Wahre Navigationskünstler

In der Eintönigkeit des Alltags schätzt der Mensch freudige Überraschungen. Unlängst steckte ein dicker Umschlag im Briefkasten mit einem Rezensionsexemplar von "Supernavigators", dem neuen Buch von David Barrie. Der ehemalige Diplomat ihrer Majestät und Justizreformer ist nicht nur passionierter Segler, sondern auch Mitglied des Royal Institute of Navigation. Vor fünf Jahren legte Barrie sein viel beachtetes Erstlingswerk "Sextant" vor (auf Deutsch im Mare-Verlag erschienen), das von der Geschichte und den geopolitischen Auswirkungen des Sextanten handelt.

Navigation bleibt auch Barries Steckenpferd im aktuellen Buch, das allerdings dieses Thema mit einem Blick auf den wissenschaftlichen Kenntnisstand untersucht, was die Orientierung anderer Lebewesen betrifft: Bakterien, die in der Tiefsee nach Nahrung suchen, Mistkäfer, die Dungpillen vor sich her rollen, Gänse, die den Himalaya überqueren, Schmetterlinge und Motten, die Tausende von Kilometern zum Überwintern fliegen und dabei vor dem Wind "segeln", Schnepfen, die nonstop von Alaska in die Antarktis flattern, Brieftauben, die von irgendwo den Weg zum Kobel finden, oder Bienen, die Artengenossen Richtung und Entfernung von Futterquellen mit Tänzen anzeigen: Im Königreich der Tiere wissen sie, wo's lang geht, denn kompetente Navigation ist überlebensnotwendig. Die Trickkiste ist beeindruckend tief und dabei weitgehend geheimnisvoll: Astronavigation, zeitkompensierter Sonnenkompass, Geruch, Infraschall, polarisiertes Licht und das irdische Magnetfeld spielen dabei eine Rolle, oftmals in Kombination.

Der Mensch hinkt da weit hinterher, veranschaulicht durch eine Anekdote, die Mark Twain von einem Trek nach Carson City erzählt, auf dem er und seine Genossen sich im winterlichen Nebel auf Kurs wähnten, dabei aber tatsächlich stundenlang im Kreis wanderten.
Barrie erinnert auch an die Zeit als Koppelnavigation das zentrale Mittel der Positions- und Kursbestimmung war. Im Englischen lautet der Ausdruck dafür "Dead Reckoning," vermutlich ein sarkastischer Hinweis darauf, dass diese Methode besonders bei schwierigen Verhältnissen ungezählten Seeleuten das Leben kostete.

Die Ironie: Jetzt wo auch wir Ahnungslosen dank GPS stets genau wissen, wo wir uns befinden, haben Fisch und Vogel und der ganze Rest der Fauna plötzlich schlechte Karten. Denn Licht- und Lärmverschmutzung durch den Menschen machen es Tieren zunehmend schwer, ihren navigatorischen Geschäften mit der gebotenen Präzision nachzugehen. Denken wir daran, wenn wir kommenden Sommer dem Vogelgezwitscher oder dem Insektengebrumme lauschen. Dank an David Barrie, dieses Thema mit "Supernavigators" aufzugreifen.

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