Das G’frett mit der Nachhaltigkeit

Als ob die Zeiten für die Branche nicht hart genug wären, jetzt muss noch einer lästige Fragen zum Thema Nachhaltigkeit beim Segeln stellen. Schadstoffausstoß, umweltgerechte Entsorgung von Bordabfällen, toxische Unterwasseranstriche oder Plastikvermeidung werden nur zu gern ignoriert oder zur Bagatelle heruntergeredet. Man sei derzeit mit den Auswirkungen der Rezession beschäftigt, heißt es. Jemand werde sich später melden. Aber nur, wenn es ein später gibt. Nur wenige wie Hanse-Chef Michael Schmidt vermögen der unangenehmen Realität ins Auge zu sehen: „Bei uns geht Müll zum Recycling und zur Wärmegewinnung und es gibt eine neue Lackierungsanlage, die mit wasserlöslichen Lacken arbeitet, also keine Belastung der Umwelt und keine Ausdünstungen im Schiff erzeugt.” Auch wenn Schmiddel sagt, dass es für die Entsorgung von alten Polyesterbooten derzeit keine verwert- und bezahlbaren Lösungen gibt, weiß er, dass es mit Zusammenschneiden und Einplanieren bald vorbei sein dürfte. Ein komplexes Problem, das nur branchenübergreifend zu lösen ist.
Tatsächlich ist die Bootsindustrie im Vergleich zu anderen im Hintertreffen. Soziale und ökologische Verantwortung gelten eher als kostspielige Ablenkung denn als lohnende Geschäftsinvestition. Aber wie lange noch? Am Responsible Business Summit 2009 in London werden 500 Firmen Strategien zum Klimawechsel und für die Produktion von umweltfreundlichen Produkten diskutieren. In der Oudoor Industry Association arbeiten mehr als 100 Firmen (z. B. Nike, Adidas, K2 und Patagonia) an einem Öko-Index, der eine Benotung der Umweltverträglichkeit von Produkten ermöglicht. „Man muss es angehen und zwar gemeinsam mit den anderen, sonst bleibt man übrig”, findet Chris Enlow, Umweltbeauftragter beim Sandalenhersteller Keen.
Was tut sich diesbezüglich in der Bootsbranche? Sailors for the Sea, eine Nonprofit Organisation, informiert US-Segler. West Marine, der weltweit größte Anbieter von Bootszubehör, investiert in Solaranlagen und publiziert demnächst einen Konzernbericht, der sich mit Umweltmaßnahmen befasst. Aber auch in Österreich gibt es aktuelle Beispiele: Frauschers Zukunftsprojekt Wasserstoff, das Ende April vorgestellt wurde, macht einen weiteren Schritt in Richtung Nachhaltigkeit und nützt dabei den Vorteil der Flexibilität, den kleine, innovative Firmen haben. Und Blauwasserzigeuner wie die Seenomaden und Wolfgang Hausner, die mit niedrigem Budget auf Hoher See wirtschaften, liefern erprobte Weisheiten. Verlässlichkeit und Langlebigkeit der Ausrüstung sind für sie lebenswichtig, Qualität eine Form von Nachhaltigkeit. Einfach währt am längsten. „Simple boats, simple problems”, sagen die Seenomaden. Stimmt, bloß manche Branchenvertreter hören so etwas nicht gern. Denn das hieße, dass man auch mit weniger gut leben kann. Und das ist ein echtes G’frett, das es auch nach der Rezession geben wird.

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