Das Zen der Flasche

Kaum scheint eine Krise im Kielwasser zu versinken, taucht vor dem Bug eine neue auf. Gesundheit, Beziehung, Job, Finanzen, Gelegenheiten zum Leiden und Ärgern sind schnell gefunden. Mein bootsbesessener Kumpan Dan, ein pensionierter Lehrer in Santa Cruz, stellte unlängst beim Strandspaziergang trocken fest, dass sich Charakter und Konsequenzen der Kalamitäten zu verschärfen scheinen, während sich die Sonne des Lebens langsam Richtung Horizont senkt. Und sei's nur, dass weniger Zeit bleibt, sich von Rückschlägen zu erholen, bzw. verursachte Schäden gut zu machen. Sein probates Rezept: Flucht in die Sucht.

Seine Garage ist ein Waisenhaus für vernachlässigte Boote, die er mit Leidenschaft sammelt und restauriert. „'Eine Stunde, mehr nicht', sag ich meiner Frau nach dem Abendessen. Aber wenn ich dann – irgendwann – auf die Zeit schaue, ist es zwei Uhr morgens. Keine Ahnung, aber Basteln ist eine Reise in eine andere Welt." Sein Problem: Bei der einen Reise bleibt es nicht.

Seit der Pensionierung lebt Dan nämlich seinen Kindheitstraum: Buddelschiffe bauen. Das gleiche Fest für die Sinne, das ihn in der Bootsgarage umgibt – das Raspeln von Schleifpapier, das Heulen der Bandsäge, das Klopfen des Hammers, der Geruch von Polyester, der honigfarbene Schimmer von Klarlack – herrscht auch im Arbeitszimmer. Nur ist alles ein paar Grad kleiner, feiner, leiser. Geduld und Feinmotorik sind bei diesem Spiel gefragt. Als Autodidakt baut er Boote seiner Freunde nach, von Fotos, manchmal auch von Plänen. Am Schluss verschenkt er diese Kleinode an die Besitzer der Originale. Die freuen sich wie Schneekönige, was Dan wiederum befeuert.
Der Maßstab der Flaschenschiffe hängt zwingend von den Dimensionen der Öffnung und des Inneren der Flasche ab. Wenn Dan alle Einzelteile fertig hat, baut er sie außen provisorisch zusammen, bevor er sie Stück für Stück durch den Hals ins Innere bugsiert und dort mit einem Tropfen Kleber fixiert, nachdem er sie mit langstieligen Instrumenten quasi zur Endmontage wieder zusammengesetzt hat. Der größte Moment: Das Stellen des Riggs. „Meine Methode beruht auf Versuch und Irrtum", lacht er auf meine Frage, wie er dieses Wurschteln aushält. „Zwischen Fluchen und Lächeln liegt ein Millimeter”, kommt die Antwort. Nicht eben die hohe Schule des Buddhismus, dennoch eine Art von Zen. „Alter hat auch was Gutes”, fügt er an. Zum Glück.

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