Gewöhnungssache

Im Februar also. Und in Valencia. Nach jahrelanger Prozessiererei scheinen wir nun doch wieder einen America’s Cup serviert zu bekommen. Zwar gibt es wie zu Steinzeiten nur zwei Bewerber, doch die verpulvern dafür umso mehr Geld für die Entwicklung von gigantisch großen und gigantisch schnellen Multihulls. Bei Redaktionsschluss wurde wieder Streit vom Zaun gebrochen, weil der amerikanische Herausforderer BMW Oracle Zweifel an den Segeln des Schweizer Verteidigers Alinghi geäußert hatte. Ob die denn wohl in der Schwyz genäht worden seien, lautete die Frage. Aber über die vergangene beiden Jahre hat man sich an derlei Gezank gewöhnt, weil es der modus operandi der Herren Bertarelli und Ellison zu sein scheint. Damit wurden ein paar Anwälte reich, aber viele Leute halt gar nicht glücklich, weil es einem mit der Zeit zum Halse raushängt.
Dabei könnte die Sache diesmal durchaus interessant werden. Nie wurden mehr Segel-PS auf einen schwimmfähigen Untersatz gepackt als vom BMW Oracles Trimaran und Alinghis Kat. Alles was gut, teuer, leicht und stark ist, kommt zum Einsatz: Karbon, Kevlar, Flügelrigg, Kippmast, Hydraulik, Elektronik, Schießmichtot. “Da herrscht inverser Kostendruck”, scherzte BMWs Entwicklungsingenieur Thomas Hahn, der gewohnt ist, Serienautos zu bauen, die nur ein Zehntel so cool sind wie die so genannten Concept Cars, die auf Messen ausgestellt werden. Beim Cup ist es anders. Da wurden Concept Boats gebaut, aber für den Renneinsatz. Bis zu 40 Knoten sollen sie erreichen und das bei nur 15 Knoten Wind. Beherrschbar ist so viel Technologie natürlich nur durch Technologie. Der Mensch ist degradiert zum Knöpferldrücker und zum Störfaktor. “Ob das 50 oder 100 Tonnen Last sind, kann keiner mehr unterscheiden”, erzählt Murray Jones, der Segelkoordinator von Alinghi. Lastsensoren und Computer sagen an, wie lange man noch Gas geben darf. Erstmals wurden bei diesem Cup auch motorbetriebene Winschen zugelassen. Nicht wegen der gigantischen Zuglasten, wohlgemerkt. Das bekommt man mit Gorillas an den Kurbeln auch hin. Es geht auch hier um Speed. Auf diesen Schiffen wird der Mast bei jeder Wende um ca. 8 Grad nach Luv geneigt, um eine bessere projizierte Segelfläche bei Krängung zu erzielen. Geschieht das mit Muskelkraft, dauert das fünf bis sechs Minuten. Mit Motor aber nur 20 Sekunden.
Man wird sehen, wie sich die Schlacht am Wasser entwickeln wird. Zumindest die ersten zwei Minuten nach dem Start der ersten Wettfahrt werden spannend sein. Sind die Boote annähernd gleich schnell, könnte es eine interessante Serie werden. Ist der Geschwindigkeitsunterschied aber deutlich, droht der 33. America’s Cup zu einem Gähnfest zu degenerieren wie damals im Jahr 1988, als Conners Kat den riesigen Bleitransporter der Kiwis blamierte. Sollte allerdings auf Alinghi oder BMW Oracle die Maschine schlapp machen, die die Hydraulik für die Winschen antreibt, ist der Ofen aus. Krass gesprochen: Man könnte eine Segelregatta durch Motorschaden verlieren. Aber auch an das wird man sich vermutlich gewöhnen.

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