Timeout gegen Burnout

Vor nicht allzu langer Zeit gab’s einen Kolumnistengipfel in San Francisco: Layline und Kreuzpeilung. An einem Tisch. Unweit des America’s-Cup-Stützpunkts von Oracle, wo früher urbane Wüste herrschte und sich heute Hipster und Nerds begegnen. Wir sprachen Kolumnistenkauderwelsch, aber es ging eigentlich um nichts Konkretes, außer dem längst fälligen Hallo, nach fast 15 Jahren Pause. Allmählich driftete der Diskurs aber in Richtung Lebensgestaltung im sechsten Jahrzehnt des Daseins. Was kann man noch wollen? Was soll man noch müssen? Vom Stress habe man beileibe genug. Ohne es zu benennen, war unser Thema das Burnout, die psychische Modekrankheit der postindustriellen Gesellschaft. Nicht nur am Arbeitsplatz, auch in der Freizeit. Manchmal wäre es doch nett, so waren die Kolumnisten einig, sich den Wind ohne Konkurrenzdruck um die Nase wehen zu lassen, anstelle sich unter Gebrüll am Start vor anderen „einepanieren” zu müssen. Wie das Abenteuer, könnte doch auch die Lust aufs Alphatier-Gehabe mal Pause haben. Wir haben es dabei bewenden lassen, wohl weil wir ahnten, dass wir Alten uns weiter beweisen wollen. Wenn schon nicht anderen, so doch uns selbst. Unlängst schlug Sir Russell Coutts, einer der erfolgreichsten Segler aller Zeiten und Teamchef von Oracle, in dieselbe Kerbe, als er zu erklären versuchte, warum die Jungen das Segeln aufgeben. „Ich kann’s ihnen nicht verübeln, es ist einfach so verdammt intensiv”, meinte Coutts. Und weiter: „Ich nehme es den 12- oder 13-jährigen nicht krumm, wenn sie anderswo Spaß suchen. Sie werden später genug Druck im Leben spüren. Das Training, das Drängen vom Coach, jedes Wochenende Regatten … Irgendwann kommt der Punkt, an dem es zu viel wird.” Da schau her, auch Coutts hat Burnout am Radar, obwohl er Segeln als Risikosport verkauft, bei dem Vollgas gegeben und ständig Koffeinbrause getrunken wird. Ich weiß, dass ich mich nicht scheue meiner Tochter eine Pause zu verordnen, wenn ich ihr damit helfen kann, dass sie nicht den Spaß an der Freud’ verliert. Aber ob ich selbst gemütlich losschippern kann, statt mich “brüllend vor anderen einezupanieren”? Wäre vielleicht einen Versuch wert, so ein Timeout gegen Burnout.

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Ressort Layline
Der erste Live-Auftritt bei einer Messe in der Covid-Ära führte nach Tampa, Florida. Gut, Leute mal wieder ohne Bildschirm zu sehen. Patrick Haebig aus Linz war da, um einen Preis für das Kollisionswarnsystem OSCAR in Empfang zu nehmen, so wie auch Jason Minor aus Texas. Letzterer vertreibt Hydrofins, das sind Foils für Pontonboote, eine Bootsgattung, die in Binnenamerika Kultstatus genießt. Motorisierte Badeinseln auf zwei oder drei runden Alurümpfen (im Fachjargon „Logs“ also Rundholz genannt), bei denen kaltes Bier, laute Musik und ein großer Grill wichtiger sind als Fahrleistungen oder Spritverbrauch. Pragmatisch, praktisch, populär. Wie bunte Plastiksandalen.









 

Der Fahrstuhleffekt

Ressort Layline
Vor einem halben Jahrhundert wurde auf der New Yorker Bootsmesse eine kleine Jolle vorgestellt. Einfach gehalten, in knalligen Farben produziert, als strikte Einheitsklasse ausgelegt und für $ 595 (heute etwa € 3.300) wohlfeil, passte das Ding zu der Zeit wie Arsch auf Eimer. „Fight Pollution, Sail a Laser“ hieß der Werbespruch und kein Stein bleib auf dem anderen. Zeit, ein paar Worte über Konstrukteur Bruce Kirby, zu verlieren, der unlängst im Alter von 92 verstarb.









