Ferienzeit, schöne Zeit

Segeln in den San Juan Islands! Fast wie in den Kornaten, nur empfindlich kühler. Dazu sattes Nadelholzgrün, weil das Archipel auf der geografischen Breite von Waidhofen/Thaya liegt. Eine superbe Kulisse mit anspruchsvollen Gewässern, in denen man Weltmeister, Olympiasieger und America’s-Cup-Gewinner antrifft. Wer’s hier kann, kann’s überall.
Doch das Paradies hat Schlagseite, weil Charakter, Esprit und ökologische Balance Stück für Stück dem Massentourismus geopfert werden. Die Konsequenzen tragen dann nicht die Touristen, sondern die Einheimischen und die prekär Beschäftigten, ohne die diese Show nicht stattfinden kann.

Arbeitnehmer in der Gastronomie und im Einzelhandel werden dringend gebraucht, aber beschissen bezahlt. Die wenigen Mietunterkünfte, die es mal gab, werden jetzt als Feriendomizile an Urlauber vermietet. Bist du Barista, Kajakinstruktor oder Ramen-Koch, wohnst du im Auto, in einer Jurte oder auf einem Seelenverkäufer, verankert draußen vor der Marina. „Help Wanted“ liest man oft in den Schaufenstern, aber es finden sich kaum welche, die für Mindestlohn malochen und dafür auch noch obdachlos sein wollen, zumindest solange es noch Covid-Subventionen gibt.
Eine andere Tragödie betrifft die Killerwale, die sich hier im Sommer aufhalten, um sich von Lachsen zu ernähren, die aus Alaska zu ihren Laichgründen in den Flüssen zurückkehren. Doch diese Flüsse wurden mit Kraftwerksanlagen und Speicherdämmen zubetoniert, womit der Lachsbestand teilweise um bis zu 90% zurück ging. Das trifft die Orcas hart, denn die leiden nicht nur an Unterernährung, sondern auch an Nachwuchsmangel. Den Kapitänen der Walbeobachtungsboote ist das egal. Die rücken tagtäglich aus, um die Walschulen abzupassen und ihren Gästen einen Instagram-Moment zu bieten. Proteste für besseren Artenschutz verhallen, denn die Politik fürchtet um die Parteispenden aus der Tourismusbranche.

Obwohl sich hier Betuchte wie die Microsoft-Gründer Bill Gates und der verstorbene Paul Allen auf ihren Datschas erhol(t)en, gehören diese Inseln zu den ärmsten Gegenden des US-Bundesstaates Washington. Viele einheimische Kinder können nicht schwimmen und gehen deshalb auch nicht gern aufs Wasser, das ganzjährig frische 12 bis 15 Grad hat. Öffentliche Mittel für einen Pool fehlen und die vermögenden Nachbarn sind beim Spenden knausrig. Pech gehabt, Kids. Aber schön ist es bei euch.

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Amazon hat uns an der Nase herumgeführt, oh Schreck. Das Versprechen der Klimaneutralität bis 2040, wurde von einer banalen Realität überholt: Der firmeneigene Ausstoß klimaschädlicher Gase stieg von 2019 bis 2021 um fast 40%, auf mehr als 71 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent durch die Covid-Konjunktur für den Onlinehandel. Mehr Umsatz, mehr Lager, mehr Leute, mehr Flieger, mehr Laster, mehr Emissionen, logisch. Aber unbequeme Wahrheiten lassen sich grünfärben und das sieht dann so aus: Die ausgestoßene CO2-Menge pro Artikel sei gesunken, so wurde aus 40% Plus ein kleines aber feines Minus der Karbon-Intensität von 1,9%. Dass bei der Berechnung nur Artikel zählten, die unter der Marke Amazon über den virtuellen Ladentisch wanderten, (ca. 1% des Gesamtvolumens), wird diskret verschwiegen.









 

Ein blaues Fitnessstudio

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„Wir schreiben ihnen nicht vor, was sie tun sollen. Sie selbst und ihre Entscheidungen sind die wichtigste Sicherheitseinrichtungen an Bord.“ Das war der Kernsatz des Regattaleiters bei der Steuermannsbesprechung vor dem Start des diesjährigen Race to Alaska (www.r2AK.com). Das ist ein 750-Meilen-Rennen von Port Townsend im US-Bundesstaat Washington, nach Ketchikan, Alaska, ausgeschrieben für Boote, die ausschließlich von Wind- und/oder Muskelkraft angetrieben werden und keine Hilfe von außen in Anspruch nehmen dürfen. Mit anderen Worten: Es wird den Teilnehmern nahegelegt, selbst zu denken, Eigenverantwortung zu übernehmen, und ihre Taktik auf die Fähigkeiten des Bootes und der Besatzung abzustimmen, um nicht als Beispiel für Darwins These der natürlichen Selektion in Erinnerung zu bleiben.









