogener Fanghaken an einer langen Stange um große Fische aus dem Wasser zu ziehen- ähnlich einem Zappin), ich konnte diese Angriffe während der Fahrt teilweise mit meinem Ruder abwehren. Sie drängten mich ab um zu verhindern dass ich die 2 ebenfalls vor Anker liegenden Schleppboote erreichen konnte. So versuchte ich ins das Riff zu flüchten in der Hoffnung dass sie vielleicht aufsitzen würden um sie dann abzuhängen. Es gelang nicht. Am Ufer der Insel Piritu angekommen floh ich den Strand entlang trotz meiner Schussverletzung in Richtung der zwei großen Schleppboote. Ich kam nicht weit, sie holten mich ein, ich kämpfte wieder um mein Leben, bis sie mich schließlich niederschlugen und mich dann vom Ufer weg in das dahinter liegende Dickicht zogen wo sie weiter auf mich einschlugen. Sie fragten mich wo mein Geld versteckt sei. Ich sagte, dass ich keines am Boot hätte, worauf sie wieder auf mich einschlugen und mich dann in meinem Blut liegen ließen. Mein Beiboot machten sie unbrauchbar indem sie mit einem Messer die Schläuche komplett aufschlitzten. Sie fuhren zu meinem Boot zurück, wo sie sich mit einem 2. Holzboot trafen. Ich versuchte mich trotz meiner Verwundungen ca. eine Meile am Strand in die Nähe der 2 Schleppboote zu schleppen. Irgendwann brach ich zusammen, und versuchte nur noch um Hilfe zu winken. Die Männer an Bord der Boote erkannten die Situation sofort, weil sie mich schon mit Feldstechern beobachtet hatten und gesehen hatten dass ich blutverschmiert war und dringend Hilfe benötigte. Sie kamen mit 2 Beibooten zum Strand, riefen sofort die Guardia Costa (Anm: Küstenwache) und versorgten mich fürs Erste mit Schatten. Ich lag im Sand in der Hitze. Die Küstenwache kam erst eine Dreiviertelstunde später, ich wurde noch immer ohne medizinische Versorgung mit Stricken auf ein Holzbrett gebunden und in das Boot der Küstenwache gehievt. Das alles war sehr schmerzhaft aufgrund meiner Schussverletzung und der anderen Wunden. Auch die Fahrt zurück war eine einzige Qual aufgrund der Erschütterungen durch die Wellen. In Puerto La Cruz wurde ich mit dem Krankenwagen dann ins Krankenhaus (Anm: ein Armenkrankenhaus, überwiegend farbige Patienten ohne Versicherung) gebracht, wo ich noch in der Nacht operiert wurde, man hat mir den ganzen Bauch aufgeschnitten um die Kugel zu suchen und die Blutungen zu stillen. Als ich noch am Strand liegend urinieren musste, kam viel Blut heraus … Am Samstag Nachmittag bekam ich meine erste Transfusion weil ich sehr viel Blut verloren hatte.
Am Sonntag verschlechterte sich mein Zustand zusehends, immer mehr Blut sammelte sich im Bauchraum, sodass die Ärzte im Krankenzimmer zwei Klammern meiner frischen Bauchnaht öffneten. Weil da schon viel Blut heraus geronnen ist, haben sie sich entschlossen, mir noch einmal den ganzen Bauch aufzuschneiden. Den ganzen Nachmittag musste ich mit starken Schmerzen auf einen freien Operationssaal warten. Da es keine Rollbetten gibt, musste ich mit dem halboffenen Bauch aufstehen, meine Bekannten mussten einen Rollsessel organisieren und ich wurde dann so in den OP gerollt. Bis 22.30 lag ich auf dem Operationstisch, doch damit nicht genug, in der Nacht wurde mir noch eine Sonde durch die Nase gelegt, die sich verstopfte und an der ich zu ersticken drohte. Entsetzliche Schmerzen quälten mich die ganze Nacht, erst am Morgen gelang es uns einen Arzt aufzutreiben und Schmerzmittel zu bekommen. Danach erfuhr ich, dass man mir bei dieser Operation eine Niere entfernen musste, weil sie auch von dem Projektil getroffen wurde und die Blutung nicht zu stoppen war. Was sonst noch war konnte ich aufgrund der Sprachschwierigkeiten nicht in Erfahrung bringen. Jetzt hoffe ich, dass sie keine Blutung übersehen haben und nicht noch eine Sepsis dazukommt …
Heute, Montag sind die Schmerzen erträglich, ich bekomme nun Schmerzmittel.

