Alles Algorithmus

„Wir laden uns’re Batterie, jetzt sind wir voller Energie. Wir sind die Roboter, wir sind die Roboter … Wir funktionier’n automatik, jetzt woll’n wir tanzen mechanik. Wir sind die Roboter … Ja tvoi sluga, ja tvoi rabotnik. Wir sind auf alles programmiert und was du willst wird ausgeführt.“

Kraftwerk antizipierte schon 1978 den heutigen Alltag: Elektronische Helferlein werden schlauer und penetranter. Nicht genug damit, dass neurotisch piepsende Assistenzsysteme beim Einparken nerven oder der Rückspiegel von Kamera und Bildschirm ersetzt wird, auch am Segelboot, das man früher gern bestiegen hat um Dinge selbst zu erledigen, geht das Auslagern von operativen Kompetenzen munter weiter. Das Prinzip „Alles auf Knopfdruck“ wird in Zukunft durch intelligente Systeme abgelöst, die dank Sensoren und Algorithmen alles im Griff haben. Der fehleranfällige Mensch wird damit auf die Rolle des quasi-entmündigten Passagiers reduziert, der nur noch auf Bildschirme starrt, wenn er nicht gerade mit einem Cocktail faul in der Sonne schmort. „Wir glauben, dass künstliche Intelligenz auf Freizeitbooten einen Platz haben wird, weil diese Systeme extrem lernfähig und mittlerweile auch robust und verlässlich genug geworden sind,“ erzählte mir Kat-Konstrukteur Gino Morrelli von Morrelli & Melvin kürzlich. Schlaue Steuer- und Trimmsysteme könnten demnach mithilfe der eingehenden Boots- und Umweltdaten das Schinakel völlig autonom pilotieren. Na servas.

Fern ist er also nimmer der Tag, an dem es heißt: „Siri, zum Kaffee nach Pörtschach!“ Den Rest erledigt die Technik. Was bleibt dem Skipper? Möwenschiss abkärchern? Leinen aufschießen? Einkäufe erledigen, die der Bordkühlschrank per Snapchat aufs Telefon geschickt hat?

Kraftwerk in Ehren, doch da gab’s doch diesen Goethe. Der hatte von Computern und Algorithmen keinen Schimmer, brachte aber schon anno 1797 das Dilemma von Mensch und Maschine auf den Punkt: „Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.“ Gilt heute mehr denn je. Künstliche Intelligenz wird uns deshalb über kurz oder lang das Steuer entreißen, damit wir in unserer natürlichen Dummheit keine Fehler mehr machen können, aus denen wir schlauer würden.

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