Eine hundertjährige Legende

Was weiß ich über 1908? Opa war 16. Der Kaiser war 60 Jahre im Amt. Österreich-Ungarn annektierte Bosnien-Herzegowina. Egon Schiele stellte erstmals aus. Die Lusitania überquerte den Atlantik in 4 Tagen, 20 Stunden. Und Olin James Stephens II. wurde am 13. April geboren. Lange ist das her und viel ist seitdem passiert, doch nun sitzt er vor mir, umringt von Computerbildschirmen in seinem eleganten Arbeitszimmer in Hanover, New Hampshire: In Ehren gealtert, bewaffnet mit Hornbrille und diskretem Hörgerät, aber auch mit einem Verstand, der auf meine Fragen messerscharfe Antworten produziert. Ganz so, wie man es schon immer kannte, vom vielleicht bedeutendsten Yachtkonstrukteur des 20. Jahrhunderts.
 Aufgewachsen in der Umgebung von New York, war er früh von Booten fasziniert. Designer wie Clinton Crane, John Alden oder Nat Herreshoff hatten großen Einfluss, doch noch viel mehr war er beseelt vom Wunsch, der Beste zu sein. „Ich hatte Glück, denn ich hatte ein Ziel: Ich wollte immer schnelle Boote entwerfen.” Glück hatte er auch, Drake Sparkman kennen zu lernen, den erfolgreichen Yachtbroker, mit dem er und sein Bruder Rod 1929 die Design- und Brokerfirma Sparkman & Stephens gründete. Olin entwarf, Sparkman verkaufte und Rod machte die Qualitätskontrolle. Dorade, Stormy Weather und Legionen von anderen eleganten Schiffen entstanden auf den Zeichenbrettern von S&S. So manche gibt es heute noch, als perfekt restaurierte Klassiker, betuchter Klientel gehörend und gerne bei exklusiven An\u00AClässen ausgestellt. Dann die legendären America’s-Cup-Verteidiger: Die J-Klasse Ranger, die er gemeinsam mit Starling Burgess 1937 entworfen hatte, und nach dem Zweiten Weltkrieg die Zwölfer, die den Cup von 1958 bis 1978 dominierten. S&S war auch am Aufstieg der Swan-Werft beteiligt, die ganz am Anfang einen ihrer Eintonner in Serie bauten. So ein Schiff wollte auch ein gewisser Edward Heath haben. Mr. Heath, der später englischer Premierminister wurde, war ein treuer S&S-Kunde und gewann 1971 mit dem englischen Team den Admiral’s Cup. Als Dank lud er Olin zum Bankett bei Präsident Nixon ins Weiße Haus ein, das anlässlich seines Staatsbesuchs gegeben wurde. „Mr. President, dies ist der Mann, auf den es ankommt”, waren Heaths Worte, mit denen er Olin vorstellte.
 Am Ende meines Besuchs lade ich Olin Stephens zum Abendessen ein. „Gute Idee, junger Mann. Ich schicke noch schnell eine E-Mail nach Neuseeland, denn dort halte ich demnächst einen Vortrag.” Dann erhebt er sich vom Schreibtisch. Leicht nach vorne gebeugt, aber ohne Gehhilfe geht er hinaus, schlüpft in seine Jacke und öffnet die Tür zum Treppenhaus. „Lift?” frage ich. „Ach was, der ist für alte Leute.”

Buch zum Mann: All This and Sailing, Too. Autobiographie Olin Stephens, Mystic Seaport Museum 1999

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Nominiert für den Darwin-Preis

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