Wenn Wahrheit ein Geheimnis bleibt

Nichts ist unerträglicher als ein ungelöstes Rätsel, vor allem wenn es jemanden betrifft, der den Ruf hatte, mit Genialität und Logik im Bunde zu stehen. Wie Jim Gray, einen hoch dekorierten Computerwissenschafter in den Diensten Microsofts, dessen visionäres Denken Leben und Alltag nachhaltig verändert hat: Geldbehebung per Bankomat, Einkauf übers Internet oder Sternegucken vom Computer sind nur ein paar Anwendungen, für die er den Weg bereitete. Neben seinem Arbeitgeber waren auch andere milliardenschwere Firmen wie Oracle, Amazon, Microsoft, IBM oder Google Nutznießer dieser Arbeit.
 An einem warmen Sonntag im Jänner lief Gray mit seiner leicht betagten C&C 40 aus San Francisco aus, um solo zu den Farallon Islands zu tuckern. Dort, 25 Meilen westlich des Goldenen Tors, wollte er die Asche seiner verstorbenen Mutter ins Meer streuen. Der winterliche Pazifik, normalerweise rau und wild, hatte an diesem Tag den Aggregatzustand eines Baggerteichs, dennoch kehrte Gray nicht zurück. Mehr noch, Mann und Boot verschwanden laut- und spurlos und gelten seither als vermisst. „Wir sind mit unserer Weisheit am Ende”, beteuerte der Chef der lokalen Küstenwache. Hubschrauber, Schiffe, Flugzeuge, Freiwillige an Land, ja sogar Satellitenkameras suchten vier Tage bei bestem Wetter 340.000 Quadratkilometer Ozean ab (ca. die vierfache Fläche Österreichs). Ergebnis: Null, ohne Komma. Kollision mit der Berufsschifffahrt wurde nach eingehenden Untersuchungen ausgeschlossen. Versenkt durch treibende Container oder grantige Wale? Dann hätte man zumindest einen Funknotruf oder sein EPIRB-Signal aufgefangen. Selbstmord? „Nicht ausgeschlossen, doch es fehlen Hinweise”, sagte ein Vertreter der Coast Guard und fügte vorsichtshalber hinzu: „Wir können nur Leute finden, die auch gefunden werden wollen.” Grays Tochter sagte aus, sie sei überzeugt, die Seebestattung seiner Mutter habe mit alledem nichts zu tun.
 Und doch: Das unerklärliche und spurlose Verschwinden eines Soloseglers auf ruhiger See nährt Spekulationen. Wie etwa im Sommer 1969, als ein herrenloser Trimaran völlig intakt im Atlantik gefunden wurde. Dabei handelte es sich um Teignmouth Electron, das Schiff von Donald Crowhurst. Crowhurst galt zu diesem Zeitpunkt als der wahrscheinliche Sieger des Golden Globe, der ersten Nonstop-Regatta rund um die Welt. Doch Logbücher und andere Indizien machten bald klar, dass er seine Weltumsegelung nur vorgetäuscht hatte und wohl absichtlich von Bord gegangen war, als die Aufdeckung seines Betrugs unabwendbar schien. Es war dies das legendäre Rennen, das Bernard Moitessier in Führung liegend aufgab, um weiter nach Tahiti zu segeln, und so den Weg zum Sieg frei machte für Robin Knox-Johnston, der heute beim Velux 5 Oceans als Methusalem wieder mitmischt. Francis Chichester bezeichnete Crowhursts Story damals als „Seedrama des Jahrhunderts.” Doch diese Geschichte, die von Ron Hall und Nicholas Tomalin akribisch rekonstruiert wurde (Die sonderbare Reise des Donald Crowhurst, Piper, 1994), gibt uns Einblick in seelische Abgründe, die durch die Einsamkeit auf See freigelegt werden können. Wir wissen nicht, was Jim Gray widerfuhr und warum, und das zeigt, dass es (noch) Geheimnisse gibt, die weder Software noch Satelliten entschlüsseln können.

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„Ein Segelboot konnte Schmerz und Freude empfinden, Hoffnung und Verzweiflung; es konnte aufgeschlossen sein oder mürrisch, gut erzogen oder verletzend, eine Dame oder eine Hure. Und jedes Segelboot hatte eine eigene Individualität, etwas Besonderes, das es von allen anderen Booten, selbst denen derselben Klasse, unterschied: Es hatte ganz sicher auch eine Seele.“ So steht’s geschrieben in „Tinkerbelle, Allein über den Ozean.“ Verfasst von Robert Manry, einem Redakteur bei der US-Tageszeitung Cleveland Plain Dealer, der für diese 3,200 Meilen lange Nonstop Reise über den Atlantik im Jahr 1965 ganze 78 Tage benötigte. Das Buch, das seit Jahrzehnten in seinem zerschlissenen Hochglanzumschlag in meinem Buchregal vor sich hingammelte, fiel mir unlängst auf den Kopf. Zum Glück. Denn es ist mehrfach bemerkenswert, besonders in einer Zeit, in der sogenannte „Influencer“ gerne das gähnende Nichts an die große Glocke hängen und dafür Geld nehmen. Ganz anders Manry, der sein Unternehmen in Eigenregie vorbereitet und finanziert hatte, und es auch geheim hielt, bis es für sich zu sprechen begann. Und dies tat es sehr eloquent, denn Tinkerbelle, sein damals schon 36 Jahre altes Trailerboot, war nur 4,1 Meter lang und galt als das kleinste Segelboot, das bis dahin den großen Teich ohne Halt überquert hatte. Er kaufte das Regattadingi als Wrack, das er abdichten und umbauen musste, um mit Familie auf Binnengewässern rund um Cleveland Wochenend- und Urlaubstörns zu segeln. Aber eigentlich wollte er auch über den Atlantik, doch sein Bekannter, der dieses Abenteuer gemeinsam auf einem „riesigen“ 7-Meter Boot wagen wollte, bekam kalte Füße. Also beschloss Manry, die eigne Nußschale für eine Ozeanüberquerung fit zu machen und sie dann zum Start an die US-Ostküste zu trailern. Auch sonst hat mich dieses Buch gefreut, weil die deutsche Ausgabe in Wien erschienen ist, im Verlag Fritz Molden, aus dem „Amerikanischen“ übertragen von Günter Schlichting. Dass darin altbackene Ausdrücke wie „in See stechen“, „Hauptsegel“ oder „Walfisch“ vorkommen, sieht man gerne nach, weil es irgendwie gut dazu passt und keinem damit Schaden widerfährt. Alles in allem ist Tinkerbelle eine sehr zufriedenstellende Lektüre, die daran erinnert, dass Dinge mal zumindest ein bisschen Substanz hatten, bevor sie an die große Glocke kamen.









