Langsam wird es ernst

Die fünfte Regattawoche hat begonnen und mit ihr auch die Ansteuerung des ersten Gates, etwa 1000 Meilen südwestlich von Kapstadt. Genauer gesagt fehlen mir noch 430 nm während ich diese Zeilen schreibe, aber eine ausgedehnte Schwachwindzone hat uns, Raphael Dinelli und mich, eingeholt und so kämpfen wir uns mit nur etwa 30 Meilen Abstand voneinander nach Südosten.

Vorteil bei der aktuellen Wettersituation: nach einigen Tagen des Starkwindes scheint die Sonne von einem wolkenlosen, stahlblauen Himmel und Nachts verstrahlen tausende Sterne und der Dreiviertelmond ihr Licht auf eine silbernfunkelnde See. Dazu das leise Rauschen des mit etwa 8 Knoten dahinziehenden Bootes, das Szenario könnte einer Seifenoper entstanden sein. Allerdings lassen sich die Indizien für den tiefen Süden, welchen wir anpeilen nicht mehr übersehen. Seit Tagen ist die Luft trockener und kalt, die Wassertemperatur hat in den letzten 8 Tagen um ganze 14 Grad abgenommen und liegt zur Zeit bei 11,5 Grad, also ist maximal noch zum Kneipen geeignet, und die alte, aus Westen laufende Dühnung lässt unmissverständlich erahnen, was sich in den nächsten Wochen, sobald der Westwind wieder einsetzt, auf uns zuwälzen wird.
An Bord ist alles für den großen Ritt vorbereitet, so man überhaupt alles vorbereiten kann. Letztendlich werden Seegang, Gesamtwettersituation, Pannen, Materialbrüche und ähnliches, die nächsten Wochen bestimmen. Entbehrung, Feuchtigkeit und Kälte, bleierne Knochen und wunde, aufgeweichte Hände aber auch zugleich die Wegpunkte, weshalb das Vendée Globe einfach der nautische Gipfelsturm genannt wird, warten auf uns. Alle großen Kaps des Südens, eines nach dem anderen, ohne Pause und danach wieder auftauchen, zurück in den Bereich unserer Ozeane, wo die Fische fliegen, das Wasser angenehm warm ist und der Ostfriesennerz einen völlig unnötigen Ausrüstungsgegenstand verkörpert. Um diese Augenblicke erleben zu können, alle Emotionen, Gefühle, Ängste und Freuden der nächsten Wochen, ebenso wie das Hochgefühl der Erleichterung wenn Kap Horn im Heckwasser verschwindet, genau deswegen laufen wir gerade SE, hinein in die 40er und 50er, auf die Westwindautobahn des Südens.

Liebe Grüße von der nauticsport-kapsch
Norbert

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