Volle Kraft Richtung Norden

Die echt Harten sind am 4. Juni beim Race to Alaska am Start. 750 Meilen, kein Motor und keine faulen Ausreden. Von Port Townsend im US-Bundesstaat Washington über Victoria, British Columbia, durch die Inside Passage bis nach Ketchikan in Alaska. Dort sind 10.000 Dollar an einem Fichtenstamm angenagelt, die gehören dem Sieger. Der Preis für Platz 2: Ein Satz Steakmesser und ein Busserl. Kommen kann jeder, mit jedem beliebigen Vehikel, solang dieses durch Muskel- und/oder Windkraft angetrieben wird. “Die beste Unterhaltung ist immer ein Streitgespräch”, findet Jake Beattie, der dieses Rennen erfunden hat. Als Direktor des Northwest Maritime Centers in Port Townsend will er damit nicht nur öffentliche Aufmerksamkeit für seine Institution schaffen, sondern auch das große Abenteuer mit kleinen Booten propagieren. Wie 1968, beim Golden Globe Race. Jeder konnte antreten, solange er nur nonstop und solo um den Planeten segelte und alle großen Kaps backbord liegen ließ. Die Debatte rund um das R2AK wird spekulativ und hitzig geführt und dreht sich primär darum, wer wohl mit welchem Boot am schnellsten über den selektiven Parcours koffern wird. In der gefürchteten Inside Passage kann die Strömung bis zu 10 Knoten oder mehr betragen. Und wenn’s richtig aus der Gegenrichtung pfeift, tun sich regelrechte Bombenkrater auf. Schon Captain George Vancouver, der diese Seestraße in den 1790ern kartografiert hatte, graute davor.

Also, wer macht’s? Super-Ruderer Colin Angus, der bereits mit Muskelkraft um die Welt abenteuerte? Oder Team Searunners, das auf einem selbst gestrickten Wharram-Kat mit Segel, Paddel und Beinantrieb vorwärts kommen will? Oder der englische Katsegler Luke Yeates, der 2006 mit einem Hobie Tiger in einem knappen Monat die Britische Insel umschipperte? Oder gar Shane Perrin, der mit einem Standup Paddelboard antreten will? Verrückt? Klar. Aber genau das macht die Sache so amüsant.

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Ressort Layline
Der erste Live-Auftritt bei einer Messe in der Covid-Ära führte nach Tampa, Florida. Gut, Leute mal wieder ohne Bildschirm zu sehen. Patrick Haebig aus Linz war da, um einen Preis für das Kollisionswarnsystem OSCAR in Empfang zu nehmen, so wie auch Jason Minor aus Texas. Letzterer vertreibt Hydrofins, das sind Foils für Pontonboote, eine Bootsgattung, die in Binnenamerika Kultstatus genießt. Motorisierte Badeinseln auf zwei oder drei runden Alurümpfen (im Fachjargon „Logs“ also Rundholz genannt), bei denen kaltes Bier, laute Musik und ein großer Grill wichtiger sind als Fahrleistungen oder Spritverbrauch. Pragmatisch, praktisch, populär. Wie bunte Plastiksandalen.









 

Der Fahrstuhleffekt

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Vor einem halben Jahrhundert wurde auf der New Yorker Bootsmesse eine kleine Jolle vorgestellt. Einfach gehalten, in knalligen Farben produziert, als strikte Einheitsklasse ausgelegt und für $ 595 (heute etwa € 3.300) wohlfeil, passte das Ding zu der Zeit wie Arsch auf Eimer. „Fight Pollution, Sail a Laser“ hieß der Werbespruch und kein Stein bleib auf dem anderen. Zeit, ein paar Worte über Konstrukteur Bruce Kirby, zu verlieren, der unlängst im Alter von 92 verstarb.









