Kein Handicap – keine Probleme

Berlin im Sommer ist flau. Das Durchschnittslüfterl hat 3 Windstärken und kommt aus WNW. Sagt Windfinder. Ein paar 22er-Rennjollen-Segler sehen das freilich anders. Michael Gubi: „Erste Wettfahrt: Ruderbeschlag abgebrochen, nach ruderlosem Ballett bei Starkwind Sturz mit Höchstnoten. Zweite Wettfahrt: Aufenthalt beim Schlosser. Dritte Wettfahrt: Schote trampelt auf Fockschot herum – Sturz mit Niedrigstnoten.” Wolfram Ainetter: „Ein klassischer Propeller, gefolgt von ohnmächtiger Kenterung nach Luv. Der Großbaum hat mit dem Mast die Funktion getauscht.” Wolfgang Friedl: „Unsere Kenterung war durch die Selbstwendefock verursacht. Wer denkt schon, dass das Fetzerl so einen Zug ausübt?” Soviel zum Thema kognitive Dissonanz.
Doch zurück zu meinem Besuch in Seattle. Microsoft, Starbucks, Boeing oder Amazon kommen von dort und die kennt jeder. Nicht aber die lokalen vergütungsfreien Regattaregeln. Es ergab sich die Gelegenheit, mit einer Firefly, einem 45-Fuß-Möbelstück von Morris Yachts, bei der Donnerstagabendregatta mitzumachen. Die Kulisse der glitzernden Wolkenkratzer war würdig, der Wind kooperativ und das Racerl ein Hit: Etwa 70 Schiffe, geteilt in Racing- und Cruisingklasse, Raumschotstart, eine Runde, winner takes all. Vergütung? „Screw the handicap”, feixte einer. Der Erste im Ziel gewinnt die Wettfahrt, aber nicht unbedingt einen Preis. Und trotzdem sind am Ende alle froh.
Nach dem Start ging es mit böiger Brise und rauschender Bugwelle Richtung Leetonne, die downtown vor dem Fährdock ausgelegt war. Da versägte uns Gray Wolf, ein eleganter 40-Füßer mit unverstagtem Mast und Wasserballast. Mann am Steuer, Frau an der Schot und die Kids an der Reling, tanzend, nicht hängend. Dann geigte da mit viel buntem Tuch Snake Oil, Platzhirsch und Abonnementmeister, mit motivierter Mannschaft vorbei. Und kurz vor dem Fass schwappte uns noch eine Juxpartie auf einer Beneteau mit Gennaker durch. Die Kreuz war ein Anlieger, auf dem es dann sehr schnell zur Sache ging. Alle werkten und Bob, der Eigner, der letztes Jahr von seinem Stinkpott auf Segeln umgestiegen war, legte am Steuer eine Talentprobe ab. Der Ho-Tschi-Minh-Pfad führte knapp unterm Heck eines ankernden Tankers vorbei – und genau dort lief Snake Oil in einer scharfen Bö aus dem Ruder. Oben hatten wir die Nase vorne, aber nur um’s sprichwörtliche Arschlecken. Mit Glück und Wasserlinie retteten wir uns über den letzten Bahnschenkel ins Ziel. High-Fives, gute Laune und Aussicht auf die Poleposition bei Schaumkronen und Hotdogs. „Wir haben gewonnen und das verschafft Respekt”, erklärte der strahlende Skipper. „Aber wer die coolen Preise abholt, bestimmt die Verlosung.”
Und das war der Clou, weil für alle spannend – ganz ohne Handicap.

