Leichtigkeit des Seins

Sonnenschutzfaktor 50, türkises Wasser, eine Prise Wind und 17 Knoten am Tacho. Dann Nachtschicht in T-Shirt und Shorts, der Sternenhimmel mit fettem Mond milchig weiß. Wintersegeln, wie’s im Katalog steht. Die rennmäßige Überstellung von Fort Lauderdale nach Key West über 160 Seemeilen ist perfekter Ausgleichssport für einen Tastaturjockey.
Hemingways Domizil sollte man gesehen haben und die Anreise am Seeweg passt gut. Ich hab auf einer Wyliecat 44 angeheuert, einem in Europa weit gehend unbekanntem Vehikel. Schlüsselmerkmale: unverstagter Mast, Cat-Takelung mit Gabelbaum, schlanker Rumpf, wenig Verdrängung und flottes Wesen. Zwischen den Elektrobooten am Wörthersee gurkt fallweise eine 17-Fuß-Version herum.
Als wir durch die Nacht rodeln und ganz nach Belieben eine Halse einstreuen oder die Blase wechseln (asymmetrisch, mit frei fliegendem Kohlefaserbaum), erinnere ich mich an die unglaubliche Leichtigkeit des Seins auf catgetakelten Jollen. Es gibt durchaus intelligente Schwimmobjekte ohne Vorsegel und Verstagung. Ein Mast, ein Segel, keine Ausreden.
Der flexible Kohlefaserstingel, der oben in den Böen nach Lee geht und damit Dampf aus dem Segel lässt, macht Wyliecats ideal für die Alleinunterhaltung. Getrimmt werden Großschot und „Choker“, der die Position des Gabelbaums zum Mast und damit die Profiltiefe des durchgelatteten Segels regelt. Rollreffanlagen oder Lazy Jacks sind überflüssig, denn wenn die Wäsche runterkommt, fällt sie einfach in die Bändsel unterm Baum. Einfach, praktisch, effektiv.
Diese Simplizität ist nicht neu, doch ziemlich schlau, weil man auch ohne Steroidlackeln auf der Kante was weiterbringt. Erinnert sich wer an die von Georg Hinterhoeller in Kanada gebauten Nonsuchs, die ein freistehendes Aluminiumrigg mit Gabelbaum hatten? Einfach waren sie und komfortabel, aber auch schwer und wenig aufregend zu segeln. Letzteres kann man von den Wyliecats nicht behaupten.
Mittlerweile haben wir Biscayne Bay achteraus gelassen und gehalst. Für den großen Spi wird der Winkel allmählich zu spitz. Plötzlich ein Rumpeln, gefolgt von deftigen Flüchen. Schnell den Nylonfetzen runter und Retourgang – natürlich ohne Murl – einlegen, um die Reuse abzuschütteln. Ohne Fock und mit schlankem, tiefem Kiel ist das eher delikat, aber bald sind wir frei.
Die Silhouette von Key West zeigt sich in der Morgensonne des nächsten Tags. Viel Kitsch, viele bunte Leute und viel rustikales Geflügel auf der Duvall Street. Aber die Seitengassen sind den Spaziergang vom Hafen zum Hotel allemal wert. Dann das Hemingway-Haus, von einer roten Ziegelmauer umgeben. In der Nachbarschaft keine Spur von den berüchtigten Schenken. Statt dessen Ernest’s Juice Bar. Verdammtes Land.
http://www.flyaway-weblog.com/50226711/sailing.php

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