Wenn das Abenteuer Rache nimmt

Ich geb’s ja zu: Ich bin ein suburbanes Weichei. Ich wohne am Berg mit Blick nach Westen. Will ich Brot und ein Sechsertragerl, muss die Karre aus der Garage. Dafür hab ich WiFi, HiFi und HDTV. Und einen Appetit auf Gefahr aus zweiter Hand. Risiko ist cool, solange andere Kopf und Kragen riskieren und die Kamera dabei mitläuft. Dabei ist’s gar nicht solange her, dass die wahren Abenteuer im Kopf waren, genährt von spärlichen Berichten über Chichester, Tabarly oder Moitessier, die alleine den Ozeanen trotzten. Ohne Satellitentelefon, mit dem sie in den Roaring Forties den Abschleppdienst hätten rufen können. Damals reichte es noch, alleine loszusegeln und anzukommen. Heute muss dabei schon ein Rekorderl rausschauen, sonst will keiner zuschauen. Dem Börsenhändler Steve Fossett waren Risiko und Rekorde ein Lebenselixier. Unter seinen 116 Bestleistungen finden sich die schnellsten Erdumrundungen, per Ballon, per Flugzeug und unter Segeln. Nun wollte er auch der Schnellste zu Lande sein. Doch Anfang September wurde dem 63-Jährigen ein Routineflug zur Erkundung einer geeigneten Strecke in der Wüste Nevadas zum Verhängnis (siehe YR 10/07). Weder Wrack noch Leiche wurden bisher gefunden. „Das Bedürfnis nach heldenhafter Transformation ist tief in der Psyche verankert”, sagt C. Robert Cloninger, Professor für Psychiatrie und Genetik an der Washington University in St. Louis. „Solche Leute sind im Konflikt mit sich selbst und ihrem Leben, das sie ablehnen. Wenn sie in die Wildnis oder aufs Meer hinausgehen, tun sie das in der Hoffnung auf Läuterung.” Ein fatales Ende dieser Läuterung ist der Klimax fürs p. t. Publikum, aber auch eine Enttäuschung, weil damit die Show zu Ende ist.
Fossett ist nur ein Beispiel. Steve Irwin, der australische Krokodiljäger, der für seine TV-Show Alligatoren in den Schwitzkasten nahm, wurde beim Fischen von einem Stachelrochen tödlich verletzt. Timothy Treadwell, der exzentrische Aktivist, der unter Grizzlys campierte, behauptete einen Weg der Koexistenz gefunden zu haben. Die Bären hielten nichts davon und zerfleischten ihn und seine Partnerin kurze Zeit später. Studienabgänger Christopher McCandless suchte in der Wildnis Alaskas spirituelle Wiedergeburt und verhungerte nach wenigen Monaten. Und dann war da noch Donald Crowhurst, der sich den Sieg bei der ersten Golden Globe Regatta 1969 erschwindeln wollte. Weil weder er noch sein Boot mithalten konnten, hielt er sich im Südatlantik versteckt und ließ die anderen um den Erdball segeln. Als sie Kap Hoorn umrundeten, reihte er sich vor dem Feld ein. Keiner schnallte den Betrug und Crowhurst wurde in Plymouth als Sieger zurückerwartet. Doch er kam nie an. Wochen später fand man sein intaktes Boot auf ruhiger See treibend, mit den gefälschten Logbüchern an Bord. „Solche Leute sind nicht lebensmüde”, widerspricht Dr. Frank Farley von der American Psychological Association der Annnahme, alle Rekordjäger seien suizidgefährdet. „Sie wollen einen neuen, aufregenden Tag erleben.” Und ich, das suburbane Weichei, bin dabei, wenn das Abeneuer Rache nimmt. Im Lehnstuhl, mit Fernbedienung.
Watchlist für Weicheier:
Grizzly Man. USA, 2005, Regie: Werner Herzog
Deep Water. England, 2006 Regie: Louise Osmond, Jerry Rothwell
Into the Wild. USA, 2007, Regie: Sean Penn

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