Weitere Artikel aus diesem Ressort

Ressort Layline
Marx wurde heuer 200. Der Kapitalismus, den er analysierte und kritisierte, hat ihn zwar überlebt, ist aber ein Auslaufmodell, weil jetzt, anders als zu Beginn der industriellen Revolution, Profit mit Software erzielt wird, die quasi ohne riesigen Kapitaleinsatz (also ohne große Fabriken und Maschinen) erstellt wird. Diese Programme sind selbstlernend und steuern immer mehr Prozesse, die bisher menschliche Arbeitskraft erforderten. Das trifft Übersetzer, Handwerker und Programmierer ebenso wie den Bootsbau, der technologisch oft noch in den 1970ern steckt. Doch Anfang des 19. Jahrhunderts war das anders, da waren Segelschiffe bekanntermaßen wichtige Instrumente des Handels und der Kriegsführung und somit Wegbereiter der Globalisierung. Weniger erinnerlich ist, dass sie auch bei der Geburt der maschinellen Fertigung Pate standen.









 

Der Schotblock und die Revolution

Ressort Layline
Fast bis zum Himmel reichte der Stapel Boote auf seinem Anhänger. Schick waren sie nicht, diese kleinen Dingis, aber voller Charakter. Und sie erzählten Geschichten, die sie über Jahrzehnte in ihre Planken aufgesogen hatten. Dan hieß der Mann am Steuer des Pickups, ein gutmütiger Bär, der auf dem Heimweg nach Kalifornien geduldig auf die nächste Fähre zum Festland wartete. „Wracks, die ich zusammengeschnorrt habe, um sie mit meinen Schülern zu res­taurieren“, antwortete er auf die sich aufdrängende Frage. Das ist nun schon einige Jahre her.









 

Der beste Tag

Ressort Layline
Handwerk, so sagt man, hat einen goldenen Boden. Bootsbauer sind derzeit besonders gefragt, denn die Auftragsbücher der Werften sind voll. Allerdings findet sich nicht ausreichend qualifiziertes Personal, um alles zeitgerecht abzuarbeiten und auszuliefern. Die Wartezeiten ziehen sich und viele jammern über den Geschäftsentgang. Aber so schaut es aus, wenn das Analoge Rache nimmt am Digitalen und am Mantra “Uni oder nix”. Die Welt ist voll von Akademikern, die in der Regel viel wissen, aber wenig Konkretes schaffen (Spieglein, Spieglein an der Wand …). Wenn alle Programmieren lernen und sich mit Prozessoptimierung herumschlagen, aber keiner an der Werkbank steht, wer soll dann noch ”normales Zeug” herstellen? Die Polen? Shenzhen? Und überhaupt: Kommen nicht eh bald die Roboter und das bedingungslose Grundeinkommen?









 

Leo hat Handwerk

Ressort Layline
Kennen Sie Paul Bieker? Nein? Kein Grund für falsche Scham. Ist ja keiner, der gern und oft im Rampenlicht steht. Ich nenne ihn spaßhalber den Effizienzpapst und der hat mir unlängst Audienz gewährt. Nicht in einem Palast, sondern in einem unscheinbaren Büro, im Stadtteil Ballard in Seattle, wo Schlepper, Fähren und Fahrzeuge für die Berufsfischerei gebaut werden.









 

Eminent effizient

Ressort Layline
Wie lange lass ich mir so viel Bullshit noch gefallen? Der Internetprovider will mal wieder mehr Kohle für weniger Leistung. Geldgierige Investoren schmeißen verdiente Kollegen raus, weil sie Gehaltsempfänger sind. Und die Marie für meinen Rentenkreuzer kassiert eine Uni, die der Tochter ein imposantes aber wertloses Bachelor-Degree aushändigen wird. Hauptsache, unterm Strich stimmt's und der Hamster rennt brav in seinem Radl.









 

Die Arche des App

Ressort Layline
Das Meer, so heißt es, findet unbarmherzig die Schwachstelle an Schiff und Besatzung. Kleinigkeiten, die schiefgehen, können sich von einem Moment zum anderen zum gigantischen Clusterfuck ausweiten. Grad so, wie es Karl-Heinz Meer Senior und Junior aus Westfahlen am eigenen Leibe erfahren mussten. Sie hatten sich bei eBay eine betagte Oceanis 430 zum Schnäppchenpreis geholt und wollten damit gleich auf der ersten Fahrt von Panama nach Bremerhaven schippern. Ein Abenteuer, das im Rettungshubschrauber endete.









 

Zahlen, bitte!