 

Das Vermächtnis

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Segeln in den San Juan Islands! Fast wie in den Kornaten, nur empfindlich kühler. Dazu sattes Nadelholzgrün, weil das Archipel auf der geografischen Breite von Waidhofen/Thaya liegt. Eine superbe Kulisse mit anspruchsvollen Gewässern, in denen man Weltmeister, Olympiasieger und America’s-Cup-Gewinner antrifft. Wer’s hier kann, kann’s überall. Doch das Paradies hat Schlagseite, weil Charakter, Esprit und ökologische Balance Stück für Stück dem Massentourismus geopfert werden. Die Konsequenzen tragen dann nicht die Touristen, sondern die Einheimischen und die prekär Beschäftigten, ohne die diese Show nicht stattfinden kann.









 

Ferienzeit, schöne Zeit

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Trotz Covid-Impfung bleibe ich weiter im Nordwesten der USA picken und finde dort eine Vielzahl spannender Bootsprojekte, die aus den Zwängen der Pandemie entspringen, wie zum Beispiel die Longtail 30. Das ist ein ranker Holz-Carbon-Bau (LOD: 9 m, Breite 2,28 m, Verdr. 1,03 t, 60% Ballast), den einen rüstiger 77-jähriger Musikprofessor bei America’s Cup-Konstrukteur Paul Bieker in Auftrag gab und es recht eilig hatte: Von der ersten Denkrunde bis zum Wassern ziehen weniger als 12 Monate ins Land, wobei fast alles vor Ort gefertigt wird: Kohlefaserteile und Holzteile kommen aus der CNC-Fräse ehe sie bei einem Holzbootbauer verarbeitet werden. Der Holzrumpf ist aus GFK-überzogenem Sperrholz, das innen mit Epoxy beschichtet ist. Das Schiff muss keinen Vermessungsvorschriften entsprechen und ist als sportlicher Daysailer und Regattaboot ausgelegt, hat aber eine kleine Kajüte mit Chemietoilette und nur einer Koje. „Man muss zwischendurch schließlich auch mal aufs Örtchen oder ein Nickerchen halten können“, sagt der greise Eigner dazu. Er will das Boot einhand segeln können, heißt, kein Herumturnen an Deck. Deshalb sind Schoten und Strecker an einen Barneypost (Trimmpoller?) im Cockpit geführt und der asymmetrische Bunte kommt aus einer Spitrompete wie am FD, 505er, Tempest oder Dyas. Püttinge für Wanten und Backstagen sind aus Kohlefaser, somit leichter, stärker und korrosionsfrei. Hilfsmotor ist ein Torqeedo Saildrive, der hinter dem 2,43 m tiefen Festkiel sitzt.









 

Rentner-Rakete

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Lob der Redaktion, ehrlich: In YR 1/21 war von umweltfreundlichen Verhaltensansätzen verschiedener Segler zu lesen: Segeln statt Motoren, erneuerbare Energie statt fossile Brennstoffen, Müll vermeiden bzw. beseitigen, reparieren statt wegschmeißen und neu kaufen.









 

Der weiße Elefant

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Es hat sich rumgesprochen: Wer Effizienz und Einsparungen steigern will, und wer will das nicht, muss vor allem Menschen daran hindern, Dinge zu tun und Entscheidungen zu treffen. Der Siegertrend: Auslagern von Kompetenz und Kraftlackelei an Künstliche Intelligenz und komplexe Mechanik. Alles einfach, alles flott und vor allem: easy. Dazu gab’s im Oktober einen Meilenstein zu feiern: Die weltweit erste vollautomatische Regatta, die in Detroit, Michigan, in die Annalen einging. Was braucht’s? Erstens, eine App, klar. Das ist der digitale Wettfahrtleiter. Zweitens, Roboter-Bojen, selbstfahrende Bahnmarken mit Windinstrumenten, GPS, elektrischem Außenborder und Hupe. Die werden am Klubsteg ausgesetzt und bringen sich automatisch in Position, verankert durch GPS, nicht durch ein Grundeisen. Die teilnehmenden Boote sind mit Trackern ausgerüstet, die eine genaue Ortung z.B. bei Frühstart erlauben. Die Kommunikation zwischen Seglern und der Wettfahrtleiter-App erfolgt in Echtzeit über Telefon, Armbanduhr oder UKW Handfunke. Besonders beim Einzelrückruf eine feine Sache, wie Segler bestätigen.









 

Besser mit Bots?