Messias vom Motorrad

Segeln pfeift aus dem letzten Loch. So zumindest porträtierte die Konferenz der US-Segelindustrie die Lage in einem Land, wo 92 Prozent aller verkauften Boote nur durch Drehen am Zündschlüssel bewegt werden. Anstelle sich als gesunde und vernünftige Alternative zu präsentieren, ist man froh, nicht weiter zu schrumpfen.
Seit 1979 ist die Anzahl der US-Segler etwa um 70 Prozent zurückgegangen. Das ist kein Zufall, sondern die Folge der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen, dem Schwund der Mittelklasse, aber auch von konsequenter Misswirtschaft, die die Zukunft sträflich vernachlässigte. Das Resultat: Segeln ist monochromatisch weiß, alt und männerlastig. Dazu kam eine saftige Rezession und das Ende der laxen Kreditvergabe durch die Banken. Andere Faktoren sind Zugangsbeschränkungen zum Wasser, hohe Dropout-Raten junger Segler, die sich den Sport nach Universitätsabschluss nicht mehr leisten können, und die verbreitete solipsistische Tendenz, die Ich-AG zu vermarkten und dabei mehr Zeit vor dem Bildschirm als hoch am Wind zu verbringen.
Die Lösung ist klar: Ein neuer Messias muss her. Meet Bob Bitchin. Ein Berg von einem Mann mit langer Lockenmähne, Vollbart und einem Luxuskörper, der mit Tätowierungen zugepflastert ist. Easy Rider im Viagraalter und Kultfigur. In der Tat hat Bitchin Vergangenheit in der Bikerszene, wo er riesige Meetings organisierte und als Bodyguard für den Stuntman Evel Knievel arbeitete, bevor er zum Weltumsegler und zur Medienikone der alternativen Blauwasserszene mutierte. Sein seit 1996 erscheinendes Magazin Latitudes & Attitudes (www.seafaring.com), seine TV-Serie und seine Cruising-Seminare sprechen die rauen Charaktere an, die mit Begriffen wie „Yacht“ und „Club” nichts am Hut haben. Bitchins Cruising Parties sind ein Knaller: Das Bier ist kalt, die Musik laut (z. B. „Weenies And Bikinis” von Brent Burns) und die Besucher selten nüchtern. „Zu viele Leute glauben, Segeln sei nur für die Reichen, die mit dem Blazer, der Megayacht und der Herzeigebraut”, erklärt der gewichtige Mann. „Ich will beweisen, dass der Normalbürger das Segeln genauso genießen kann. Mir geht es dabei nicht um Status oder Boote, sondern um Lifestyle, Einstellung und Abenteuer.”
Nun wurde Bob Bitchin (Geburtsname Robert Lipkin) in den Aufsichtsrat des Interessensverbands Sail America berufen, um neues Publikum für den Sport zu rekrutieren. „Wenn wir wachsen wollen, müssen wir uns um neues Zielpublikum bemühen”, erklärt er. Dass er dazu fast buchstäblich aus seiner Haut fahren müsste oder mit dem Versuch scheitern könnte, schreckt ihn nicht. „Der größte Fehler ist die Furcht einen Fehler zu machen”, erklärt er. „Man muss sich Missgeschicke eingestehen und daraus lernen.” Ob Bitchins Strategie aufgehen wird, bleibt abzuwarten, doch man kann ihm nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben. Und damit ist er schon einen Schritt weiter als viele.

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Kein Maulheld

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