Abgang eines Großen

Was ist bloß los mit dieser Welt? Oben ist unten. Falsch ist richtig. Fake ist echt und die Wahrheit verloren. Wie soll man sich in diesem Chaos zurecht finden? Vor allem jetzt, nachdem Bob Grieser* alias „The Reverend Bobby G from the Church by the Sea”, abgelegt hat für den letzten Schlag nach Fiddler's Green, wo Helden für immer vor Anker gehen.

War’s nicht grade gestern, dass wir uns kennenlernten? Bei der Catfight-Regatta in Mission Bay, wo die Schiffe flogen, kenterten und auf den Felsen klebten. Ohne Fotoboot-Fahrer ging da nix, also hast du kurzerhand einen mit Akzent eingestellt. Der Typ stand rum, wusste von nichts, träumte aber von einem Leben als Segelschreiber. Und weil wir dabei nicht auf den Felsen landeten, entstand eine lange Freundschaft mit vielen gemeinsamen Abenteuern: Matchracing auf einem Zwölfer. Gourmet-Charter in der Karibik. Im Müllcontainer bei den Allemand Brothers. Im Heißluftballon über Red Rock. Abwettern stark rumhaltiger „Sturmböen” in Philipsburg. Lustsegeln mit der Yacht von Humphrey Bogart. Bier mit den letzten Austernfischern von Eastport.

Leute mit steifem Kreuz wurden von dir einfach angebellt: Wuff! Das zauberte ein Lächeln auf die Gesichter. Hast du auch als Fotograf im Weißen Haus gemacht; nur Ronald Reagan hat je zurück gebellt.

Und es waren deine 20 Dollar, die mich vor der Deportation bewahrten, damals, in St. Maarten, als sich Geldtasche samt Green Card unerlaubt entfernt hatten. So ein Missgeschick im feindlichen Ausland war nämlich auch schon vor Trump richtig fies.

Aber ich hatte ja Bobby Grieser, der auf mich aufpasste. Immer gut drauf, immer großzügig ohne Ende. Damit hast du dir überall Freunde gemacht. Dein bester Freund aber war Georgia, deine Frau, die dich auf Kurs und den Herd warm hielt. Für all die Streuner wie mich, die dir nur zu gern nach Hause folgten.

Gut Wind und Handbreit, mein Freund. Wir Hinterbliebenen müssen uns nun ohne deinen Rat und Witz einen Reim machen auf diese verrückte Welt. In der Church by the Sea zünde ich ein Licht an, doch danach wird gefeiert: Ein Hoch auf dein buntes Leben und die wunderbaren Erinnerungen, die du uns hinterlassen hast.

* Bob Grieser (Los Angeles Times, Washington Star), der als Fotograf für viele renommierte Wassersportmagazine weltweit, darunter auch die Yachtrevue, gearbeitet hat, verstarb Ende Januar in San Diego im Alter von 70 Jahren.

Weitere Artikel aus diesem Ressort

Ressort Layline
Fast bis zum Himmel reichte der Stapel Boote auf seinem Anhänger. Schick waren sie nicht, diese kleinen Dingis, aber voller Charakter. Und sie erzählten Geschichten, die sie über Jahrzehnte in ihre Planken aufgesogen hatten. Dan hieß der Mann am Steuer des Pickups, ein gutmütiger Bär, der auf dem Heimweg nach Kalifornien geduldig auf die nächste Fähre zum Festland wartete. „Wracks, die ich zusammengeschnorrt habe, um sie mit meinen Schülern zu res­taurieren“, antwortete er auf die sich aufdrängende Frage. Das ist nun schon einige Jahre her.









 

Der beste Tag

Ressort Layline
Handwerk, so sagt man, hat einen goldenen Boden. Bootsbauer sind derzeit besonders gefragt, denn die Auftragsbücher der Werften sind voll. Allerdings findet sich nicht ausreichend qualifiziertes Personal, um alles zeitgerecht abzuarbeiten und auszuliefern. Die Wartezeiten ziehen sich und viele jammern über den Geschäftsentgang. Aber so schaut es aus, wenn das Analoge Rache nimmt am Digitalen und am Mantra “Uni oder nix”. Die Welt ist voll von Akademikern, die in der Regel viel wissen, aber wenig Konkretes schaffen (Spieglein, Spieglein an der Wand …). Wenn alle Programmieren lernen und sich mit Prozessoptimierung herumschlagen, aber keiner an der Werkbank steht, wer soll dann noch ”normales Zeug” herstellen? Die Polen? Shenzhen? Und überhaupt: Kommen nicht eh bald die Roboter und das bedingungslose Grundeinkommen?









 

Leo hat Handwerk

Ressort Layline
Kennen Sie Paul Bieker? Nein? Kein Grund für falsche Scham. Ist ja keiner, der gern und oft im Rampenlicht steht. Ich nenne ihn spaßhalber den Effizienzpapst und der hat mir unlängst Audienz gewährt. Nicht in einem Palast, sondern in einem unscheinbaren Büro, im Stadtteil Ballard in Seattle, wo Schlepper, Fähren und Fahrzeuge für die Berufsfischerei gebaut werden.









 

Eminent effizient

Ressort Layline
Wie lange lass ich mir so viel Bullshit noch gefallen? Der Internetprovider will mal wieder mehr Kohle für weniger Leistung. Geldgierige Investoren schmeißen verdiente Kollegen raus, weil sie Gehaltsempfänger sind. Und die Marie für meinen Rentenkreuzer kassiert eine Uni, die der Tochter ein imposantes aber wertloses Bachelor-Degree aushändigen wird. Hauptsache, unterm Strich stimmt's und der Hamster rennt brav in seinem Radl.









 

Die Arche des App

Ressort Layline
Das Meer, so heißt es, findet unbarmherzig die Schwachstelle an Schiff und Besatzung. Kleinigkeiten, die schiefgehen, können sich von einem Moment zum anderen zum gigantischen Clusterfuck ausweiten. Grad so, wie es Karl-Heinz Meer Senior und Junior aus Westfahlen am eigenen Leibe erfahren mussten. Sie hatten sich bei eBay eine betagte Oceanis 430 zum Schnäppchenpreis geholt und wollten damit gleich auf der ersten Fahrt von Panama nach Bremerhaven schippern. Ein Abenteuer, das im Rettungshubschrauber endete.









 

Zahlen, bitte!

Ressort Layline
Surfen in Hawaii? Safari in Sambia? Trekking in Nepal? Maturareisen zu exotischen Destinationen sind en vogue. Wer authentisches Abenteuer im Sinn hat, könnte es auch wie Henry Veitenhans machen. Der 17-Jährige schloss kürzlich die Highschool in Port Townsend im US-Bundesstaat Washington ab und erklärte das berüchtigte Race to Alaska zu seiner Maturareise: 750 Meilen im offenen Boot nach Ketchikan, bei knapp zweistelligen Wasser- und Lufttemperaturen. Erlaubte Vortriebsmittel: Wind und Muskelkraft.









 

Erst Abi, dann Alaska