Um die ganze Situation zu beschreiben, in der ich mich in diesem Krankenhaus befinde: Es werden hier offenbar aus Kostengründen nur notwendigste Dinge gemacht. Das beginnt bei der Verabreichung von Schmerzmitteln und speziellen Medikamenten, die werden per Rezept im Krankenhaus verordnet und müssen von den Angehörigen gekauft und mitgebracht werden, wo sie mir dann von den Ärzten verabreicht werden. Im Klartext, es gibt in diesem Krankenhaus praktisch keine Schmerzmittel, Antibiotika und Blutkonserven, sie müssen von Angehörigen gekauft und gebracht werden, wenn man niemanden – oder kein Geld hat – dann bekommt man keine. Montag Vormittag wurde mir Blut abgenommen für eine Untersuchung. Dafür mussten meine Bekannten Eiswürfel organisieren um dann das Blut gekühlt selbst ins Labor zu tragen. Es ist sonst kein Personal dafür da. Ebenso gibt es für die Betten keinerlei Bettwäsche, keine Nachthemden, natürlich auch keine Klimaanlage was bei diesen Temperaturen sehr notwendig wäre, alles ist sehr einfach und das System funktioniert nur, weil von den meisten Patienten die Familienmitglieder im Krankenzimmer am Boden übernachten um als Betreuung für den Patienten da zu sein. Wenn man niemanden hat ist man arm dran… es gibt keine Nachtbetreuung, natürlich auch keine Notglocke, dafür hat man seine Verwandten um im Notfall durchs Haus zu laufen und zu versuchen einen Arzt zu finden. Zum Glück habe ich Bekannte hier in Venezuela, die sich rührend um mich kümmern, ich war seit der Einlieferung noch keine Minute allein. Diesen Menschen verdanke ich mein Leben. Im Moment habe ich nichts, als ich gerettet wurde trug ich nur eine Badehose, selbst das was ich derzeit am Leibe trage wurde mir nur von Freunden geliehen. Alles was ich besitze ist sofern es nicht gestohlen wurde, am Boot – und dieses ist bis zum Abschluss der Angelegenheit von den Behörden zur Beweissicherung beschlagnahmt worden, niemand darf das Boot betreten. Ich habe nichts, nicht einmal mehr meine Brille ohne die ich nichts sehen kann.

Freunde in Österreich haben für Claus Gintner ein Spendenkonto eingerichtet, eine Überstellung nach Österreich wird nämlich von der Versicherung nicht gedeckt. Wer dazu einen finanziellen Beitrag leisten möchte:
Konto-Nummer 651-0025.29, BLZ: 15000, Oberbank Dornach, lautend auf Claus Gintner

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Kommentare

4 Kommentare zu “Claus Gintner angeschossen”
  1. Theo Coox sagt:

    Habe in Februar eine 46 Fu- Yacht (Hunter 460) zu dritt berfhrt von Lanzarote nach Isla Margarita mit notstop auf den Kapverden. Es war bereits meine vierte Atlantikberquerung, dies mal werde ich bestimmte Regionen nicht mehr anlaufen!Auf den Kapverden (Sao Vicente) wrde geklaut wie die Raben. Auf Margarita lagen wir neben eine Yacht die auf dem Wege von Grenada nach Margarita berfallen wrde. Der Skipper hatte weniger “Glck” als Claus Gintner, er wrde gleich erschossen nachdem ein Schnellboot das schiff enterte. Der Bootsman kam mit einem Kniesch davon, die restliche Crew wrde ausgeraubt, blieb jedoch unverletzt. Werde diese Regionen meiden, trotz Sonnenschein und Steelbands ist mir jetzt ein verregneter Sommer auf der Ostsee im Pulli viel lieber!

