Was ist mit dem olympischen Windsurfen los?

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SkipperAlex
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Was ist mit dem olympischen Windsurfen los?

Ungelesener Beitragvon SkipperAlex » 13. August 2016, 08:34

Im Jahr 2000 stellten wir den Olympiasieger im Windsurfen.

Im olympischen Jahr 2016 haben wir keinen Teilnehmer.

Ja nicht einmal in der Sichtungsgruppe ( Jugendliche bis 18 Jahre) des ÖSV gibt es einen Windsurfer.

Warum ist da so?
www.b3-onwater.at

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Re: Was ist mit dem olympischen Windsurfen los?

Ungelesener Beitragvon Stehsegler » 17. August 2016, 15:00

Hallo!
Du hast ein sehr interessantes Thema angeschnitten! 2 von 10 olympischen Segelbewerben sind Windsurfbewerbe, leider hat noch niemand auf deine Frage(n) geantwortet. Da ich einige Jahre im Regatta-Windsurfen als Sportler aktiv war und dieses Forum von Zeit zu Zeit aufgrund des "Unterhaltungswerts" mancher Beiträge besuche, möchte ich mich in die Diskussion einbringen. Weiters freut es mich irgendwie, dass sich jemand in einem überwiegend von Seglern besuchten Forum über die Regatta-Windsurfer Gedanken macht! Ich hoffe allerdings, dass dieses Interesse wirklich dem Windsurfen gilt und nicht nur nach einer Möglichkeit gesucht wird, den formal zuständigen Sportverband (=ÖSV) zu kritisieren. (Scheint mir ein beliebter "Sport" in diesem Forum)

Da dieses Thema sehr umfangreich ist, versuche ich eine kurze und eine etwas ausführlichere Antwort zu geben und da wir uns eher in einem "Segler-"Forum befinden, auf die Relevanz für den österr. Segelsport einzugehen.

Versuch einer kurzen Antwort:
Das olympische Windsurfen ist eine unglaublich komplexe Sportart mit einer sehr hohen internationalen Leistungsdichte. Aufgrund der Erlaubnis (und Notwendigkeit) des "Pumpens" ist neben hoher segel-taktischer Kompetenz (es werden wie bei anderen Segelklassen Up-Down Kurse gefahren) auch extreme körperliche Fitness notwendig, um international mithalten zu können. Ich wage zu behaupten, dass die Goldmedaille 2000 zum absolut überwiegenden Teil dem unglaublichen Durchhaltevermögen und der Willenskraft eines Ausnahmeathleten zu verdanken ist: Christoph Sieber. (Alex: wen meinst du mit "wir"?). Auch 16 Jahre danach ist Christophs Sieg nicht hoch genug einzuordenen, insbesondere wenn man z.B.: seine "Nicht-Nominierung" für die Spiele 1996 bedenkt. Es gibt eine/n derartige/n Ausnahmeathleten/in im olympischen Windsurfsport in Österreich derzeit nicht. Deswegen gibt es auch keine/n Teilnehmer/in in Rio. Derzeit scheint es von Verbands-/Clubseite auch wenig Bestrebungen zu geben etwa über die international sehr aktive und erfolgreiche Jugendklasse "Bic Techno" junge Sportler/innen an das olympische Windsurfen heranzuführen. Aus diesem Grund gibt es vermutlich auch niemanden in der Sichtungsgruppe. Wie schon oben angedeutet, wäre aber eine einseitige "Schuldzuweisung" in Richtung Segelverband viel zu kurz gegriffen.


