Das dreibeinige Quadrat

Da stand sie also, die modernste, geilste und wohl schnellste Rennyacht aller Zeiten. An einer Mole Anacortes, im US-Bundesstaat Washington, nahe der kanadischen Grenze. Umgeben von nautischem Ramsch, rostigen Trawlern, verfallenen Fabriksgebäuden und transportablen Toiletten. Der Tri ist das neueste Hightech-Spielzeug von Larry Ellison, ein dreibeiniges Quadrat mit 27 Metern Seitenlänge. Alles aus Kohlefaser. Etwa 850 m2 Segelfläche am Wind, bis zu 1.200 m2 raumschots. Ein hydraulisch neigbarer Profilmast, der 48 Meter in den Himmel ragt und dem Wind etwa 50 m2 Angriffsfläche bietet. Wär’s nicht ein Schiff, es müsste eine Rakete oder ein Jagdflugzeug sein. Skipper Russell Coutts und Konsorten treten im Fliegeranzug an, mit knitterfreier Kopfbedeckung und eingebauter Funksprechanlage zur Kommunikation miteinander. Statt Fallschirmen haben sie Schwimmwesten umgeschnallt.
Am Wasser legt das Gefährt bei Wörtherseewind (maximal 3 Beaufort) mit angezogener Handbremse 25 Knoten vor, Mittelrumpf aus dem Wasser. Das hieße Schlosshotel Velden–Strandbad Klagenfurt in einer halben Stunde. „Das schnellste Boot, das ich je bei Leichtwind gesegelt bin”, sagt Franck Cammas, der weltbeste Trimaranpilot, ehrfürchtig. Und das heißt was, denn Cammas hält mit seinem Megatri Groupama 3 sowohl den absoluten Transatlantik- als auch den 24-Stunden-Distanzrekord. Der Franzose ist Fahrlehrer für den jungen Wilden James Spithill, der zwar auf den Extreme 40-Kats trainiert, aber sonst keine Erfahrung mit Multihulls hat.
Ob der Flieger je startet, muss allerdings Justitia entscheiden, denn der Rechtsstreit zwischen BMW Oracle und Alinghi ist derzeit in Berufung. Beim momentanen Stand sind die Spanier und damit Alinghis „Wunschkandidaten” die offiziellen Herausforderer. Tom Ehman, Regelfachmann bei BMW Oracle, will das ändern und hofft dabei auf Richterin Carmen Beauchamp Ciparick, die schon 1988 durch ihren Schiedsspruch ein so genanntes „Deed of Gift Race,” das nicht auf einheitlichen Booten gesegelt wird, ermöglicht hatte. Damals hatte Dennis Conner mit einem Katamaran die Neuseeländer und ihr Riesenkielboot lächerlich gemacht. Sollte es tatsächlich zu einem „Multihull Cup” kommen, würden sich die Kontrahenten dank elend langer Bahnschenkel kaum sehen. Nur wenn sich die Kurse kreuzen, könnte es interessant werden. Denn Fahrfehler machen viel Kleinholz, wenn sich ein Multi mit 30 Knoten in die Seite des anderen bohrt. Ansonsten wär’s wohl zum Gähnen, wie schon 1988. Aber nix is fix, denn Alinghi diskutiert mit den anderen Teams (minus BMW Oracle) einen „stark verbilligten” Monohull Cup für 2010. Meldeschluss ist der 15. 12. Somit spitzt sich die Situation für Larry Ellison zu: Er muss entweder klein beigeben oder auf einen Richterspruch hoffen, der das dreibeinige Quadrat ins Spiel bringt. Ob das gut geht?

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