 

Das Vermächtnis

Ressort Layline
Segeln in den San Juan Islands! Fast wie in den Kornaten, nur empfindlich kühler. Dazu sattes Nadelholzgrün, weil das Archipel auf der geografischen Breite von Waidhofen/Thaya liegt. Eine superbe Kulisse mit anspruchsvollen Gewässern, in denen man Weltmeister, Olympiasieger und America’s-Cup-Gewinner antrifft. Wer’s hier kann, kann’s überall. Doch das Paradies hat Schlagseite, weil Charakter, Esprit und ökologische Balance Stück für Stück dem Massentourismus geopfert werden. Die Konsequenzen tragen dann nicht die Touristen, sondern die Einheimischen und die prekär Beschäftigten, ohne die diese Show nicht stattfinden kann.









 

Ferienzeit, schöne Zeit

Ressort Layline
Trotz Covid-Impfung bleibe ich weiter im Nordwesten der USA picken und finde dort eine Vielzahl spannender Bootsprojekte, die aus den Zwängen der Pandemie entspringen, wie zum Beispiel die Longtail 30. Das ist ein ranker Holz-Carbon-Bau (LOD: 9 m, Breite 2,28 m, Verdr. 1,03 t, 60% Ballast), den einen rüstiger 77-jähriger Musikprofessor bei America’s Cup-Konstrukteur Paul Bieker in Auftrag gab und es recht eilig hatte: Von der ersten Denkrunde bis zum Wassern ziehen weniger als 12 Monate ins Land, wobei fast alles vor Ort gefertigt wird: Kohlefaserteile und Holzteile kommen aus der CNC-Fräse ehe sie bei einem Holzbootbauer verarbeitet werden. Der Holzrumpf ist aus GFK-überzogenem Sperrholz, das innen mit Epoxy beschichtet ist. Das Schiff muss keinen Vermessungsvorschriften entsprechen und ist als sportlicher Daysailer und Regattaboot ausgelegt, hat aber eine kleine Kajüte mit Chemietoilette und nur einer Koje. „Man muss zwischendurch schließlich auch mal aufs Örtchen oder ein Nickerchen halten können“, sagt der greise Eigner dazu. Er will das Boot einhand segeln können, heißt, kein Herumturnen an Deck. Deshalb sind Schoten und Strecker an einen Barneypost (Trimmpoller?) im Cockpit geführt und der asymmetrische Bunte kommt aus einer Spitrompete wie am FD, 505er, Tempest oder Dyas. Püttinge für Wanten und Backstagen sind aus Kohlefaser, somit leichter, stärker und korrosionsfrei. Hilfsmotor ist ein Torqeedo Saildrive, der hinter dem 2,43 m tiefen Festkiel sitzt.









 

Rentner-Rakete

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Lob der Redaktion, ehrlich: In YR 1/21 war von umweltfreundlichen Verhaltensansätzen verschiedener Segler zu lesen: Segeln statt Motoren, erneuerbare Energie statt fossile Brennstoffen, Müll vermeiden bzw. beseitigen, reparieren statt wegschmeißen und neu kaufen.









 

Der weiße Elefant

Ressort Layline
Es hat sich rumgesprochen: Wer Effizienz und Einsparungen steigern will, und wer will das nicht, muss vor allem Menschen daran hindern, Dinge zu tun und Entscheidungen zu treffen. Der Siegertrend: Auslagern von Kompetenz und Kraftlackelei an Künstliche Intelligenz und komplexe Mechanik. Alles einfach, alles flott und vor allem: easy. Dazu gab’s im Oktober einen Meilenstein zu feiern: Die weltweit erste vollautomatische Regatta, die in Detroit, Michigan, in die Annalen einging. Was braucht’s? Erstens, eine App, klar. Das ist der digitale Wettfahrtleiter. Zweitens, Roboter-Bojen, selbstfahrende Bahnmarken mit Windinstrumenten, GPS, elektrischem Außenborder und Hupe. Die werden am Klubsteg ausgesetzt und bringen sich automatisch in Position, verankert durch GPS, nicht durch ein Grundeisen. Die teilnehmenden Boote sind mit Trackern ausgerüstet, die eine genaue Ortung z.B. bei Frühstart erlauben. Die Kommunikation zwischen Seglern und der Wettfahrtleiter-App erfolgt in Echtzeit über Telefon, Armbanduhr oder UKW Handfunke. Besonders beim Einzelrückruf eine feine Sache, wie Segler bestätigen.









 

Besser mit Bots?