Hybrid Hype

Null-null-sieben steht vor der Tür, stramm, frisch und motiviert. Und mit ihm die Frage, was es uns denn bringen wird. Werden die Eisbären am Nordpol ersaufen? Kommt der Komet oder ein Tsunami von biblischem Ausmaß? Werden Autos endlich Wasser spucken statt CO2? “Green & Clean”, so viel wage ich zu prognostizieren, bleibt in. Hybrid-Technologien, Sonnen- und Windenergie werden sogar an Popularität gewinnen, weil man uns mit viel Hype glauben macht, sie könnten uns vor dem drohenden Armageddon retten. Doch abgesehen davon, dass die Erwärmung der Erdatmosphäre auch nach uns noch ein paar Generationen beschäftigen dürfte, gibt es derzeit einige Entwicklungen, die mir eher grotesk erscheinen. So werden zum Beispiel Segelboote, die ja von Haus aus die billigste und grünste Energiequelle nutzen, neuerdings mit diesel-elektrischem Antriebssystemen angeboten, wie man sie von riesigen Kreuzfahrtschiffen oder Dieselloks kennt. Dabei erzeugen Dieselgeneratoren den Strom für den Elektroantrieb. Der französische Hersteller Lagoon bietet seinen neuen Kat Lagoon 420 ausschließlich mit diesel-elektrischem Antrieb an, denn man wolle mit gutem Beispiel vorangehen. Auf dem Schiff werken zwei 10-kW-Generatoren, denn außer den beiden elektrischen Motoren gilt es auch den stromhungrigen Haushalt zu versorgen. Elf Tonnen hat der Kat, mit acht Fahrgästen und allem Klimbim werden’s wohl an die vierzehn sein. Kein Wunder, dass es ein Minikraftwerk braucht, um genug Saft im Umlauf zu halten.
Die U.S. Firma Island Pilot plant, einen 40-Fuß-Motorkat mit Decksalon vorzustellen, der schlauerweise als Hybrid vermarktet wird. Zwei 25-kW-Generatoren und Solarzellen sollen die Batteriebänke speisen. Wenn die Sonne scheint, soll es möglich sein, fünf Seemeilen mit einer Gallone (3,89 l) Diesel zurückzulegen. Damit das Ding nicht zu sparsam wird, greift man bei der Standardausstattung tief in die Kiste: Touchscreen-Monitore für die Kontrolle des Antriebssystems, Joystick-Steuerung, volles Elektronikpaket von Raymarine, dazu 26-Zoll-Flachbildschirm fürs Entertainment Center, Satelliten-TV, Waschmaschine/Wäschetrockner, Gefriertruhe und die unvermeidbare Klimaanlage. Der Antrieb mag zwar umweltfreundlich sein, doch der gesamte Energiebedarf an Bord gleicht dem einer Kleinstadt.
Das sind, so leid es mir tut, zwei Schritte nach vorn und drei zurück. Natürlich ist erneuerbare Energie angesagt, doch sollte man im Technologietaumel nicht vergessen, dass “leicht und schlank” die beiden Katalysatoren sind, die ihren Nutzen potenzieren. Wer je mit dem Fahrrad bergauf gefahren ist oder in der Yachtrevue 10/06 den E-Boot-Test gelesen hat, kennt sich aus. Für null-null-sieben hoffe ich, dass wir uns an den Hausverstand erinnern, den ich für die potenteste Waffe im Kampf gegen Klimawandel und Verschwendung von natürlichen Ressourcen halte. Das kostet nix, geht schnell und bringt viel.
In diesem Sinne wünsche ich allen eine frische Brise für den eigenen Kurs und viele unbeschwerte und motorlose Segeltage im neuen Jahr. Warm dürfte es dabei ja sein, wenn die Prognose stimmt.

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Der beste Tag

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Handwerk, so sagt man, hat einen goldenen Boden. Bootsbauer sind derzeit besonders gefragt, denn die Auftragsbücher der Werften sind voll. Allerdings findet sich nicht ausreichend qualifiziertes Personal, um alles zeitgerecht abzuarbeiten und auszuliefern. Die Wartezeiten ziehen sich und viele jammern über den Geschäftsentgang. Aber so schaut es aus, wenn das Analoge Rache nimmt am Digitalen und am Mantra “Uni oder nix”. Die Welt ist voll von Akademikern, die in der Regel viel wissen, aber wenig Konkretes schaffen (Spieglein, Spieglein an der Wand …). Wenn alle Programmieren lernen und sich mit Prozessoptimierung herumschlagen, aber keiner an der Werkbank steht, wer soll dann noch ”normales Zeug” herstellen? Die Polen? Shenzhen? Und überhaupt: Kommen nicht eh bald die Roboter und das bedingungslose Grundeinkommen?









 

Leo hat Handwerk

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Kennen Sie Paul Bieker? Nein? Kein Grund für falsche Scham. Ist ja keiner, der gern und oft im Rampenlicht steht. Ich nenne ihn spaßhalber den Effizienzpapst und der hat mir unlängst Audienz gewährt. Nicht in einem Palast, sondern in einem unscheinbaren Büro, im Stadtteil Ballard in Seattle, wo Schlepper, Fähren und Fahrzeuge für die Berufsfischerei gebaut werden.









 

Eminent effizient