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Für Interessierte der Versuch einer etwas ausführlicheren Antwort:
(1) Heterogene Windsurf-Community
Windsurfen ist aufgrund der hohen Geschwindigkeit und der "direkten" Kraftübertragung ein ausgesprochen intensives Erlebnis. Auch nach über 20 Jahren ist es für mich nochimmer ein Genuss einfach nur über das Wasser zu gleiten oder ein schönes Manöver zu fahren. "Gefühl" und "Flow" sind wichtige Aspekte dieser direkten Naturerfahrung. In diesem Sinne ist es glaube ich für viele Windsurfer etwas seltsam, sich bei diesem Erleben von Wasser und Windkraft mit anderen zu messen. Daher führt meiner Meinung nach das "Wettkampf-"Windsurfen generell ein Nischendasein, auch innerhalb der Community. Weiters gliedert sich "Wettkampf-"Windsurfen in sehr unterschiedliche Disziplinen. Diese reichen von "Freestyle/Wave" (Wettkampfmodus vegleichbar mit Eiskunstlauf/Turnen), "Slalom" (Nur Halbwind und/oder Raumwindkurse), "Kursrennen" (Kreuz/Vorwind wie bei Segelregatten) bis zu "Speed" (Höchst-Geschwindigkeit, oftmals per GPS gemessen). Das olympische Windsurfen (eine One-Design Klasse) ist daher nur ein Teilbereich eines Teilbereichs ("Kursrennen") und weiters ein absoluter Hochleistungssport (Segel-Taktik + Fitness). Auch beim Segeln kommen die wenigsten Hobby-Segler auf die Idee, eine 49er Kampagne zu starten. Beim Windsurfen verhält es sich ähnlich. Weiters kann beim Windsurfen in den letzten Jahren in Österreich ein etwas rückläufiger Trend beobachtet werden. Äusserst positiv sehe ich daher die Bestrebungen der Klassenvereinigung (Windsurfing Austria), in den letzten Jahren wieder mehr Windsurfer zum "Wettkampf-"Surfen zu bringen. Die Prioritäten scheinen hier vorerst im "Slalom" und "Speed" Bereich zu liegen. Weiters werden auch Kinder- und Jugendcamps veranstaltet. Ob dadurch junge an "Kursrennen" und olympischem Windsurfen interessierte Leistungssportler/innen gewonnen werden können, ist allerdings fraglich. Es stellt sich aber auch die Frage, ob dies überhaupt die Aufgabe der Windsurf-Klassenvereinigung ist.

(2) Segler-Community
Einige der Heute auf Top-Niveau agierenden olympischen Windsurfer/innen haben ihre erste Regatta-Ausbildung in jungen Jahren im Opti erhalten. Der Modus der olympischen Windsurfklasse ist weit näher an einer Segelregatta als an den meisten anderen Surf-Disziplinen. Ich bin sogar der Meinung, dass RS:X vom Laser/Finn nicht viel weiter entfernt ist als z.B.: 49er/Nacra von Laser/Finn. Umso befremdlicher erschien mir daher das Verhalten des internationalen Segelverbandes und auch einiger nationaler Verbände (auch des ÖSV) bezüglich der Streichung des Windsurfens aus dem olympischen Programm. Hier wurde, ich denke teils aus Unwissenheit teils aus taktischem Kalkül, eine Sportart (Windsurfen) für eine andere Sportart (Kitesurfen) geopfert. Dass es sich hierbei um zwei verschiedene Sportarten handelt, die als Randgruppen innerhalb der "Segel-"Verbände gegeneinander ausgespielt wurden um bestehende Segelklassen im Programm zu halten ist sehr bedauerlich (Aufgrund der Unfähigkeit/des Unwillens neue Medaillen-Bewerbe für die neue Sportart Kitesurfen zu schaffen). Die Entscheidung musste nach monatelanger Unsicherheit zurückgenommen werden und der Schaden, den beide Sportarten genommen haben war riesengroß. Für die Windsurfer, weil sie aus heiterem Himmel ihrer Unterstützung beraubt wurden und jahrelange Aufbauarbeit junger Athleten mit einem Streich scheinbar zunichte gemacht wurde. Aber auch die aufstrebende und unglaublich schnell gewachsene Sportart Kitesurfen wurde mit diesem peinlichen Schauspiel vorerst um ihre Olympiachancen und somit einen weiteren Entwicklungsschritt gebracht.
Persönlich finde ich, dass die olympische Windsurfklasse durchaus ihren Platz als Olympiabewerb verdient hat, da sie für die Erfordernisse einer olympischen "Segel-"Klasse sehr gut geeignet ist und keinen Vergleich mit anderen Segel-Klassen zu scheuen braucht -- (Sportlich hohes Niveau, Wettfahrten von 3 bis 30 Knoten Wind möglich, vergleichsweise geringe Kosten, international starke und funktionierende Jugendklasse "Bic Techno", spektakuläre TV-Bilder ab 10 Knoten Wind). Auch das Kitesurfen (zusätzlich zum Windsurfen) wäre sicherlich interessant.

Um zur ursprünglichen Frage zurückzukehren: Der ÖSV hat nach 2012 auf das Kitesurfen gesetzt und sich verkalkuliert, da die Entscheidung international zurückgenommen wurde. Ich denke, dies ist mit ein Grund wieso es keine Windsurfer/innen in der Sichtungsgruppe gibt (zusätzlich zu den in Punkt (1) genannten Gründen). Interessanterweise finden sich aber auch keine Kitesurfer/innen in der Sichtungsgruppe. Dies ist insofern bemerkenswert, da 4 von 5 (vier von fünf!) "Segel-"bewerbe bei den YOUTH OLYMPIC GAMES 2018 Windsurf- und Kitesurf-bewerbe sein werden! Bei dieser Veranstaltung hat Lara Vadlau einst (2010) Gold gewonnen. Ich frage mich, ob der österr. Segler-Community (und ich meine hier nicht nur den Verband!) die internationale Bedeutung schneller, medial-attraktiver "Segel-"klassen (dazu zählen auch die Wind- und Kitesurfer) bewusst ist.