 

Kein Maulheld

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Der erste Live-Auftritt bei einer Messe in der Covid-Ära führte nach Tampa, Florida. Gut, Leute mal wieder ohne Bildschirm zu sehen. Patrick Haebig aus Linz war da, um einen Preis für das Kollisionswarnsystem OSCAR in Empfang zu nehmen, so wie auch Jason Minor aus Texas. Letzterer vertreibt Hydrofins, das sind Foils für Pontonboote, eine Bootsgattung, die in Binnenamerika Kultstatus genießt. Motorisierte Badeinseln auf zwei oder drei runden Alurümpfen (im Fachjargon „Logs“ also Rundholz genannt), bei denen kaltes Bier, laute Musik und ein großer Grill wichtiger sind als Fahrleistungen oder Spritverbrauch. Pragmatisch, praktisch, populär. Wie bunte Plastiksandalen.









 

Der Fahrstuhleffekt

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Vor einem halben Jahrhundert wurde auf der New Yorker Bootsmesse eine kleine Jolle vorgestellt. Einfach gehalten, in knalligen Farben produziert, als strikte Einheitsklasse ausgelegt und für $ 595 (heute etwa € 3.300) wohlfeil, passte das Ding zu der Zeit wie Arsch auf Eimer. „Fight Pollution, Sail a Laser“ hieß der Werbespruch und kein Stein bleib auf dem anderen. Zeit, ein paar Worte über Konstrukteur Bruce Kirby, zu verlieren, der unlängst im Alter von 92 verstarb.









 

Das Vermächtnis

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Segeln in den San Juan Islands! Fast wie in den Kornaten, nur empfindlich kühler. Dazu sattes Nadelholzgrün, weil das Archipel auf der geografischen Breite von Waidhofen/Thaya liegt. Eine superbe Kulisse mit anspruchsvollen Gewässern, in denen man Weltmeister, Olympiasieger und America’s-Cup-Gewinner antrifft. Wer’s hier kann, kann’s überall. Doch das Paradies hat Schlagseite, weil Charakter, Esprit und ökologische Balance Stück für Stück dem Massentourismus geopfert werden. Die Konsequenzen tragen dann nicht die Touristen, sondern die Einheimischen und die prekär Beschäftigten, ohne die diese Show nicht stattfinden kann.









 

Ferienzeit, schöne Zeit

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Trotz Covid-Impfung bleibe ich weiter im Nordwesten der USA picken und finde dort eine Vielzahl spannender Bootsprojekte, die aus den Zwängen der Pandemie entspringen, wie zum Beispiel die Longtail 30. Das ist ein ranker Holz-Carbon-Bau (LOD: 9 m, Breite 2,28 m, Verdr. 1,03 t, 60% Ballast), den einen rüstiger 77-jähriger Musikprofessor bei America’s Cup-Konstrukteur Paul Bieker in Auftrag gab und es recht eilig hatte: Von der ersten Denkrunde bis zum Wassern ziehen weniger als 12 Monate ins Land, wobei fast alles vor Ort gefertigt wird: Kohlefaserteile und Holzteile kommen aus der CNC-Fräse ehe sie bei einem Holzbootbauer verarbeitet werden. Der Holzrumpf ist aus GFK-überzogenem Sperrholz, das innen mit Epoxy beschichtet ist. Das Schiff muss keinen Vermessungsvorschriften entsprechen und ist als sportlicher Daysailer und Regattaboot ausgelegt, hat aber eine kleine Kajüte mit Chemietoilette und nur einer Koje. „Man muss zwischendurch schließlich auch mal aufs Örtchen oder ein Nickerchen halten können“, sagt der greise Eigner dazu. Er will das Boot einhand segeln können, heißt, kein Herumturnen an Deck. Deshalb sind Schoten und Strecker an einen Barneypost (Trimmpoller?) im Cockpit geführt und der asymmetrische Bunte kommt aus einer Spitrompete wie am FD, 505er, Tempest oder Dyas. Püttinge für Wanten und Backstagen sind aus Kohlefaser, somit leichter, stärker und korrosionsfrei. Hilfsmotor ist ein Torqeedo Saildrive, der hinter dem 2,43 m tiefen Festkiel sitzt.









 

Rentner-Rakete

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Lob der Redaktion, ehrlich: In YR 1/21 war von umweltfreundlichen Verhaltensansätzen verschiedener Segler zu lesen: Segeln statt Motoren, erneuerbare Energie statt fossile Brennstoffen, Müll vermeiden bzw. beseitigen, reparieren statt wegschmeißen und neu kaufen.









 

Der weiße Elefant