Zeichen der Vernunft

Als einziger Preisträger des European Yacht of the Year Wettbewerbs sprintete Matthieu Bonnier in Düsseldorf auf die Bühne, wo ihm für seine LiteXP die Siegestrophäe in der Kategorie Spezialyachten ausgehändigt wurde.

Dieser Erfolg hat mich aus zwei Gründen beeindruckt: Erstens, weil die Jury aus dem gewohnten Fahrwasser ausscherte und ein Fahrzeug prämierte, das zu gleichen Teilen Ruder- und Segelboot ist, mit Platz für zwei, Rollsitz, Schlupfkajüte und vernünftigem Segelrigg. Bonnier und seinem französischen Landsmann Sam Manuard, bekannt für flotte Schwimmuntersätze, gelang damit ein interessanter Wurf: Aktivurlaub statt CO2-Orgie, Campingromatik statt Condo-Komfort, Kalorienabbau statt Ferienvöllerei.

Zweitens hat es mich für Mathieu persönlich gefreut. Ich traf ihn vor fast vier Jahren in Port Townsend im US-Bundesstaat Washington. Er bereitete sich auf sein erstes Race to Alaska vor, das für muskel- bzw. windbetriebene Boote ausgeschrieben ist, und ging mit einem mäßig besegelten Rudertrimaran an den Start, der diesem Modellathleten jenseits von 60 auf dem selektiven 750-Meilen-Parcours alles abverlangte. Und das will was heißen, denn Bonnier ist zwar gelernter Tierarzt, aber beileibe kein Weichei. Er ruderte von Westafrika nach Südamerika über den Atlantik („ein schwachsinniges Abenteuer, das vor allem eines war: langweilig …“), nahm am berüchtigten Iditarod Hundeschlittenrennen in Alaska teil und bezwang einen Teil der Nordwestpassage mit der Kraft der Ruder. In Grenoble gründete er die Werft Liteboat, die hauptsächlich auf seetüchtige Ruderboote spezialisiert ist.

Nach der harten Lektion von 2016 tauchte er im folgenden Jahr mit einem Ruderdoppelzweier beim R2AK auf, nur für den 40 Meilen langen Prolog nach Victoria, Kanada, bei dem er und sein Partner die Line Honours holten. Zurück im heimatlichen Grenoble entwarfen er und Manuard einen weiteren Trimaran, der aber zu groß und schwer geriet. Also ab in die Rundablage damit und zurück zum Monohull, mit dem sie den Grundstein für die LiteXP legten, ein einfaches und leichtes, aber recht formstabiles Hybridfahrzeug, das mit Fahrleistungen und Ausstattung die Rezensenten beeindruckte.

Angesichts der Dauerthemen Klimawandel und Fettleibigkeit einen auf die Bühne zu bitten, der ein Boot auf Lager hat, das Fitness fördert, ohne Luft und Wasser zu verpesten, reicht zwar nicht, um die Welt zu retten. Ein gutes Zeichen ist es aber allemal.

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Die Kleinstadt Port Townsend im Bundesstaat Washington, zwei Autostunden nördlich von Seattle, ist ein Mekka für Bootsfreunde. Toll gelegen, alternativ von der Ausrichtung, dabei freundlich und relaxed mit reichlich viktorianischer Architektur. Eine Bootsbauschule gibt’s dort, den Start zum berüchtigten Race to Alaska und das berühmte Holzboot-Festival Anfang September. Dazu eine Konsumgenos-senschaft und eine richtig gute Werft-Kooperative. Leider auch eine Papierfabrik, die noch dampft. Also mehr Simmering als Velden.









 

Alles klar, Frau Kommissar

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Technologiewandel lässt sich im historischen Kontext auf Motor- und Segelboote abbilden. Wie zum Beispiel das Ping-Pong-Spiel, das Ende des 19. Jahrhunderts begann, als der Mensch sich anschickte, den kontrollierten Flug zu erlernen. Der gelang bekanntlich den Gebrüdern Wright erstmals 1903 und nur drei Jahre später raste der italienische Ingenieur Enrico Forlanini mit einem 60-PS-Mobo auf Foils mit fast 37 Knoten über den spiegelglatten Lago Maggiore. Fliegen am Wasser gleicht dem in der Luft. 1918 foilte der Erfinder des Telefons, Alexander Graham Bell, zu einem Weltrekord und danach entwickelten Deutsche, Russen und Amerikaner foilende Kriegsschiffe mit brachial vielen PS. Doch der nächste wichtige Impuls kam nicht von Flugzeugturbinen, sondern vom Wind, der unregelmäßig und vergleichsweise wenig Kraft liefert. Foilende Segelboote nahmen 1938 ihren Anfang mit der Konstruktion des Amerikaners Bill Carl. 1955 wurde die Monitor gewassert, die sogar 40 Knoten geschafft haben soll. In den 1970ern gab’s bei der Weymouth Speedweek foilende Tornado-Kats, 1980 brach Eric Tabarly mit dem foilenden Trimaran Paul Ricard den Transatlantik-Rekord. Doch so richtig in Fahrt kamen ”fliegende Segelboote” erst in den 1990er Jahren mit dem Serienboot Hobie Trifoiler und der Moth-Klasse, zwei Wegbereitern für die vielen foilenden Multihulls, vom olympischen Nacra über AC-Renner bis zu den gigantischen Trimaranen. Auch Kielboote wie IMOCAs oder Mini 650 foilen nun unverschämt, wie auch Laser und Opti. Für alle gilt: Mit wenig(er) Widerstand reicht wenig(er) Power zum Brettern. Und das ganz ohne Wellen.









 

Idee für den See

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Man stelle sich vor: Es ist Redaktionsschluss und keiner geht hin. So fühlt es sich an, wenn ich mich in den Büros der diversen Wassersport-Magazine umsehe. Entweder die Belegschaft wurde aufs Skelett abgemagert und stöhnt unter der Arbeitslast (Motto: mehr mit weniger) oder es ist eh schon lange Schicht im Schacht. Ein Produkt, das ehemals von einem Dutzend (oder mehr) Menschen vor Ort hergestellt wurde, macht heute eine Handvoll (oder weniger) und die sind meist weit verstreut. Der Rest? Wegrationalisiert und wegautomatisiert. Sind Schreiber und Knipser also bald fällig für das universelle Grundeinkommen, den Hungerlohn fürs Nichtstun? Vielleicht.









 

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