Rentner-Rakete


Trotz Covid-Impfung bleibe ich weiter im Nordwesten der USA picken und finde dort eine Vielzahl spannender Bootsprojekte, die aus den Zwängen der Pandemie entspringen, wie zum Beispiel die Longtail 30. Das ist ein ranker Holz-Carbon-Bau (LOD: 9 m, Breite 2,28 m, Verdr. 1,03 t, 60% Ballast), den einen rüstiger 77-jähriger Musikprofessor bei America’s Cup-Konstrukteur Paul Bieker in Auftrag gab und es recht eilig hatte: Von der ersten Denkrunde bis zum Wassern ziehen weniger als 12 Monate ins Land, wobei fast alles vor Ort gefertigt wird: Kohlefaserteile und Holzteile kommen aus der CNC-Fräse ehe sie bei einem Holzbootbauer verarbeitet werden. Der Holzrumpf ist aus GFK-überzogenem Sperrholz, das innen mit Epoxy beschichtet ist.
Das Schiff muss keinen Vermessungsvorschriften entsprechen und ist als sportlicher Daysailer und Regattaboot ausgelegt, hat aber eine kleine Kajüte mit Chemietoilette und nur einer Koje. „Man muss zwischendurch schließlich auch mal aufs Örtchen oder ein Nickerchen halten können“, sagt der greise Eigner dazu. Er will das Boot einhand segeln können, heißt, kein Herumturnen an Deck. Deshalb sind Schoten und Strecker an einen Barneypost (Trimmpoller?) im Cockpit geführt und der asymmetrische Bunte kommt aus einer Spitrompete wie am FD, 505er, Tempest oder Dyas. Püttinge für Wanten und Backstagen sind aus Kohlefaser, somit leichter, stärker und korrosionsfrei. Hilfsmotor ist ein Torqeedo Saildrive, der hinter dem 2,43 m tiefen Festkiel sitzt.

Optimiert wurde das Fahrzeug mit VPP, einem gängigen Softwaretool zur Geschwindigkeitsvorhersage. „Kohlefaser nur dort, wo es am meisten nutzt,“ erklärte Bieker, der aus diesem Grund Deckplatten und ein Rigg aus Carbon spezifizierte während der Kiel aus stinknormalem Stahl gefertigt wurde und der etwa 250 kg leichte Rumpf aus beschichtetem Sperrholz. Mit einem Millionenbudget könne man auch minimalen Gewichtsreduktionen nachjagen, so Bieker, aber wer gut rechnet und entsprechend disponiert, bekommt ein Spaßboot für deutlich weniger. Mit bis zu 106 m2 Segelfläche müsste sich die Longtail 30 auch am See nicht verstecken und dürfte einer sauber gesegelten Melges 24 mit Crew Rätsel aufgeben. Der vielleicht größte Vorteil: Die Hybridbauweise reduziert den Berg von toxischem Abfall, der beim GFK- oder Kohlefaserbau entsteht. Pandemie hat also auch guten Seiten.

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Unlängst schaute der Kapitän der Kreuzpeilung vorbei. Große Freude. Alle heiligen Zeiten passiert das und heuer war’s wieder soweit. Gut steht er im Lack. Und modisch schulden wir uns absolut nix. „Rentner-Chic“ nennt meine Frau die Kapperl-Shorts-T-Shirt-Combo mit der wir zur Tour de Portlandia antraten: Tacos bei ¿porque no?, die Willamette Wasserfälle in Oregon City (nach Wassermenge die zweitgrößten der USA) und der legere Fluss-Segelklub unweit der Med Uni, der auch gut an die Alte Donau passen würde.









 

Nukes und Walzer

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Amazon hat uns an der Nase herumgeführt, oh Schreck. Das Versprechen der Klimaneutralität bis 2040, wurde von einer banalen Realität überholt: Der firmeneigene Ausstoß klimaschädlicher Gase stieg von 2019 bis 2021 um fast 40%, auf mehr als 71 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent durch die Covid-Konjunktur für den Onlinehandel. Mehr Umsatz, mehr Lager, mehr Leute, mehr Flieger, mehr Laster, mehr Emissionen, logisch. Aber unbequeme Wahrheiten lassen sich grünfärben und das sieht dann so aus: Die ausgestoßene CO2-Menge pro Artikel sei gesunken, so wurde aus 40% Plus ein kleines aber feines Minus der Karbon-Intensität von 1,9%. Dass bei der Berechnung nur Artikel zählten, die unter der Marke Amazon über den virtuellen Ladentisch wanderten, (ca. 1% des Gesamtvolumens), wird diskret verschwiegen.









 

Ein blaues Fitnessstudio

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„Wir schreiben ihnen nicht vor, was sie tun sollen. Sie selbst und ihre Entscheidungen sind die wichtigste Sicherheitseinrichtungen an Bord.“ Das war der Kernsatz des Regattaleiters bei der Steuermannsbesprechung vor dem Start des diesjährigen Race to Alaska (www.r2AK.com). Das ist ein 750-Meilen-Rennen von Port Townsend im US-Bundesstaat Washington, nach Ketchikan, Alaska, ausgeschrieben für Boote, die ausschließlich von Wind- und/oder Muskelkraft angetrieben werden und keine Hilfe von außen in Anspruch nehmen dürfen. Mit anderen Worten: Es wird den Teilnehmern nahegelegt, selbst zu denken, Eigenverantwortung zu übernehmen, und ihre Taktik auf die Fähigkeiten des Bootes und der Besatzung abzustimmen, um nicht als Beispiel für Darwins These der natürlichen Selektion in Erinnerung zu bleiben.









 

Nominiert für den Darwin-Preis

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Der öffentliche US-Radiosender NPR berichtete zwischen den Nachrichten über Corona und Krieg unlängst über das R.U.S.Z., das Reparatur und Service Zentrum in Wien Penzing. Leiter Sepp Eisenriegler erklärte in bestem Englisch den Verschwendungsweltmeistern in Amerika, dass Reparieren für den geplagten Planeten besser sei als Wegschmeißen und neu kaufen. Und dass in Österreich ab 26. April bis zu 200 Euro Reparaturbonus für die Wiederherstellung von kaputten Elektrogeräten bezahlt werden. Und dass er Franchisenehmer in den USA sucht, die sich diesem altmodisch-revolutionären Prinzip anschließen.









 

Fix it, don’t trash it

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Psst! Freizeitboote belasten die Umwelt. Besonders die großen und jene mit viel Kohlefaser. Von der Wiege bis zur Bahre, klimaschädliche Emissionen für und von einem Produkt (etiam tu, Elektroboot), das niemand wirklich braucht, wie’s Zyniker suggerieren. Die Industrie scheute das Thema Nachhaltigkeit lange wie Luzifer das Weihwasser, doch die Tide kippt und nun es gibt’s ernstzunehmende Lösungsansätze, nicht nur Greenwashing.









 

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