Freundschaft mit Zweck

Februar. Und ein Sonntag, wie man ihn getrost verrinnen lassen kann. Irgendwann finde ich YouTube und die letzte Wettfahrt des letzten America’s Cups. Der Trostpreis für die Tragödie des ertrunkenen Andrew Simpson. Für die Farce der „Ausscheidung” der Herausforderer. Und für die Schummeleien im Camp von Oracle. Beim Punktestand von 8:8 ging’s um alles oder nichts. Vordergründig war’s ein Zweikampf von Kats mit Wingsegeln und Tragflügeln, die vor der grandiosen Kulisse von San Francisco mit bis zu 40 Knoten übers Wasser schossen, oft nur wenige Meter voneinander entfernt. Segeln, das es so noch nie gab. Als Zirkus und TV-Spektakel für die Massen perfekt ins Bild gesetzt. Dahinter spielten sich Duelle der anderen Art ab: Russell Coutts gegen seine ehemaligen Teamkollegen. James „Pitbull” Spithill gegen Dean Barker. Und ganz Neuseeland gegen die Milliarden von Larry Ellison. Wie es ausging, ist bekannt.
Weniger bekannt ist die Partnerschaft, die half, das Fegefeuer der Eitelkeiten an diesem Ort zu entzünden. Das Geschäft, das es Larry Ellison ermöglichte, die Verteidigung in seinem Heimatrevier auszutragen und dabei seine Vision für den Cup umzusetzen. Die Zweckfreundschaft, wenn man so will, die er mit dem Automechaniker Norbert Bajurin schloss, der dem Golden Gate Yacht Club in San Francisco als Commodore vorsteht. Für Norbert, dessen Vater 1952 aus dem kroatischen Fischerdorf Hodilje in die USA floh, war es der Rettungsring, der seinen bescheidenen Club vor dem sicher scheinenden Bankrott bewahrte. Anders als die Funktionäre des noblen St. Francis Yacht Clubs schräg gegenüber, war Bajurin nämlich nicht an Machtpolitik interessiert, sondern am Weiterbestand des Golden Gate. Den half Larry mit dem Beitritt seines Teams sichern. Und für Ellison war’s die Gelegenheit, als Cupverteidiger schalten und walten zu können und Segeln damit ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Im Guten wie im Schlechten.
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Das Buch mit dem Originaltitel The Billionaire and the Mechanic wurde von Julian Guthrie letzten Sommer veröffentlicht. Die überarbeitete und aktualisierte deutsche Ausgabe, die auch das Geschehen des 34. America’s Cups im Detail erzählt, erscheint demnächst unter dem Titel Der Milliardär und der Mechaniker im Delius Klasing Verlag. Übersetzt wurde sie von der deutschen Segeljournalistin Tatjana Pokorny und dem Autor dieser Zeilen.

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Unlängst schaute der Kapitän der Kreuzpeilung vorbei. Große Freude. Alle heiligen Zeiten passiert das und heuer war’s wieder soweit. Gut steht er im Lack. Und modisch schulden wir uns absolut nix. „Rentner-Chic“ nennt meine Frau die Kapperl-Shorts-T-Shirt-Combo mit der wir zur Tour de Portlandia antraten: Tacos bei ¿porque no?, die Willamette Wasserfälle in Oregon City (nach Wassermenge die zweitgrößten der USA) und der legere Fluss-Segelklub unweit der Med Uni, der auch gut an die Alte Donau passen würde.









 

Nukes und Walzer

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Amazon hat uns an der Nase herumgeführt, oh Schreck. Das Versprechen der Klimaneutralität bis 2040, wurde von einer banalen Realität überholt: Der firmeneigene Ausstoß klimaschädlicher Gase stieg von 2019 bis 2021 um fast 40%, auf mehr als 71 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent durch die Covid-Konjunktur für den Onlinehandel. Mehr Umsatz, mehr Lager, mehr Leute, mehr Flieger, mehr Laster, mehr Emissionen, logisch. Aber unbequeme Wahrheiten lassen sich grünfärben und das sieht dann so aus: Die ausgestoßene CO2-Menge pro Artikel sei gesunken, so wurde aus 40% Plus ein kleines aber feines Minus der Karbon-Intensität von 1,9%. Dass bei der Berechnung nur Artikel zählten, die unter der Marke Amazon über den virtuellen Ladentisch wanderten, (ca. 1% des Gesamtvolumens), wird diskret verschwiegen.