 

Nominiert für den Darwin-Preis

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Der öffentliche US-Radiosender NPR berichtete zwischen den Nachrichten über Corona und Krieg unlängst über das R.U.S.Z., das Reparatur und Service Zentrum in Wien Penzing. Leiter Sepp Eisenriegler erklärte in bestem Englisch den Verschwendungsweltmeistern in Amerika, dass Reparieren für den geplagten Planeten besser sei als Wegschmeißen und neu kaufen. Und dass in Österreich ab 26. April bis zu 200 Euro Reparaturbonus für die Wiederherstellung von kaputten Elektrogeräten bezahlt werden. Und dass er Franchisenehmer in den USA sucht, die sich diesem altmodisch-revolutionären Prinzip anschließen.









 

Fix it, don’t trash it

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Psst! Freizeitboote belasten die Umwelt. Besonders die großen und jene mit viel Kohlefaser. Von der Wiege bis zur Bahre, klimaschädliche Emissionen für und von einem Produkt (etiam tu, Elektroboot), das niemand wirklich braucht, wie’s Zyniker suggerieren. Die Industrie scheute das Thema Nachhaltigkeit lange wie Luzifer das Weihwasser, doch die Tide kippt und nun es gibt’s ernstzunehmende Lösungsansätze, nicht nur Greenwashing.









 

Fragen stellen

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„Ein Segelboot konnte Schmerz und Freude empfinden, Hoffnung und Verzweiflung; es konnte aufgeschlossen sein oder mürrisch, gut erzogen oder verletzend, eine Dame oder eine Hure. Und jedes Segelboot hatte eine eigene Individualität, etwas Besonderes, das es von allen anderen Booten, selbst denen derselben Klasse, unterschied: Es hatte ganz sicher auch eine Seele.“ So steht’s geschrieben in „Tinkerbelle, Allein über den Ozean.“ Verfasst von Robert Manry, einem Redakteur bei der US-Tageszeitung Cleveland Plain Dealer, der für diese 3,200 Meilen lange Nonstop Reise über den Atlantik im Jahr 1965 ganze 78 Tage benötigte. Das Buch, das seit Jahrzehnten in seinem zerschlissenen Hochglanzumschlag in meinem Buchregal vor sich hingammelte, fiel mir unlängst auf den Kopf. Zum Glück. Denn es ist mehrfach bemerkenswert, besonders in einer Zeit, in der sogenannte „Influencer“ gerne das gähnende Nichts an die große Glocke hängen und dafür Geld nehmen. Ganz anders Manry, der sein Unternehmen in Eigenregie vorbereitet und finanziert hatte, und es auch geheim hielt, bis es für sich zu sprechen begann. Und dies tat es sehr eloquent, denn Tinkerbelle, sein damals schon 36 Jahre altes Trailerboot, war nur 4,1 Meter lang und galt als das kleinste Segelboot, das bis dahin den großen Teich ohne Halt überquert hatte. Er kaufte das Regattadingi als Wrack, das er abdichten und umbauen musste, um mit Familie auf Binnengewässern rund um Cleveland Wochenend- und Urlaubstörns zu segeln. Aber eigentlich wollte er auch über den Atlantik, doch sein Bekannter, der dieses Abenteuer gemeinsam auf einem „riesigen“ 7-Meter Boot wagen wollte, bekam kalte Füße. Also beschloss Manry, die eigne Nußschale für eine Ozeanüberquerung fit zu machen und sie dann zum Start an die US-Ostküste zu trailern. Auch sonst hat mich dieses Buch gefreut, weil die deutsche Ausgabe in Wien erschienen ist, im Verlag Fritz Molden, aus dem „Amerikanischen“ übertragen von Günter Schlichting. Dass darin altbackene Ausdrücke wie „in See stechen“, „Hauptsegel“ oder „Walfisch“ vorkommen, sieht man gerne nach, weil es irgendwie gut dazu passt und keinem damit Schaden widerfährt. Alles in allem ist Tinkerbelle eine sehr zufriedenstellende Lektüre, die daran erinnert, dass Dinge mal zumindest ein bisschen Substanz hatten, bevor sie an die große Glocke kamen.









 

Kein Maulheld

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Der erste Live-Auftritt bei einer Messe in der Covid-Ära führte nach Tampa, Florida. Gut, Leute mal wieder ohne Bildschirm zu sehen. Patrick Haebig aus Linz war da, um einen Preis für das Kollisionswarnsystem OSCAR in Empfang zu nehmen, so wie auch Jason Minor aus Texas. Letzterer vertreibt Hydrofins, das sind Foils für Pontonboote, eine Bootsgattung, die in Binnenamerika Kultstatus genießt. Motorisierte Badeinseln auf zwei oder drei runden Alurümpfen (im Fachjargon „Logs“ also Rundholz genannt), bei denen kaltes Bier, laute Musik und ein großer Grill wichtiger sind als Fahrleistungen oder Spritverbrauch. Pragmatisch, praktisch, populär. Wie bunte Plastiksandalen.









 

Der Fahrstuhleffekt