Alles klar, Frau Kommissar

Die Kleinstadt Port Townsend im Bundesstaat Washington, zwei Autostunden nördlich von Seattle, ist ein Mekka für Bootsfreunde. Toll gelegen, alternativ von der Ausrichtung, dabei freundlich und relaxed mit reichlich viktorianischer Architektur. Eine Bootsbauschule gibt’s dort, den Start zum berüchtigten Race to Alaska und das berühmte Holzboot-Festival Anfang September. Dazu eine Konsumgenos-senschaft und eine richtig gute Werft-Kooperative. Leider auch eine Papierfabrik, die noch dampft. Also mehr Simmering als Velden.

Entdecker George Vancouver benannte die Bucht 1792 nach seinem Freund Marquis of Tonwnsend. Die entstandene Siedlung der Weißen sollte eigentlich Handelszentrum werden, denn der Hafen liegt denkbar günstig am Schnittpunkt der Juan de Fuca-Straße mit dem Puget Sound. Doch die Eisenbahn wurde drüben auf der Ostseite gebaut. Somit wurde Seattle Weltmetropole, während Port Townsend in die Rolle des kleinen gallischen Dorfs schlüpfte, das sich gegen den Ausverkauf an Immobilienmakler und die Gentrifizierung wehrt, die mit dem Zuzug reicher Amazon- und Microsoft Pensionisten grassieren, während junge Bootsbauer auf abgetakelten Schiffen hausen müssen.

Bei den Bezirkswahlen gab’s unlängst einen Sieg für die Bootsbauindustrie. Mit Pam Petranek wurde die erste Frau in der 95-jährigen Geschichte des städtischen Hafens in jene dreiköpfige Kommission gewählt, die alle wichtigen Entscheidungen trifft, vom Code für die Marinaduschen bis zum Neubau der Molen und Anlegern. „Scheitern ist für unseren Hafen keine Option“, sagt Petranek, Mutter von drei Kindern, begeisterte Seglerin, die früher ihre eigene Rennyacht skipperte und als gewerbliche Fischerin in Alaska ihre Brötchen verdiente. Sie spricht leise, aber das täuscht. Sie ist eine, die anpackt, die sich was traut und deshalb von den bootsbegeisterten Konstituenten mit diesem Job betraut wurde.

"Unser Erfolg ist kritisch für das lokale Gewerbe“, fügt sie an und erwähnt eine Wirkungsanalyse, die belegt, dass hier weit mehr als 2.000 Jobs von Bootsbaubetrieben abhängen, die jährlich 12,6 Millionen Dollar Steuereinnahmen in die Kassen von Stadt, Landkreis und Bundesstaat spülen.

Ebenfalls ungewöhnlich für die USA: Die Wähler akzeptierten eine neue Eigentumssteuer für die Renovierung der Hafeninfrastruktur. „Das muss ich wirklich sauber hinbekommen“, sagt Petranek. Nicht verängstigt, sondern mit Entschlossenheit. Die richtige Frau für dieses sympathische Dorf.

Weitere Artikel aus diesem Ressort

Ressort Layline
Technologiewandel lässt sich im historischen Kontext auf Motor- und Segelboote abbilden. Wie zum Beispiel das Ping-Pong-Spiel, das Ende des 19. Jahrhunderts begann, als der Mensch sich anschickte, den kontrollierten Flug zu erlernen. Der gelang bekanntlich den Gebrüdern Wright erstmals 1903 und nur drei Jahre später raste der italienische Ingenieur Enrico Forlanini mit einem 60-PS-Mobo auf Foils mit fast 37 Knoten über den spiegelglatten Lago Maggiore. Fliegen am Wasser gleicht dem in der Luft. 1918 foilte der Erfinder des Telefons, Alexander Graham Bell, zu einem Weltrekord und danach entwickelten Deutsche, Russen und Amerikaner foilende Kriegsschiffe mit brachial vielen PS. Doch der nächste wichtige Impuls kam nicht von Flugzeugturbinen, sondern vom Wind, der unregelmäßig und vergleichsweise wenig Kraft liefert. Foilende Segelboote nahmen 1938 ihren Anfang mit der Konstruktion des Amerikaners Bill Carl. 1955 wurde die Monitor gewassert, die sogar 40 Knoten geschafft haben soll. In den 1970ern gab’s bei der Weymouth Speedweek foilende Tornado-Kats, 1980 brach Eric Tabarly mit dem foilenden Trimaran Paul Ricard den Transatlantik-Rekord. Doch so richtig in Fahrt kamen ”fliegende Segelboote” erst in den 1990er Jahren mit dem Serienboot Hobie Trifoiler und der Moth-Klasse, zwei Wegbereitern für die vielen foilenden Multihulls, vom olympischen Nacra über AC-Renner bis zu den gigantischen Trimaranen. Auch Kielboote wie IMOCAs oder Mini 650 foilen nun unverschämt, wie auch Laser und Opti. Für alle gilt: Mit wenig(er) Widerstand reicht wenig(er) Power zum Brettern. Und das ganz ohne Wellen.









