Leo hat Handwerk

Handwerk, so sagt man, hat einen goldenen Boden. Bootsbauer sind derzeit besonders gefragt, denn die Auftragsbücher der Werften sind voll. Allerdings findet sich nicht ausreichend qualifiziertes Personal, um alles zeitgerecht abzuarbeiten und auszuliefern. Die Wartezeiten ziehen sich und viele jammern über den Geschäftsentgang. Aber so schaut es aus, wenn das Analoge Rache nimmt am Digitalen und am Mantra “Uni oder nix”. Die Welt ist voll von Akademikern, die in der Regel viel wissen, aber wenig Konkretes schaffen (Spieglein, Spieglein an der Wand …). Wenn alle Programmieren lernen und sich mit Prozessoptimierung herumschlagen, aber keiner an der Werkbank steht, wer soll dann noch ”normales Zeug” herstellen? Die Polen? Shenzhen? Und überhaupt: Kommen nicht eh bald die Roboter und das bedingungslose Grundeinkommen?

Einer, der solchen Gedankenspielen weiträumig ausweicht, ist der Engländer Leo Goolden. Holzboot statt Hörsaal, Handwerk statt Hochfinanz, lautete seine Wahl. Irgendwann legte er sich Lorema zu, ein baufälliges Holzfolke von 1947, restaurierte es in Eigenregie und segelte damit 2015 solo, ohne Elektronik und Motor über den Atlantik zur Antigua Classic Regatta. Dort gewann er seine Liga und wurde über Nacht milde berühmt. Mittlerweile werkt er an einem mächtigen 47-Fuß-Kutter, der von Albert Strange entworfen wurde und 1910 unter dem Namen Betty vom Stapel lief.

Das Schiff gewann 1927 unter seinem aktuellen Namen Tally Ho das Fastnet Race, verkam aber über die Jahrzehnte zum Wrack, bis Leo es an der US-Westküste fand und für ein symbolisches Pfund Sterling kaufte. In einem Dorf am Rande der Welt restauriert er die Yacht jetzt gemeinsam mit Freundin Francesca und ein paar Freiwilligen. Zwischendurch füllt er die Bordkasse als Bootsbauer, Skipper und Wachführer auf klassischen Yachten.

Aber Leo kann nicht nur mit dem Stechbeitel, sondern auch mit der Kamera umgehen und postet regelmäßig Videos auf seinem Blog unter www.sampsonboat.co.uk. Bootsbau hat für Goolden wahrlich einen goldenen Boden. Nicht notwendigerweise finanziell sondern einfach, weil ihm damit das Tor zum Abenteuer offen steht. Ganz ohne bedingungsloses Grundeinkommen.

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