Nautische Pilgerfahrt

Österreich, so sagt man, habe das Nostalgiemonopol. Doch Amerika punktet in dieser Rubrik ebenfalls, besonders im nautischen Bereich und da vor allem mit dem Mystic Seaport (www.mysticseaport.org). Wäre Mickey Mouse ein Segler, er wäre in Mystic daheim, ziemlich genau in der Mitte zwischen New York und Boston, am Long Island Sound. Ein ganzes Seefahrerdorf aus dem 19. Jahrhundert wurde aus originalen Gebäuden nachgebildet, samt Seilerei, Schiffsausrüstern, Fassbinderei und Freiwilligen, die in Kostümen der Epoche auftreten. Im Wasser gibt es unter anderem den letzten hölzernen Walfänger zu bestaunen oder einen Grand Banks Schoner, der noch in den 1930ern die Heringfischerei auf traditionelle Art ohne Netz ausgeübt hat. Wie in allen Museen sind die wahren Schätze der Öffentlichkeit nur selten zugänglich, zum Beispiel die berühmte Rosenfeld Kollektion (frühe Yachtfotografie vom Feinsten) oder jene unrestaurierten Schiffe, die in einer feuchten Lagerhalle stumm von hunderten Jahren Bootsbaugeschichte zeugen. Während einer Privatführung durften meine Finger über den allerersten Laser gleiten, fäkalienbrauner Rumpf, gestiftet von Bruce Kirby. Im selben Raum findet sich auch ein Starboot aus dem Jahre 1909 und der erste Lightning aus dem Jahre 1938.
Zwei Autostunden nördlich, in Bristol, Rhode Island, liegt das Herreshoff Museum und die America’s Cup Hall of Fame (www.herreshoff.org), Heimstätte des legendären Yachtdesigners und Konstrukteurs Nathanael Greene Herreshoff. Herzstück des Museums ist der Modellraum mit mehr als 500 Halbmodellen, die alles zeigen, was Captain Nat erdacht hat: Die größten und schnellsten America’s-Cupper, Torpedoboote, Katamarane, Dampfyachten oder kleine, aber feine Dingis zum Spazierensegeln. NGH war ein entscheidungsstarker, erfindungsreicher Kerl, gesegnet mit Vision und handwerklichen Geschick. Alle seine Entwürfe fertigte er zuerst als exaktes Halbmodell an, nahm dann mit einer Offsetmaschine die Punkte an den einzelnen Stationen ab, rechnete sie im Kopf hoch und trug sie in ein kleines, braunes Buch ein. Davon wurden direkt die Bauzeichnungen angefertigt. So war es möglich, riesige Yachten wie die 144 Fuß lange Reliance, die 1903 den America’s Cup souverän verteidigte, in weniger als vier Monaten in der hauseigenen Werft zu fertigen.
Beide Institutionen sind weniger Nostalgietempel als Gralshüter und glorifizieren einen Teil der nautischen Geschichte, mit der die Welt bis heute lebt. Herreshoff hat mit seiner Arbeit viele Aspekte des modernen Yachtdesigns vorweggenommen. Und Mystic zeigt, welch große Rolle die Schiffe für ein Land spielten, das über die See besiedelt worden und zur Weltmacht aufgestiegen war.

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