Auf der Waagschale

Problematisch. Frauen, die in einer olympischen Klasse erfolgreich sein wollen, brauchen zum überwiegenden Teil ein sehr hohes Körpergewicht. Das tut dem Segelsport nicht gut und macht vielen Athletinnen stark zu schaffen

Dauer-Thema. Tanja Frank, hier am Steuer eines 49erFX, musste über viele Jahre daran arbeiten, ein möglichst hohes Körpergewicht zu erreichen und erlebte das durchaus als Belastung

Dauer-Thema. Tanja Frank, hier am Steuer eines 49erFX, musste über viele Jahre daran arbeiten, ein möglichst hohes Körpergewicht zu erreichen und erlebte das durchaus als Belastung

Bei den olympischen Segelbewerben gilt seit 2024 Halbe-Halbe. Vor Marseille stellten Frauen erstmals exakt die Hälfte der Aktiven und kämpften um die gleiche Anzahl an Medaillen wie ihre männlichen Kollegen; damit wurde eine Vorgabe des Internationalen Olympischen Komitees umgesetzt. Der Weg zur Gleichberechtigung war lang. 1988 stand mit dem 470er erstmals ein reines Damen-Boot am Start, 1992 wurden eine Solo-Jolle (Europe) sowie das Windsurfen als Frauen-Disziplinen in die olympische Riege aufgenommen. Bei den kommenden Spielen vor Los Angeles sind wie in Marseille zwei Mixed-Klassen (470er und Nacra17) sowie jeweils vier Bewerbe getrennt für Damen und Herren (ILCA 6/7, 49er/49erFX, Formula Kite und iQFoil) ausgeschrieben. So weit so gut.
Weniger gut ist die Tatsache, dass die Athletinnen in den rein weiblich besetzten Bootsklassen ein Körpergewicht von mindestens 70, beim Kiten sogar eher 80 Kilogramm brauchen, um vorne mithalten zu können. Das verlangt nach einer Statur weit weg von der Normalität. In Österreich sind Frauen im Durchschnitt gerade mal 1,65 Meter groß, das dazu passende gesunde Normalgewicht ist zwischen 50 und 60 Kilo angesiedelt; weltweit sind Frauen mit 1,60 Meter im Mittel sogar noch kleiner und damit leichter. „Wir schließen einen großen Anteil der Frauen von unserem Sport aus“, bringt es Matthias Schmid, Sportdirektor des Österreichischen Segel-Verbands, auf den Punkt, „und das ist umso bedauerlicher, als wir ja die Möglichkeit hätten, das zu ändern.“ Denn während im Volleyball oder beim Stabhochsprung eine gewisse Körpergröße unabdingbare Voraussetzung für ein erfolgreiches Abschneiden im Wettkampf ist, müsste man den Frauen im Segeln lediglich andere Sportgeräte zur Verfügung stellen. Tatsächlich treten Seglerinnen und Surferinnen aber in Klassen an, die ursprünglich für Männer designt und einfach mit einem kleineren Rigg versehen wurden; die Kiterinnen mussten bislang sogar genau das gleiche Material nutzen wie ihre Kollegen.

Diese Gleichschaltung ist praktisch und praktikabel und macht aus wirtschaftlicher wie organisatorischer Sicht Sinn – gereicht den Frauen aber zum Nachteil. „Ein 49erFX ist schwieriger zu segeln als ein 49er, weil die Relationen nicht passen, sprich das Segel eigentlich zu klein für den Rumpf ist, und die Frauen noch dazu weniger Gewicht ins Trapez bringen“, nennt Matthias Schmid ein konkretes Beispiel. Auch ILCA und iQFoil stammen aus der Männerwelt und werden von den Frauen lediglich mit einem kleineren Segel genutzt. „Ich verstehe die Gründe, die dazu geführt haben, aber eigentlich dreht es mir bei dieser Philosophie den Magen um. Verdienen Frauen nicht ein eigenes, für sie maßgeschneidertes Equipment? Müssen sie quasi das Material der Männer aufbrauchen?“, scheut Schmid vor harten Worten nicht zurück.

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