Eminent effizient

Kennen Sie Paul Bieker? Nein? Kein Grund für falsche Scham. Ist ja keiner, der gern und oft im Rampenlicht steht. Ich nenne ihn spaßhalber den Effizienzpapst und der hat mir unlängst Audienz gewährt. Nicht in einem Palast, sondern in einem unscheinbaren Büro, im Stadtteil Ballard in Seattle, wo Schlepper, Fähren und Fahrzeuge für die Berufsfischerei gebaut werden.

Bieker liebt schräge Boote für den Eigengebrauch, zum Beispiel Proas mit Segel oder Motor. Ansonsten war er 16 Jahre lang einer der federführenden Designer im America’s-Cup-Team von Oracle und hat so indirekt den Foiling-Wahn mitzuverantworten. Als Memento holt er ein Werkstück aus dem Regal, ein Flügelprofil mit messerscharfer Abrisskante. Kohlefaser mit Honigwaben-Kern, chirurgisch-präzise verarbeitet. „So haben wir damals Schwerter gebaut", sagt Bieker lapidar. Mit damals meint er 2013, als der Cup noch auf ollen AC72-Kats ausgetragen wurde.

Ist keine fünf Jahre her, doch viel hat sich seither geändert. Die kleineren Kats, die 2017 verwendet wurden, waren technisch weiter ausgereizt und mit mehr Elektronik ausgestattet. Immerhin besorgten (noch) Menschen den Trimm. Ob mit Armen oder Beinen sei sekundär, so Bieker. Wenn’s maximal effizient zugehen soll bei 45 Knoten Speed, müsste ein Computer, eine sogenannte Black Box, Umweltdaten (Wind, Strömung, Wellengang) per Sensor erheben, auswerten und die Hydraulik der Aktuatoren bedienen. In Echtzeit, versteht sich. „Fly by wire" lautet der Fachausdruck, der in der Fliegerei gebräuchlich ist.
„Diese Kats haben das energetische Äquivalent eines 25-PS-Außenborders gebraucht um ins Foilen zu kommen, während hochmotorisierte Begleitboote kaum mithalten konnten", sinniert Bieker. Vom Cup hat er genug, er will diese Effizienz auf Alltagsfahrzeuge umlegen, wie jene, die vor seinem Bürofenster gebaut werden. Auf dass sie schneller, komfortabler und deutlich sauberer unterwegs sein mögen. Ja, sorry, Klimawandel und so.

Wäre doch nicht schlecht, würden Technologien, die für teures Geld entwickelt wurden, um eine schnöde Silberkanne zu gewinnen, praktischen Nutzwert hätten.

Weitere Artikel aus diesem Ressort

Ressort Layline
Handwerk, so sagt man, hat einen goldenen Boden. Bootsbauer sind derzeit besonders gefragt, denn die Auftragsbücher der Werften sind voll. Allerdings findet sich nicht ausreichend qualifiziertes Personal, um alles zeitgerecht abzuarbeiten und auszuliefern. Die Wartezeiten ziehen sich und viele jammern über den Geschäftsentgang. Aber so schaut es aus, wenn das Analoge Rache nimmt am Digitalen und am Mantra “Uni oder nix”. Die Welt ist voll von Akademikern, die in der Regel viel wissen, aber wenig Konkretes schaffen (Spieglein, Spieglein an der Wand …). Wenn alle Programmieren lernen und sich mit Prozessoptimierung herumschlagen, aber keiner an der Werkbank steht, wer soll dann noch ”normales Zeug” herstellen? Die Polen? Shenzhen? Und überhaupt: Kommen nicht eh bald die Roboter und das bedingungslose Grundeinkommen?









 

Leo hat Handwerk

Ressort Layline
Wie lange lass ich mir so viel Bullshit noch gefallen? Der Internetprovider will mal wieder mehr Kohle für weniger Leistung. Geldgierige Investoren schmeißen verdiente Kollegen raus, weil sie Gehaltsempfänger sind. Und die Marie für meinen Rentenkreuzer kassiert eine Uni, die der Tochter ein imposantes aber wertloses Bachelor-Degree aushändigen wird. Hauptsache, unterm Strich stimmt's und der Hamster rennt brav in seinem Radl.









 

Die Arche des App

Ressort Layline
Das Meer, so heißt es, findet unbarmherzig die Schwachstelle an Schiff und Besatzung. Kleinigkeiten, die schiefgehen, können sich von einem Moment zum anderen zum gigantischen Clusterfuck ausweiten. Grad so, wie es Karl-Heinz Meer Senior und Junior aus Westfahlen am eigenen Leibe erfahren mussten. Sie hatten sich bei eBay eine betagte Oceanis 430 zum Schnäppchenpreis geholt und wollten damit gleich auf der ersten Fahrt von Panama nach Bremerhaven schippern. Ein Abenteuer, das im Rettungshubschrauber endete.









 

Zahlen, bitte!

Ressort Layline
Surfen in Hawaii? Safari in Sambia? Trekking in Nepal? Maturareisen zu exotischen Destinationen sind en vogue. Wer authentisches Abenteuer im Sinn hat, könnte es auch wie Henry Veitenhans machen. Der 17-Jährige schloss kürzlich die Highschool in Port Townsend im US-Bundesstaat Washington ab und erklärte das berüchtigte Race to Alaska zu seiner Maturareise: 750 Meilen im offenen Boot nach Ketchikan, bei knapp zweistelligen Wasser- und Lufttemperaturen. Erlaubte Vortriebsmittel: Wind und Muskelkraft.









 

Erst Abi, dann Alaska

Ressort Layline
„Wir laden uns’re Batterie, jetzt sind wir voller Energie. Wir sind die Roboter, wir sind die Roboter … Wir funktionier’n automatik, jetzt woll’n wir tanzen mechanik. Wir sind die Roboter … Ja tvoi sluga, ja tvoi rabotnik. Wir sind auf alles programmiert und was du willst wird ausgeführt.“









 

Alles Algorithmus

Ressort Layline
Was ist bloß los mit dieser Welt? Oben ist unten. Falsch ist richtig. Fake ist echt und die Wahrheit verloren. Wie soll man sich in diesem Chaos zurecht finden? Vor allem jetzt, nachdem Bob Grieser* alias „The Reverend Bobby G from the Church by the Sea”, abgelegt hat für den letzten Schlag nach Fiddler's Green, wo Helden für immer vor Anker gehen.









 

Abgang eines Großen