Schlank, rank und leicht

„Die folgenden Zeilen repräsentieren die Meinung des Autors, nicht unbedingt die des Verlags.”
Eine kleine aber wichtige Formalität vorweg, denn jetzt geb ich zu: Ich find Motorbootfahren albern. Am Zündschlüssel drehen und Gas geben. Es krachen lassen ohne Eigenleistung. Wo bleibt da der Sport? Und die Umwelt erst, mamma mia. Selbst ein kleines Schnauferl braucht mehr als ein Hummer Geländewagen, Symbol für absolute Spritvernichtung. Massives Schwimmgerät mit fetten Motoren kann schon 100, 200 oder aber auch viele Liter mehr schlucken. Pro Stunde, wohlgemerkt. Die CO2-Emissionen kann man sich zusammenreimen, denn die werden tunlichst verschwiegen. Grund der Malaise: Größe, Gewicht, Antriebstechnologie, ineffizientes Design und die Tatsache, dass es halt viel mehr Energie braucht, ein Wochenendhaus durchs Wasser zu schieben als damit über die Landstraße zu kutschieren. Deshalb gehen Motorbootbauer wie Schmalzl, Frauscher oder Seebacher neue Wege mit Hybird und E-Antrieben, dem Gesetz und – auch – der Umwelt wegen.
Ihre Kollegen in Nordamerika sind da weit hinten, aber neulich begegnete ich zwei Erzeugern, die meinen, dass Motorboot auch anders geht. Campion Marine in Kanada (www.campionboats.com) baut etwa 1000 Boote pro Jahr und setzt seit 2010 voll auf Envirez. Das ist ein Polyesterharz von Ashland (www.ashland.com), das einen 12-prozentigen Bioanteil aufweist. „Für die Menge Harz, die wir pro Jahr verarbeiten, wurden bei der Herstellung etwa 45 Tonnen weniger CO2 ausgestoßen”, sagte mir Campion-Boss Brock Elliott. Schlanke Produktionsmethoden brachten auch den Wechsel vom aggressiven und gesundheitsschädlichen Aceton zu einem biologischen Lösungsmittel und den Einsatz von Auftriebsschaum und Gelcoat, die keine flüchtigen organischen Verbindungen ausgasen.
Einen Schritt weiter geht Russell Brown, der früher America’s Cupper für Larry Ellison gebaut hat. Mit seiner Firma Port Townsend Watercraft (www.ptwatercraft.com) bietet er ein elegantes Skiff als Bausatz für Heimwerker an. Das Ding besteht aus Okume Sperrholzteilen, die mit einer hochpräzisen Computerfräse zugeschnitten werden und am Ende wird der Rumpf außen mit GFK und Epoxy überzogen. Das 18-Fuß Boot hat wenig benetzte Fläche dafür aber Wasserballast, der wahlweise aufgenommen werden kann, und wiegt trocken nur 160 kg. Mit 20 PS ist das Ding vollkommen ausreichend motorisiert, packt 21 Knoten Topspeed und ist auch in beladenem Zustand locker mit 16 Knoten unterwegs. Verbrauch bei Marschfahrt beträgt ca. 4 Liter pro Stunde. Das Geheimnis: schlank, rank und leicht. „Leichter geht es nur mit Kohlefaser und Alu-Honeycomb-Kern, doch das ist superteuer, sehr aufwändig zu verarbeiten und erzeugt massiv Abfall”, erklärte Brown bei einem Besuch vor Ort. „Leute unterschätzen Sperrholz. Das gibt es zwar schon seit einiger Zeit, trotzdem ist es eines der besten Bootsbaumaterialien, wenn es leicht, stabil, umweltfreundlich und kostengünstig sein soll.” Es gibt also Hoffnung für Motorboote, weil man sie auch weniger albern machen kann. Dass mir deswegen Motorbootfahren Spaß machen könnte, bezweifle ich allerdings.

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Der Fahrstuhleffekt

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Vor einem halben Jahrhundert wurde auf der New Yorker Bootsmesse eine kleine Jolle vorgestellt. Einfach gehalten, in knalligen Farben produziert, als strikte Einheitsklasse ausgelegt und für $ 595 (heute etwa € 3.300) wohlfeil, passte das Ding zu der Zeit wie Arsch auf Eimer. „Fight Pollution, Sail a Laser“ hieß der Werbespruch und kein Stein bleib auf dem anderen. Zeit, ein paar Worte über Konstrukteur Bruce Kirby, zu verlieren, der unlängst im Alter von 92 verstarb.









 

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Ferienzeit, schöne Zeit

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