Zeitreise

Je älter ich werde, desto besser war ich. Segler sind bekannt dafür, vergangene Heldentaten durch die rosa Brille zu sehen und damit das gebrechliche Ego zu stützen. Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, gebe aber zu, dass mein Blick gern zurück schweift, zum Lago (di Garda) und den Ereignissen der formativen Segeljahre. Wie etwa der Trofeo Tomasoni in Torbole, ca. 1980. Wahnsinn war der Modus Operandi mit 150 oder mehr Verrückten an einer Startlinie, deren Mitte nach Luv ausgebaucht war wie mein Idol, Heumarktringer Schurl Blemenschütz. Ein langer Pinnenausleger war die beste Waffe gegen die dreisten Affen, die sich an der Scheuerleiste nach vorne hanteln wollten. Startuhr? Reine Zeitverschwendung. Frühstart war der Tod. Starten in zweiter Reihe ebenfalls. Es galt das Elfte Gebot: Net derwischen lassen. Das war höchst riskant, aber einmal hat alles gepasst: Steife Ora im Genick, kein Bremser vorne, oben oder unten. Hängen wie ein Idiot aber steuern wie ein Chirurg. Dann Wende beim Felsen und mit Steuerbord beim Feld abkassieren. Hinter mir die Plebs, die sich gegenseitig in die Bredouille segelt. Aaah! – Schnitt.
Barrington River, Rhode Island, Sommer 2007. Keine Ora, aber trotzdem eine steife Brise im Genick und unter dem Allerwertesten eine Truc 12. Das von Cantieri Nordest gebaute und von Crus Yacht (www.crusyacht.it) vermarktete 12-Fuß-Kisterl gleicht einer Mini-Wally. Teaksohle im Cockpit, offenes Heck (wie ein alter Mader-FD) und Seitendecks aus Mahagoni. Dazu durchgelattetes Pentex-Segel, Spieren aus Kohlefaser und ein Ferrari-roter Rumpf. Mehr Gucci geht nicht. Dem leichten Mittagessen mit dem U.S. Importeur folgte schwere Arbeit: Nach fast 20 Jahren auf Booten mit Küche und Couch durfte (musste?) ich wieder auf ein Dinghy. Wie gut war ich? Oder bin ich nur noch? Zitternd vor Schiss, das Nobelgerät gleich beim Club hinzulegen, tuckerte ich durch die extremen Dreher und giftigen Böen hinaus ins tiefe Wasser und die flotte Ebbe, die genau gegen den Wind lief. Und siehe da, plötzlich war ich wieder auf dem ersten Schlag zum Felsen in Torbole: Hängen wie ein Irrer, Slalom steuern durch die steile Welle und alles passt. Naja, fast alles. Gössermuskel und Oberschenkel maulten bald über so viel Sport, doch das ließ sich ignorieren. Bergab machte der rote Renner richtig Dampf und Mut zur Halse mit Karacho. Mitten im Manöver dann der Schraler und die fette Böe – ahem. Die Peinlichkeit dauerte nur ein paar Sekunden, dann war das Gerät wieder in korrekter Schwimmlage und der Reiter im Sattel. Trotz des Abwurfs ging die Party weiter, aber nun begann das Fleisch lauter zu meckern, denn es kannte seine Grenzen besser als ich meine, wie schon damals am Lago.
Später, natürlich an der Bar, war Zeit zur Reflexion, und zwar ohne rosa Brille: Die Kerzen am Geburtstagskuchen lügen nicht. Aber sie verbieten mir auch (noch) nicht den Spaß auf einem Gerät wie der Truc 12. Dem Ego tut das gut. Und dem Fleisch? Das muss sich fügen.

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