Das Dumme am Smartphone

Erholung. Entspannung. Entschleunigung. Ausstöpseln. Was bisher im Urlaub als leicht und selbstverständlich galt, wurde plötzlich zentnerschwer und kompliziert, denn diesmal war ein Smartphone mit von der Partie, weil der Nachrichtenyzklus für die tägliche Berichterstattung ja nicht ruht. Verdammt pflichtbewusst eben. Verdammter dumm aber auch, weil Arbeit und Urlaub nicht unter den selben Hut passen. Und so sah das aus: Morgens ins Boot, nachmittags aufs Rad und spät abends ins Netz. Zwischendurch mit den Damen am Strand. Am Boot war es wie immer: Konzentration auf Trimm und Kurs – aber kein Stress. Am Rad war es wie immer: Mit geringstem Kraftaufwand schnellstmöglich unterwegs sein – auch kein Stress. Und am Internet war es erst recht wie immer, denn digitale Dienste wie e-mail, Facebook, Twitter, SMS etc. haben nie Auszeit – das war nur Stress. Der ständige Kontrast zwischen Abschalten und Einschalten war eine wenig erholsame Dimension.
„Aufmerksamkeit ist der heilige Gral”, dozierte David Strayer, ein Psychologieprofessor an der University of Utah, über den Einfluss von Technologiegebrauch auf Gehirnfunktion. „Bewusstsein, Erinnerung und Vergessen, alles hängt davon ab.” Aufmerksamkeit am Boot ist Konzentration, die sensorische Information verarbeitet: Wind, Welle, Strömung und deren Einfluss auf mein Fortkommen. Nicht leicht aber einfach und klar. Am Internet hingegen ist erst mal Filtern angesagt, um aus der endlosen Ramschlawine brauchbare Information herauszulösen. Das klingt leicht, strengt aber an und nervt. Besonders im Urlaub. Und trotzdem: Wer greift nicht gern zum Apparat, wenn ein Piepston oder ein diskretes Vibrieren vom Eingang einer Nachricht informiert? Einige Forscher glauben, dass schon die bloße Erwartung einer solchen Stimulanz Fokus und Aufmerksamkeit reduziert, weil sie einen Teil unseres „Arbeitsspeichers” in Anspruch nimmt, der bei der Ausübung anderer Tätigkeiten fehlt. Auch das kann ich bestätigen, so peinlich das auch sein mag: Eine mehrstündige Paddelexkursion führte mich an einen besonders hübschen, entlegenen Strand. Ideal für Boxenstopp und Foto-Op, denn das schlaue Telefon war natürlich live dabei. Kajak ganz nah am Wasser und in der Sonne, im Hintergrund zwei Motorboote, die gischtsprühend vorüberzogen. Es war der ideale Facebook-Moment. Ausreichende Signalstärke suggerierte, dass der Schnappschuss gleich gepostet werden konnte. Eh klar, wozu hat man so ein Ding schließlich? Wie ich da so fummelte, rollten die Motorbootwellen heran. Die erste kenterte das Boot, die zweite füllte es mit Wasser und Sand und die dritte schwappte es ins tiefe Wasser hinaus, wo der Ebbstrom mit guten drei bis vier Knoten vorbeirauschte. Wo ist die App für so ein Problem?
Fazit: Aufmerksamkeit hat seine Grenzen und wenn die überschritten sind, kann man ziemlich blöd dastehen. Auch mit einem Smartphone.

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