Quellen:
http://www.segelverband.at/de/spitzensp ... -olympisch
http://www.sailing.org/events/youtholym ... /39589.php

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Blick in die Zukunft
Meines Wissens bleibt RS:X/Windsurfen bis 2020 olympisch. Wird es 2020 eine/n österr. Starter/in bei Olympia geben? Halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Was nach 2020 passiert und ob es 2024 überhaupt noch Windsurfen bei Olympia geben wird, lässt sich meiner Meinung nach auch aufgrund der Unberechenbarkeit der internationalen Segelverbände derzeit nicht abschätzen. Sehr interessante Zukunftskonzepte wurden aber seitens der Windsurf-Industrie bereits vorgestellt (Stichwort: Foiling, Siehe auch: https://www.youtube.com/watch?v=J7GAIofWnb0) und diese könnten einen wichtigen Impuls auch für den Segelsport darstellen. Ich denke, es liegt an den Surfern (Wind- und Kitesurfer!) in den Segel-Verbänden (die eben hauptsächlich aus Seglern bestehen) Aufklärungs- und Lobbying-Arbeit zu betreiben um den Olympiastatus zu halten (Windsurfer) bzw. zu bekommen (Kitesurfer).

Was hat Regatta-Windsurfen eigentlich mit dem österr. Segelsport zu tun?
Ich glaube mehr als viele Segler vermuten.
Wie auch in Punkt (2) beschrieben, liegen Regatta-Segeln und -Windsurfen ("Kursrennen") in vielen Bereichen sehr nahe beieinander. Eventuell kennen manche in ihrem Familien-/Bekanntenkreis junge Segler/innen die dem Opti entwachsen sind, sich aber nicht so richtig für eine andere Segelklasse begeistern können und das Interesse am Segelsport verlieren. Für mich persönlich war es als Jugendlicher weitaus interessanter auf dem Surfbrett um den Regattakurs zu jagen als mich sitzend, vergleichsweise langsam, in einem Boot um die Tonnen zu "quälen". Es gibt mit "Bic Techno" eine ideale Klasse für Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren die nach einer neuen Herausforderung in ihrer "Segel"-Karriere suchen. Dies ist mit vergleichsweise geringem finanziellem und organisatorischem Aufwand möglich. Weiters ist auch nach einem "Surf-Ausflug" der Wechsel in eine schnelle Katamaran-, Skiff- oder sogar Foiling- Segelklasse nicht ausgeschlossen. Ganz im Gegenteil: Die beim Regatta-Windsurfen erlernten Fähigkeiten bezüglich Koordination, Kraft, Ausdauer und Segel-Taktik bilden sicherlich für viele zukünftige schnelle Segelklassen eine hervorragende Basis! Auch der spätere Wechsel zum Kiteboard-Racing ist möglich.
Ich möchte daher Eltern und Verantwortliche in den Segelclubs einladen eventuelle Berührungsängste bezüglich Surfen abzubauen. Dies könnte dazu beitragen den Segelsport zu verjüngen (Liegt vermutlich eher im Interesse der Segler, den meisten Surfern dürfte dieser Aspekt eher egal sein). Ich kenne mehrere Windsurfer aus Jugendtagen die sich mit fortgeschrittenem Alter (30+) neben ihrer Leidenschaft fürs Surfen nun auch dem Yacht-/Fahrtensegeln zuwenden (mich eingeschlossen).

Um eine Idee von dieser spannenden Jugendklasse zu bekommen schaut euch doch einfach mal dieses kurze Video zu den Youth Olympic Games 2014 an: https://www.youtube.com/watch?v=MLplbbFakKE
Ich denke, dies ist der richtige Weg um junge Menschen für Sport, Wind und Wasser zu begeistern, egal ob diese später einmal mit Jolle, Yacht, Windsurf, Kitesurf oder gar Foil unterwegs sein werden! Diese Begeisterung ist dann auch die Basis für die Ausnahmeathleten/innen die es, in welcher Segelklasse auch immer, bis zu den olympischen Spielen schaffen!


In diesem Sinne: Hang-Loose!

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Re: Was ist mit dem olympischen Windsurfen los?

Ungelesener Beitragvon Lehnard » 18. August 2016, 15:55

diese Olympia-Spiele sind überhaupt schwach. so wenig wie in diesem Jahr habe ich die Spiele noch nie geschaut
Grüße,
Lehnard


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