Der Antiheld

„Wasser hat einen dünnen Kopf," sagt Wolfram Ainetter, Pensionist und passionierter Segler von 22er-Rennjollen. Diese Erkenntnis ist von den Altvorderen überliefert, die bereits im Pleistozän rustikale Ursachenforschung betrieben und die Probleme kannten, die beim Abdichten von Sautrögen und Holzjollen auftreten: Ein dünner Kopf dringt durch jede Ritze und dieses Kontinenzproblem irritiert Sau wie Segler.
Zuhause ist Ainetter in Seeboden am Millstättersee, wo er mit seiner Frau Rita eine Pension führt. Als Bub hat er sein nautisches Handwerk auf einem geklinkerten Ur-22er gelernt, eigentlich ein Sieb mit einem breiten Schwertkasten, in dem kleine Waller wohnten. Ausschöpfen war Bedingung fürs Mitsegeln, somit ist die 22er-Rennjolle eine Jugendsünde, die ihn bis heute verfolgt. Dabei ist er, dem an glänzendem Klarlack, kugelgelagerten Blöcken und knisterndem Dacron wenig liegt, das beliebte Schreckgespenst der Klasse.
Heuer trieb er es mit seiner etwas übergewichtigen Brie (Herkunft unbekannt, Jahrgang ca. 1942 bis 44) besonders bunt. Beim Europapokal am Mondsee wurde er nach Yardstick Zweiter, nach Einlauf immerhin noch Vierter. Eine Woche danach versägte er am Attersee nach Yardstick die Konkurrenz bei der Langen Wettfahrt.
Ainetter ist der prototypische Antiheld, der von vielen unterschätzt wird, was sich im Gespräch rasch als fataler Irrtum erweist, denn der passionierte Segelflieger kennt sich bestens aus mit Areo- und Hydrodynamik. Natürlich ist er auch mit dem Boot per du, aber seine unkomplizierte, bescheidene Art beschert ihm immer wieder kompetente Helfer vor dem Reitbalken, damit er sich aufs Steuern konzentrieren kann. Denn Ainetter weiß: Ein falscher Schlag oder eine versaute Wende kosten mehr, als neue Segel und coole Hardware bringen.
Angesprochen auf die kognitive Diskrepanz zwischen den funkelnden Gucci-Kisten und der eher fundamentalen Brie (keine Backstagen, Gartenschläuche als Wantenschoner, Reffbändsel im Groß), meint er, man solle „nicht alles tierisch ernst nehmen.” So hat er einmal einen 22er zum Jollenkreuzer mit Kiel umfunktioniert und ein andermal seinen Mast mit Kupferdraht umwickelt, weil sich die Leimnähte beim Transport aufgelöst hatten. Damit ist er dann auf einen Mittelfeldplatz gesegelt.
Ruhiger sei er geworden, sagt Ainetter. Halsbrecherische Crashes samt batman-ähnlichen Abflügen im Hubertusmantel, die er mit seinem hausgemachten Eissegler am zugefrorenen Millstättersee hinzulegen pflegte, seien passe. „Im Alter versackt die Muskulatur,” konstatiert er, „deshalb wird man immer mehr zum Fischer.” Will er trotzdem noch segeln? „Klar, denn auf der 22er kann ich das Groß so hoch setzen, dass ich mich bei der Wende nicht bücken muss.” Schwere Zeiten für die Klasse. Und dazu noch das Wasser, das einen dünnen Kopf hat.

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