 

Ein blaues Fitnessstudio

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„Wir schreiben ihnen nicht vor, was sie tun sollen. Sie selbst und ihre Entscheidungen sind die wichtigste Sicherheitseinrichtungen an Bord.“ Das war der Kernsatz des Regattaleiters bei der Steuermannsbesprechung vor dem Start des diesjährigen Race to Alaska (www.r2AK.com). Das ist ein 750-Meilen-Rennen von Port Townsend im US-Bundesstaat Washington, nach Ketchikan, Alaska, ausgeschrieben für Boote, die ausschließlich von Wind- und/oder Muskelkraft angetrieben werden und keine Hilfe von außen in Anspruch nehmen dürfen. Mit anderen Worten: Es wird den Teilnehmern nahegelegt, selbst zu denken, Eigenverantwortung zu übernehmen, und ihre Taktik auf die Fähigkeiten des Bootes und der Besatzung abzustimmen, um nicht als Beispiel für Darwins These der natürlichen Selektion in Erinnerung zu bleiben.









 

Nominiert für den Darwin-Preis

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Der öffentliche US-Radiosender NPR berichtete zwischen den Nachrichten über Corona und Krieg unlängst über das R.U.S.Z., das Reparatur und Service Zentrum in Wien Penzing. Leiter Sepp Eisenriegler erklärte in bestem Englisch den Verschwendungsweltmeistern in Amerika, dass Reparieren für den geplagten Planeten besser sei als Wegschmeißen und neu kaufen. Und dass in Österreich ab 26. April bis zu 200 Euro Reparaturbonus für die Wiederherstellung von kaputten Elektrogeräten bezahlt werden. Und dass er Franchisenehmer in den USA sucht, die sich diesem altmodisch-revolutionären Prinzip anschließen.









 

Fix it, don’t trash it

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Psst! Freizeitboote belasten die Umwelt. Besonders die großen und jene mit viel Kohlefaser. Von der Wiege bis zur Bahre, klimaschädliche Emissionen für und von einem Produkt (etiam tu, Elektroboot), das niemand wirklich braucht, wie’s Zyniker suggerieren. Die Industrie scheute das Thema Nachhaltigkeit lange wie Luzifer das Weihwasser, doch die Tide kippt und nun es gibt’s ernstzunehmende Lösungsansätze, nicht nur Greenwashing.









 

Fragen stellen

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„Ein Segelboot konnte Schmerz und Freude empfinden, Hoffnung und Verzweiflung; es konnte aufgeschlossen sein oder mürrisch, gut erzogen oder verletzend, eine Dame oder eine Hure. Und jedes Segelboot hatte eine eigene Individualität, etwas Besonderes, das es von allen anderen Booten, selbst denen derselben Klasse, unterschied: Es hatte ganz sicher auch eine Seele.“ So steht’s geschrieben in „Tinkerbelle, Allein über den Ozean.“ Verfasst von Robert Manry, einem Redakteur bei der US-Tageszeitung Cleveland Plain Dealer, der für diese 3,200 Meilen lange Nonstop Reise über den Atlantik im Jahr 1965 ganze 78 Tage benötigte. Das Buch, das seit Jahrzehnten in seinem zerschlissenen Hochglanzumschlag in meinem Buchregal vor sich hingammelte, fiel mir unlängst auf den Kopf. Zum Glück. Denn es ist mehrfach bemerkenswert, besonders in einer Zeit, in der sogenannte „Influencer“ gerne das gähnende Nichts an die große Glocke hängen und dafür Geld nehmen. Ganz anders Manry, der sein Unternehmen in Eigenregie vorbereitet und finanziert hatte, und es auch geheim hielt, bis es für sich zu sprechen begann. Und dies tat es sehr eloquent, denn Tinkerbelle, sein damals schon 36 Jahre altes Trailerboot, war nur 4,1 Meter lang und galt als das kleinste Segelboot, das bis dahin den großen Teich ohne Halt überquert hatte. Er kaufte das Regattadingi als Wrack, das er abdichten und umbauen musste, um mit Familie auf Binnengewässern rund um Cleveland Wochenend- und Urlaubstörns zu segeln. Aber eigentlich wollte er auch über den Atlantik, doch sein Bekannter, der dieses Abenteuer gemeinsam auf einem „riesigen“ 7-Meter Boot wagen wollte, bekam kalte Füße. Also beschloss Manry, die eigne Nußschale für eine Ozeanüberquerung fit zu machen und sie dann zum Start an die US-Ostküste zu trailern. Auch sonst hat mich dieses Buch gefreut, weil die deutsche Ausgabe in Wien erschienen ist, im Verlag Fritz Molden, aus dem „Amerikanischen“ übertragen von Günter Schlichting. Dass darin altbackene Ausdrücke wie „in See stechen“, „Hauptsegel“ oder „Walfisch“ vorkommen, sieht man gerne nach, weil es irgendwie gut dazu passt und keinem damit Schaden widerfährt. Alles in allem ist Tinkerbelle eine sehr zufriedenstellende Lektüre, die daran erinnert, dass Dinge mal zumindest ein bisschen Substanz hatten, bevor sie an die große Glocke kamen.









 

Kein Maulheld