 

Idee für den See

Ressort Layline
Man stelle sich vor: Es ist Redaktionsschluss und keiner geht hin. So fühlt es sich an, wenn ich mich in den Büros der diversen Wassersport-Magazine umsehe. Entweder die Belegschaft wurde aufs Skelett abgemagert und stöhnt unter der Arbeitslast (Motto: mehr mit weniger) oder es ist eh schon lange Schicht im Schacht. Ein Produkt, das ehemals von einem Dutzend (oder mehr) Menschen vor Ort hergestellt wurde, macht heute eine Handvoll (oder weniger) und die sind meist weit verstreut. Der Rest? Wegrationalisiert und wegautomatisiert. Sind Schreiber und Knipser also bald fällig für das universelle Grundeinkommen, den Hungerlohn fürs Nichtstun? Vielleicht.









 

Zeichen der Zeit

Ressort Layline
In der Eintönigkeit des Alltags schätzt der Mensch freudige Überraschungen. Unlängst steckte ein dicker Umschlag im Briefkasten mit einem Rezensionsexemplar von "Supernavigators", dem neuen Buch von David Barrie. Der ehemalige Diplomat ihrer Majestät und Justizreformer ist nicht nur passionierter Segler, sondern auch Mitglied des Royal Institute of Navigation. Vor fünf Jahren legte Barrie sein viel beachtetes Erstlingswerk "Sextant" vor (auf Deutsch im Mare-Verlag erschienen), das von der Geschichte und den geopolitischen Auswirkungen des Sextanten handelt.









 

Wahre Navigationskünstler

Ressort Layline
Als einziger Preisträger des European Yacht of the Year Wettbewerbs sprintete Matthieu Bonnier in Düsseldorf auf die Bühne, wo ihm für seine LiteXP die Siegestrophäe in der Kategorie Spezialyachten ausgehändigt wurde.









 

Zeichen der Vernunft

Ressort Layline
Kaum scheint eine Krise im Kielwasser zu versinken, taucht vor dem Bug eine neue auf. Gesundheit, Beziehung, Job, Finanzen, Gelegenheiten zum Leiden und Ärgern sind schnell gefunden. Mein bootsbesessener Kumpan Dan, ein pensionierter Lehrer in Santa Cruz, stellte unlängst beim Strandspaziergang trocken fest, dass sich Charakter und Konsequenzen der Kalamitäten zu verschärfen scheinen, während sich die Sonne des Lebens langsam Richtung Horizont senkt. Und sei's nur, dass weniger Zeit bleibt, sich von Rückschlägen zu erholen, bzw. verursachte Schäden gut zu machen. Sein probates Rezept: Flucht in die Sucht.









 

Das Zen der Flasche

Ressort Layline
Anfang Oktober im besten Schwitzklima Floridas: International BoatBuilders' Exhibition and Conference, kurz IBEX. Drei Tage lang Ausstellungen und Seminare, bei denen erklärt wird, was los ist in der boomenden Branche und was demnächst kommt. Zum Beispiel: Boote, die aus dem 3D-Drucker stammen. Lichterketten, die in Sitzpolster eingenäht werden. Kreiselstabilisatoren, die für kleine Motorboote geeignet sind. Hybrid dies und das. Ein Wasserstoffantrieb, der mit Meerwasser funktionieren soll. Und wie immer, bessere Getränkekühler und Stereoanlagen.









 

Frisches Blut