  2. Ges. Mag. Peter LAUNSKY-TIEFFENTHAL sagt:

    Zu dem in Ihrem Magazin am 04.05. 2006 erschienenen Artikel “sterreichischer Weltumsegler in Venezuela von Banditen angeschossen”, darf ich als Leiter des Brgerservice der Rechts- und Konsularsektion des Bundesministeriums fr auswrtige Angelegenheiten wie folgt Stellung nehmen:

    Die sterreichische Botschaft in Caracas hat, unmittelbar nachdem sie von einer sich vor Ort befindlichen sterreicherin ber den berfall verstndigt worden war, Informationen eingeholt und die notwendige Hilfestellung angeboten, als Herr GINTNER in ein Armenkrankenhaus in Puerto La Cruz eingeliefert wurde. Die Botschaft war auch in regelmigem Kontakt mit der Lebensgefhrtin von Herrn GINTNER, Frau POSSERT, die zu diesem Zeitpunkt noch in sterreich war.

    Am 04.05. 2006 gelang es Herrn Konsul REHBERGER ber Herrn Mag. KHLER, der dem Bundesministerium fr auswrtige Angelegenheiten bei dessen Recherchen in sterreich von Herrn GINTNERS Sekretariat in Kefermarkt als Kontaktperson genannt worden war, den Namen und die Kontaktadresse der Privatklinik in Puerto La Cruz, in die Herr GINTNER inzwischen verlegt worden war, herauszufinden und mit Herrn GINTNER in der Klinik persnlich telefonischen Kontakt aufzunehmen. Genannter hat dem Konsul dabei mitgeteilt, dass es ihm den Umstnden entsprechend gut gehe und er in der Klinik gut aufgehoben sei. Er habe einige Personen (sterreicher und Venezolaner), die ihn betreuen und wolle vorerst trotz seiner Verletzungen in Venezuela bleiben. Die sterreichische Botschaft Caracas trat darber hinaus in Kontakt mit der Staatsanwaltschaft, die das Segelboot in der Zwischenzeit beschlagnahmt hatte, um der Spurensicherung die Untersuchungen zu ermglichen. Die Staatsanwltin besttigte der Botschaft, dass bis dato 4 der 5 mutmalichen Tter festgenommen worden seien.

    Betreffend die in der Privatklinik anfallenden Behandlungskosten konnte – da Herr GINTNER nicht versichert war – seitens der Botschaft eruiert werden, dass die Hafenbehrde der Gemeinde das Brgermeisteramt eingeschaltet hatte und der Brgermeister gemeinsam mit den Tourismusbehrden der Klinik gegenber eine Kostenbernahmegarantie abgegeben habe, der venezolanische Staat also, die Behandlungskosten bernehme.

