Der letzte Walzer auf Sonata

Im April segelt man nur dann nach Neu-England, weil man muss – oder weil man einen kennt, der sich nach Steinhof sehnt. Es kann schön und einsam sein wie Kroatien im Winter, aber viel wahrscheinlicher ist ein Nor’easter auf die Nase, und das heißt Regen, Wind und Kälte. Dann gibt’s da noch Millionen von Reusen, deren Bojen Scherzartikeln gleichen, die man bei Nacht nicht sieht, aber jeden Nahkampf mit dem Propeller gewinnen. Beste Voraussetzungen also, einem alten Freund einen Dienst zu erweisen und sein Haus/Vehikel/Boot an seine Sommerresidenz zu überstellen. Leider war’s auch der letzte Walzer auf Sonata, denn Kollege David Shaw, den man aus diesen Zeilen kennt und der letztes Jahr seinen Job gekündigt hatte, um auf seinem Schiff zu schaffen, musste erkennen, dass Plan und Realität manchmal uneins sind. “Mir tut keine Minute Leid”, gestand er, “aber: Viele Geschichten über die Cruising-Romantik sind illustrierte Märchen.”
Shaw, der so ein Märchen zwar gelebt, aber nicht geliebt hat, führt folgende Argumente ins Treffen: Erstens, der Zeitaufwand: Wenn man pro Monat ein halbes Dutzend Artikel für Magazine schreibt und gleichzeitig an einer Romanserie arbeitet, kann einen die Frage “Wasserpumpe oder Wasserleiche?” schnell zum Wahnsinn treiben, vor allem, wenn ein Verleger auf die Wasserleiche wartet. Zweitens, der saisonbedingte Ortswechsel: Zugvögel, auch Snowbirds genannt, verbringen den Sommer in Maine und den Winter in gemäßigtem Klima, z. B. in North Carolina. Dazwischen liegt ein dornenreicher Weg durch eines der meist befahrenen Seegebiete der Welt. Golfstrom oder Intracoastal Waterway? Die richtige Antwort: American Airlines. Drittens geht ihm die Art vieler Marinasegler auf den Geist, die in der Pension zwar auf einem Schiff leben, aber ihre unflätigen Landmanieren nicht ablegen. Und letztlich hat man dauernd die Sparbüchse offen. “Manchmal musst du vor dem Wetter flüchten und du endest in einer Marina, in der sie für ein 36-Fuß-Schiff 150 Dollar pro Nacht verlangen. Sag mir, ob das Sinn macht?”
Die Antwort gab uns die Reise, die aufgrund der vielen Motormeilen zum “Westerbeke-Törn” mutierte. Es war die letzte Etappe der Frühjahrsüberstellung, von Perth Amboy, New Jersey, um Staten Island herum, den East River hinauf, Long Island Sound, Newport, Buzzards Bay, Cape Cod-Kanal und quer durch den Golf von Maine. Das waren nur 320 Meilen – aber mit dichtem Unterhaltungsprogramm: Steile Optik und Stoßzeit vor Manhattan, Reuse am Ruder, Temperaturen um den Gefrierpunkt, Maschinenaussetzer vor dem Bug eines Hochseeschleppers, Propellerinspektion bei 8 Grad Wassertemperatur, drei Tage Hafentherapie, Dingi in einer Wasserhose gekentert, Totalverlust des Außenborders und Buckelwale auf Tuchfühlung unterm Kiel. Als wir mit unrasierter Eleganz am Zielhafen festmachten, schüttelten die wortkargen Einheimischen uns die Hand. “Früh dran dieses Jahr?” Was sich ungefähr so anhörte: “Wo seid ihr abgehauen?”

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Jeder braucht ein persönliches Paralleluniversum, in dem die Uhren anders ticken. Eines der meinen ist Port Townsend, ein Dorf an der Grenze, links oben auf der US-Landkarte, mit Attraktionen wie dem Holzbootsfest, dem Start zum Race to Alaska und dem schmucken Northwest Maritime Center. Mich zieht’s allerdings her, weil es hinter der Touristenfassade kleine, feine Bootsbaubetriebe gibt, die Ungewöhnliches schaffen. Wie zum Beispiel Port Townsend Watercraft, die Gucci-Bude für Boote aus dem Baukasten. Chef ist Russell Brown, Sohn von Multihull Pionier Jim Brown, der in den 1960ern Trimarane aus Sperrholz popularisierte. Russell hat mal für BMW Oracle extravagante Kohlefaserteile gefertigt, macht aber nun mit seiner Frau Ashlyn auf eigene Rechnung Geschäfte. Mit der Präzision eines Schweizer Uhrmachers produziert er Bausätze für Heimwerker, die sich etwa ein ultra-cooles PT-11 Nesting Dingi aus Sperrholz und Epoxy-Glasfaser schnitzen wollen. Es ist in der Mitte teilbar, sodass sich beide Hälften ineinander schachteln und platzsparend an Deck oder in der Heckgarage verstauen lassen, eignet sich sowohl zum Segeln als auch zum Rudern. Beeindruckend ist die Perfektion, mit der beim nicht mal 40 Kilo leichten PT 11 alles passt und funktioniert, das hat America’s-Cup-Niveau. Präzisionsteile aus Edelstahl und leichtem Verbundstoff, superleichtes, teilbares Kohlefaser-Rigg, exakt profilierte Anhänge aus Sperrholz und Lukendichtungen aus chirurgischen Gummischläuchen anstatt aus lätschertem Neopren. Dazu eine reichlich bebilderte Bauanleitung von 325 Seiten, in der alles exakt erklärt und gezeigt wird. „Amateure machen’s oft besser als Profis, weil sie sich an die Anweisungen halten”, lacht Russell. Fast hundert Stück vom PT 11 hat er bisher weltweit verkauft. Kein Wunder, das Ding sieht aus wie der kleine Cousin von Wally und fährt wie die Feuerwehr. Wer eins fertig hat, ist mit Recht stolz auf sein Bötchen, weil’s schick aussieht, weil’s funktioniert und weil’s der Stegnachbar nur haben kann, wenn er sich auch eins zusammenpickt. Für 200+ Stunden Bauzeit reicht meine Geduld leider nicht und beim Umgang mit der Fräse hapert’s auch. Aber mit dem PT11 spielen war dennoch feine Therapie. Genau was man so sucht in seinem Paralleluniversum.









 

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