Yachtrevue 7/2009

Juli 2009

Artikel in dieser Ausgabe:

Ressort Layline
Vatertag war’s und ich paddelte am windschwachen Lake Washington in Seattle vor der dem Palast von Bill Gates herum, wo ich doch eigentlich lieber am Wannsee in Berlin gewesen wäre. Dort gab’s wohl auch nicht viel Wind, aber den Europapokal der 22er-Jollen und eine feine Party anlässlich des 100-jährigen Klassenjubiläums beim Potsdamer Yacht Club. Damals, im Jahre 1909, als Jollensegeln noch als „Feld seniler Tätigkeit” definiert war, beschlossen Segler aus Hamburg und Berlin die Einführung einer nationalen Jolle, um sich messen zu können. Die Regeln waren lose, die Formel einfach. Länge plus Breite = 7,8 m, minimale Breite 1,70 m, vermessene Segelfläche 22 Quadratmeter. Daher der Name 22er oder J-Jolle. In der damaligen Buchstabenhierarchie bekam der 22er das Segelzeichen „I” zugewiesen, auch wenn es in der Steinschrift aussieht wie ein „J”. Die anfänglich geklinkerten Boote waren schwer und ungeschlacht. Nach einer Novelle der Konstruktionsvorschriften durfte leicht und schnell gebaut werden, womit der Spaß richtig losging. Konstrukteure wie Reinhard Drewitz oder der Ungar Jenö Benaczek trieben die Entwicklung in den zwanziger Jahren voran. Das Boot für Zweier- oder Dreiercrews war technisch und taktisch anspruchsvoll. Segler wie der geniale aber umstrittenen Tüftler Manfred Curry sowie Star-Weltmeister Walter von Hütschler und der Olympiasieger von 1936, Dr. Peter Bischoff, saßen am Steuer. Wer jemand war, segelte damals eine Nationale Jolle. Nach dem Krieg, als sich alles um billige Plastikboote drehte, mutierte die Nationale Jolle zur „Einheitsklasse”, erzählt der Kärntner Wolfram Ainetter, der damals einen alten 22er zu einem Jollenkreuzer mit Kiel und Schlupfkajüte umbaute. „Keiner wollte so ein Boot.” Ende der siebziger Jahre beschlossen zwei Bodenseer, Werner Weisshaar und Joe-Dieter Häberle, Kimm Scho, einen alten 22er zu restaurieren und damit wieder Regatten zu segeln. Das Beispiel machte Schule und 1981 wurde mit 12 Eignern die J-Jollenvereinigung neu gegründet. Da es in allen möglichen Winkeln noch altes Bootmaterial gab, wurde die Einheitsklasse zur Restaurationsklasse. Klassenpräsident Manfred Jacob aus Hamburg schätzt, es wurden bisher ca. 40 Schiffe restauriert, wobei es mindestens ebenso viele rettenswerte J-Jollen geben soll. Gaffel- oder Hochrigg, Harkenklemmen oder Belegklampen, schlankes Squaretop-Groß oder traditioneller Segelschnitt mit langem Unterliek, Familiensegler oder Regattacracks im Harleyalter, alles trifft sich im „großen Zelt” der 22er. Was ist der Magnet? Die Tradition. Titelverteidiger Michael Gubi: „Heute gibt’s zu viele Klassen und zu wenige Boote. Die Leute verlieren das Interesse oder kehren zu den Wurzeln zurück. Das ist der Reiz des 22er.” In diesem Sinne: Zum Wohl und auf mindestens ein weiteres Jahrhundert.









 

Der 100er der 22er

1 2