    Um Herrn GINTNER persnlich zu untersttzen und dessen Lebensgefhrtin, Frau POSSERT, die eigens aus sterreich nach Puerto La Cruz anreiste und am Abend eintreffen wrde, zur Seite zu stehen, reiste Herr Konsul REHBERGER noch am 04.05. 2006 von Caracas nach Puerto La Cruz. Noch am selben Tag kam es zu einem ersten Zusammentreffen mit Herrn GINTNER in der Klinik. Am 05 .05. 2006 kam es zu einem Treffen mit sterreichischen Seglern sowie Polizeivertretern und dem Tourismusdirektor. Anschlieend besuchte der Konsul Herrn GINTNER neuerlich in der Klink und traf dort auch Frau POSSERT. Herr GINTNER hat dabei dem Konsul versichert, dass er sich bereits auf dem Wege der Besserung befinde und von seinen Segelfreunden und der Lebensgefhrtin gut betreut werde. Darber hinaus besichtigte Herr REHBERGER zusammen mit Frau POSSERT das beschlagnahmte Schiff von Claus GINTNER, wobei auch das Schadensausma festgestellt werden konnte. Da das Schiff seitens der Staatsanwaltschaft bis zum Abschluss der Voruntersuchungen weiterhin beschlagnahmt war, bemhte sich der Konsul, bei der Staatsanwaltschaft die ehestmgliche Freigabe des Schiffes zu erwirken und war im Spital bei der Einvernahme von Herrn GINTNER durch Richter und Staatsanwalt anwesend, um bersetzungshilfe zu leisten.

    Nachdem keine Notwendigkeit fr eine Fortsetzung des Besuches mehr gegeben war, reiste Herr REHBERGER am 06.05. 2006 wieder nach Caracas zurck.

    Abschlieend darf erwhnt werden, dass Herr GINTNER trotz diesbezglichen Angebots bis dato um keine finanzielle Untersttzung durch das Bundesministerium fr auswrtige Angelegenheiten ersucht hat. Genannter hat dem Konsul darber informiert, dass er beabsichtige, nach seiner Genesung noch in Venezuela zu bleiben, das Schiff zu renovieren und anschlieend zu verkaufen. Herr REHBERGER setzte sich am 09.05. 2006 erneut mit Herrn GINTNER telefonisch in Verbindung, um mit ihm gemeinsam zu prfen, ob ein Untersttzungsbedarf gegeben ist und wie dem entsprochen werden knnte. Bei diesem Gesprch hat Herr GINTNER erklrt, dass er keine finanzielle Untersttzung durch das Bundesministerium fr auswrtige Angelegenheiten bentige, da er bereits ausreichend Untersttzung von anderen Seiten erhalte, so habe zum Beispiel der rtliche Segelklub bei einer Sammlung fr ihn zuletzt USD 1.000,– aufgebracht.

    Ich darf Ihnen versichern, dass die sterreichische Botschaft Caracas Herrn GINTNER jegliche Form der Untersttzung bisher hat sowie auch in Zukunft wird zukommen lassen.

    In der Hoffnung, Ihnen mit der vorliegenden Information gedient zu haben, verbleibe ich

    mit freundlichen Gren

    Ges. Mag. Peter LAUNSKY-TIEFFENTHAL
    Bundesministerium fr auswrtige Angelegenheiten
    Abt. IV.5 Brgerservice

  3. Gottfried Prinz-Flp sagt:

    Ich finde diese Situation sehr erschtternd. Ich habe mir erlaubt, sofort das Auenministerium darber zu informieren und hoffe, dass ich damit irgendetwas fr Herrn Ginter tun habe knnen.
    Alles Gute und meine besten Wnsche, wenn ich auch kein Segler bin (leider noch nicht).
    Gottfried Prinz-Flp

  4. Johann MERNAK sagt:

    Man ist schon fassungslos was einem in der traumhaften Karibik passieren kann. Die Isla Piruti Afuera, sowie die Isla Piruti Adentro sind ja nur 3sm vom Festland entfernt.
    Hier kam ein sterreichischer Segler vllig unschuldig zum Handkuss. Ich vermisse (zumindest in dem Artikel) den Einsatz unserer sterreichen Botschaft! Hier muss auch seitens unserer Behrden raschest geholfen werden.
    In der Hoffnung, dass es unserem Claus bald wieder etwas besser geht wnsche ich ihm diesmal kein Mast- und Schotbruch sondern ein “Glck auf!”
    Hans Mernak

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