Ende vor dem Ziel

Die Nacht war die Hölle auf See: Finster, stürmisch, nass und kalt. Cat Shot, ein neuer Katamaran vom Typ Voyage 440, hatte seit Kapstadt bereits 13.000 Seemeilen hinter sich. Aber jetzt, um 3 Uhr früh, am 11. Dezember 2006, 500 Meilen vor dem Ziel der Reise in Port Townsend im US-Bundesstaat Washington, war das Ende nah. Es war stockdunkel, der Sturm peitschte die eisige Gischt in Fahnen übers Deck, während sich das 14 Meter lange Boot die haushohen Wellenberge emporkämpfte, um gleich dahinter ins Bodenlose zu fallen. Die Position der Yacht war etwa 10 Meilen westlich von Cape Blanco, einem der gefährlichen Kaps an Amerikas Westküste. John Anstess, ein ehemaliger Ausbildner für das National Sea Rescue Institute in Durban, Südafrika, hochqualifiziert und nun Profiskipper in den Diensten der englischen Überstellungsfirma Reliance Yacht Management, hatte bereits alle Segel geborgen und ließ das Boot unter Seeanker treiben. Schiff und Mannschaft waren hilflos, ein Spielball der entfesselten Elemente. Alles, was Anstess und seine zwei Mitsegler, die Amerikaner David Rodman und Richard Beckman, noch tun konnten, war das Logbuch zu ergänzen, sich festzuhalten und zu beten.
Vier Tage später, am 15. Dezember um 10 Uhr morgens, wurde das schwer mitgenommene Wrack 120 Meilen weiter nördlich kieloben in der Brandung nahe Lincoln City, Oregon gefunden. Eine sofort eingeleitete Suchaktion mit Flugzeugen, Helikoptern und Schiffen wurde am nächsten Tag ergebnislos abgebrochen. Einzig das Logbuch und ein manuelles, nicht aktiviertes 406-EPIRB wurden am Strand sichergestellt. „Wir haben keine Hinweise auf Notrufe, weder über Funk noch über EPIRBs, oder auf eine ausgebrachte Rettungsinsel“, erklärte Leutnant Adam Birst, der leitende Untersuchungsoffizier der Coast Guard. Was sich auf Cat Shot genau zugetragen hat, bleibt für immer ein Geheimnis. Eindeutig ist nur, dass die Crew trotz der Drohung von mehreren gewaltigen Winterstürmen drei Tage zuvor San Francisco Richtung Norden verlassen hatte, etwa zum gleichen Zeitpunkt als drei Bergsteiger in Oregon zum Gipfel des mehr als 3.400 Meter hohen Mt. Hood aufbrachen, wo sie in einem Schneesturm umkamen. Der Seewetterbericht am 11. Dezember sagte für Cape Blanco Windstärke 10 bis 12 aus Süden und schwere Kreuzseen voraus – bei einer Wassertemperatur von 10 Grad. „Lange Windwellen, die eine hohe Dünung kreuzen, können sich zu Monsterseen aufbauen“, erklärte Meteorologe Sven Nelaimischkies vom National Weather Service in Medford, Oregon. “Dazu kommt noch, dass es entlang dieser Küste sehr wenige Zufluchtshäfen gibt, die man bei schwerem Wetter in der Nacht anlaufen könnte.” Am 12. November war in derselben Gegend ein 135 Meter langer Küstenfrachter von einer 20 Meter hohen Riesenwelle schwer beschädigt worden.
Lehnstuhl- und Internetkapitäne können natürlich leicht spekulieren und schlau sein, wertvolle Lehren gibt’s dennoch: Anpassung der Route an die Wettervorhersage, genug Zeit für die Etappe einplanen, rechtzeitig mit Schiffen im Umkreis kommunizieren, Rettungswesten anlegen, Rettungsinsel klar machen, automatische Notsender überprüfen, damit sie ein Signal senden, wenn die Crew das EPIRB durch Verletzung, Kälteschock etc. nicht selbst aktivieren kann. Und: Respekt vor dem Ozean!

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