Abschied von zwei Seefahrern

Es war ein Tag, wie man ihn nicht bestellen kann. Die Juan de Fuca Sraße, die im Nordwesten die USA von Kanada trennt, trug ihr bestes Blau. Nur ein Haucherl Wind bei leichter Dünung und wenig Strom. Es war der Tag des Abschieds. Bei mir im Kajak waren zwei Kupferurnen, die von Vater Siegfried, der vor elf Jahren nach Fiddler’s Green übergesetzt war und dessen sterbliche Übereste sich seither in einem öden Urnengrab am Villacher Zentralfriehof hatten langweilen müssen, und die von Mutter Rosmarie, die im Mai nach längerem Leiden dem alten Herrn gefolgt war. Die Asche seiner Altvorderen zu verstreuen ist eine schöne, eine einmalige Pflicht. Umso schöner, wenn man diese Zeremonie im Kreis der Familie, die dem Geschehen an Deck des majestätischen Schoners Martha beiwohnt, vornehmen darf. Mit Bedacht und ganz ohne Slapstick-Effekt leerte ich den Inhalt der Kapseln behutsam in den kobaltblauen Ozean. Erst Vater, dann Mutter, so wie’s immer war. Während ihre Asche in silbrigen Kaskaden in die Tiefe sank, kamen die Erinnerungen. Zuerst an die guten Zeiten, die wir Kinder gemeinsam mit den Verschiedenen auf einem Boot verbracht hatten. Biograd, Kornaten, Limski Kanal oder Rovinj tauchten aus dem Meer der Erinnerungen auf. Aber auch weniger unterhaltsame Momente, wie der zerfetzte Spi mit den Kärntner Farben, der sich nach einem verhauten Manöver nur mit dem Messer bergen ließ. Oder jene Nacht im Hafen von Mali Losinj, in der sich Vaters Selbstbau-Kat mit schlierendem Heckanker im Sturm beinahe an der Mole aufgearbeitet hätte. Oder das Mann-über-Bord-Manöver, bei dem einer aufzufischen war, der sich, nur mit einer Ray Ban bekleidet, an einem limettengrünen Portapotti festhielt, aus dem der stinkende Inhalt gurgelnd entwich. Lehren fürs Leben, über die wir heute lachen, weil sie Teil der Familiengeschichte sind, in der an diesem Tag eine neues Kapitel begann. Ein letzter, von Tränen getrübter Blick in das Blau des Meeres verriet, dass die Ebbe den Sternenstaub unserer beiden alten Seefahrer Richtung Westen, also hinaus auf den Pazifik trug. Auf dem Schoner wurden flugs die Segel gesetzt, denn die nächste Generation will noch Meilen machen. Die Nelken, die die letzte bekannte Position von Siegfried und Rosmarie markierten, entschwanden langsam im Kielwasser.

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Technologiewandel lässt sich im historischen Kontext auf Motor- und Segelboote abbilden. Wie zum Beispiel das Ping-Pong-Spiel, das Ende des 19. Jahrhunderts begann, als der Mensch sich anschickte, den kontrollierten Flug zu erlernen. Der gelang bekanntlich den Gebrüdern Wright erstmals 1903 und nur drei Jahre später raste der italienische Ingenieur Enrico Forlanini mit einem 60-PS-Mobo auf Foils mit fast 37 Knoten über den spiegelglatten Lago Maggiore. Fliegen am Wasser gleicht dem in der Luft. 1918 foilte der Erfinder des Telefons, Alexander Graham Bell, zu einem Weltrekord und danach entwickelten Deutsche, Russen und Amerikaner foilende Kriegsschiffe mit brachial vielen PS. Doch der nächste wichtige Impuls kam nicht von Flugzeugturbinen, sondern vom Wind, der unregelmäßig und vergleichsweise wenig Kraft liefert. Foilende Segelboote nahmen 1938 ihren Anfang mit der Konstruktion des Amerikaners Bill Carl. 1955 wurde die Monitor gewassert, die sogar 40 Knoten geschafft haben soll. In den 1970ern gab’s bei der Weymouth Speedweek foilende Tornado-Kats, 1980 brach Eric Tabarly mit dem foilenden Trimaran Paul Ricard den Transatlantik-Rekord. Doch so richtig in Fahrt kamen ”fliegende Segelboote” erst in den 1990er Jahren mit dem Serienboot Hobie Trifoiler und der Moth-Klasse, zwei Wegbereitern für die vielen foilenden Multihulls, vom olympischen Nacra über AC-Renner bis zu den gigantischen Trimaranen. Auch Kielboote wie IMOCAs oder Mini 650 foilen nun unverschämt, wie auch Laser und Opti. Für alle gilt: Mit wenig(er) Widerstand reicht wenig(er) Power zum Brettern. Und das ganz ohne Wellen.









 

Idee für den See

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Man stelle sich vor: Es ist Redaktionsschluss und keiner geht hin. So fühlt es sich an, wenn ich mich in den Büros der diversen Wassersport-Magazine umsehe. Entweder die Belegschaft wurde aufs Skelett abgemagert und stöhnt unter der Arbeitslast (Motto: mehr mit weniger) oder es ist eh schon lange Schicht im Schacht. Ein Produkt, das ehemals von einem Dutzend (oder mehr) Menschen vor Ort hergestellt wurde, macht heute eine Handvoll (oder weniger) und die sind meist weit verstreut. Der Rest? Wegrationalisiert und wegautomatisiert. Sind Schreiber und Knipser also bald fällig für das universelle Grundeinkommen, den Hungerlohn fürs Nichtstun? Vielleicht.









 

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In der Eintönigkeit des Alltags schätzt der Mensch freudige Überraschungen. Unlängst steckte ein dicker Umschlag im Briefkasten mit einem Rezensionsexemplar von "Supernavigators", dem neuen Buch von David Barrie. Der ehemalige Diplomat ihrer Majestät und Justizreformer ist nicht nur passionierter Segler, sondern auch Mitglied des Royal Institute of Navigation. Vor fünf Jahren legte Barrie sein viel beachtetes Erstlingswerk "Sextant" vor (auf Deutsch im Mare-Verlag erschienen), das von der Geschichte und den geopolitischen Auswirkungen des Sextanten handelt.









 

Wahre Navigationskünstler

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Als einziger Preisträger des European Yacht of the Year Wettbewerbs sprintete Matthieu Bonnier in Düsseldorf auf die Bühne, wo ihm für seine LiteXP die Siegestrophäe in der Kategorie Spezialyachten ausgehändigt wurde.









 

Zeichen der Vernunft

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Das Zen der Flasche

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