So arg wie nie zuvor

Die Wetterbedingungen wärend des gestrigen Tages und der vergangenen Nacht waren wirklich heftig. Eine sogenannte Troglage. Wenn das Wettersystem kippt, verändert sich der Luftdruck sehr schnell zuerst nach unten und nach einem Windsprung wieder nach oben. Ich hatte im Durchzug um die 80 Knoten Wind, das Baro auf 980,4 hpa und im Frontendurchzug so starken Regen, das ich große Schmerzen im Gesicht hatte und nur mit Mühe blinzeln konnte.

Alles in Allem war gestern das schlimmste Wetter für mich während dieser Vendée Globe. An Beschädigungen sind im Inneren Verwüstungen durch das mehrmalige Kentern. Eine Ölflasche ist gebrochen und durch den Innenraum in die Bilge geschleudert worden. Der Innenraum war danach ein einziger Eislaufplatz. Leider ist auch eine HDV-Videokamera von der Halterung abgerissen und in der "Ölwasserbilge" versunken. An Deck sind mehrere Blöcke und ein Fallenstopper gebrochen. Den Kiel konnte ich noch nicht inspizieren, aber die Ruder und das Rigg haben brav durchgehalten.

Die Besegelung während des gesamten Sturmes ab 13:00 UTC bis heute früh 03:20 UTC waren GR 3 und ein winziges Stück der GE2. GE2 aus dem Grund, da sie im eingerollten Zustand sehr hoch über dem Deck steht und der Seeschlag das Segeltuch nicht so voll trifft wie bei einer Arbeitsfock, welche direkt an Deck angeschlagen wird. Sie würde Tonnen von Wasser abbekommen, die Segeleigenschaften negativ beeinflussen und möglicherweise auch brechen.

Das Foto zeigt einen ziemlich schweren Brecher nach dem Durchstoßen, d.h. ich bin den Brecher von der anderen Seite angefahren, etwa 8 Meter hochgesurft, dann durch die Schaumkrone, auf der Welle etwa 30 Grad gedreht und auf der Rückseite, dies zeigt das Bild, wieder ins Wellental gerast. Ein tolles, aber auch ein sehr gefährliches Erlebnis. Wenn das Boot bei der Anfahrt zum Wellenkamm den Schwung verliert, wird es von der Welle wieder zurück gerissen. Man wendet diese Taktik aber gezwungener Maßen an, wenn das Absurfen vor der Welle zu gefährlich ist, oder wenn man eben am Wind gegen die Welle segelt, so wie ich. Gestern habe ich beides gemacht, zuerst gegenan und als das nicht mehr ging, eben quer zum Seegang und die Brecher druchstoßen.

Angesichts der Leistung werde ich meine alte Lady nie mehr beleidigen. Im Gegenteil, ich bin wirklich überrascht wie souverän sie dieses Schwerwetter und vor allem die Knockdowns in den Squalls weggesteckt hat. Wäre das Rigg mit Outriggern versehen gewesen, hätte das gestrige Wetter möglicher Weise den Mast gekostet. Bei meinem klassischen Rigg taucht zuerst der GR-Baum, danach das Lazybag, dann das stehende Segel und erst dann die Saling ein. Also zu einem Zeitpunkt, wo die Fahrt schon stark vermindert ist. Bei Riggs mit Outriggern taucht zuerst der Outrigger ein und das ist eben eine enorme Belastung für die Abspannung.

Liebe Grüße
Norbert

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