
1913 rollten die ersten Autos vom Fließband, erschien das erste Kreuzworträtsel, wurde die Ozon-Schicht entdeckt, der Mount McKinley erstbestiegen und es spitzte sich der Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zu. Im selben Jahr baute Johann Ratz ein kleines Holzboot nach dem Vorbild der für die istrianische Küste typischen Fischerboote. Das Pirano OE19 war das Gesellenstück des bekannten Bootsbauers vom Wolfgangsee.
Den Auftrag dazu bekam er von einem Wiener, der in Piran auf Urlaub gewesen war und sich dort inspirieren ließ. Die ungewöhnlichen Dimensionen von 5,13 m Länge und 1,53 m Breite sind kein Zufall. „Mein Ururonkel war ein verrückter Mathematiker“, erklärt Günter Fleischmann, der jetzige Eigner der wahrscheinlich ältesten Jolle Österreichs.
Das Pirano, das ursprünglich über eine Lugger-Takelage verfügte, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. In den 1930er Jahren kam es als Rettungsboot zum Einsatz und konnte von sechs Mann gerudert werden. In den Kriegswirren geriet das Boot in Vergessenheit und wurde erst in den 1960er Jahren in einem Schuppen wiederentdeckt. Vom einst stolzen Pirano war nur der Rumpf geblieben, das Rigg hingegen verschwunden. „Angeblich haben die Engländer im Krieg die Segel als Fallschirm verwendet“, erzählt Fleischmann. Der passionierte Fahrtensegler montierte kurzerhand einen Finn-Mast und ein 10 m2 großes Finn-Segel auf das Pirano und erweckte es so zu neuem Leben. „Ich war mit dem Pirano zwar schon an der Costa Brava, aber noch nie in Piran“, scherzt Fleischmann.
Heimatrevier des Pirano ist die Alte Donau, genauer gesagt der Wiener Yachtclub. Alle zwei Jahre veranstaltet der WYC die Segelnostalgie-Regatta, die sich als Treffpunkt für Liebhaber klassischer Holzboote etabliert hat. „Alte Boote bleiben quasi ewig aktuell. Eine Melges ist hingegen nach fünf Jahren veraltet, weil schon wieder etwas Neueres auf den Markt kommt“, erklärt Wolfgang Friedl, der mit seinem Sohn Georg eine auf Holzboote spezialisierte Werft in Korneuburg betreibt, den Reiz der Oldtimer. Und Fleischmann ergänzt: "Ein hundertjähriger Auto-Oldtimer kommt mit einem modernen Fahrzeug nicht mit, aber ich kann mit dem Pirano bei allen Regatten mitsegeln. Das ist eine sportliche Herausforderung und macht Spaß."
Alte Planken
Eine umfassende Herausforderung waren die zwei Wettfahrten, die heuer im Rahmen der Segelnostalgie-Regatta durchgeführt wurden. Die in der Alten Donau wuchernden Wasserpflanzen machten den Kurs zu einem Hindernisparcours. "Die Makrophyten wachsen täglich um 10 bis 14 cm. Früher war es ein Gewässer, jetzt ist es eine Wiese. Ich hoffe, es hat niemand gärtnerische Ambitionen, Blumenpflücken während der Wettfahrt ist nämlich verboten", bewies Werner Willimek, Präsident des austragenden Wiener Yachtclubs, Galgenhumour. 26 klassische Holzboote nahmen insgesamt teil, darunter ein 5erl von 1924, eines von noch drei existierenden Segelkanus, eine Ness-Yawl, ein schottisches Fischerboot mit Lugger-Segel, ein Kugelspitz, ein Zugvogel, zwei OK-Jollen, O-Jollen, Piraten, Finn sowie 10er und 15er Rennjollen. Und natürlich das 105-jährige Pirano. Exotenstatus genoss eine in Wien gebaute Replika eines schwedischen Fischerbootes aus der Renaissance. "Am Ende des 16. Jahrhunderts war dieses Boot Hightech", erklärt Erbauer Michael Rydholm, Universitätsprofessor für Musik in Wien und Fan der Renaissance – egal ob bei Musik, Fechten oder Technik. Beim Bau orientierte er sich an alten Aufzeichnungen und Vermessungen von Wracks. So entstand eine originaltreue hölzerne Replika mit Spierensegel, bei der allerdings auch moderne Oberflächenmaterialien wie Epoxy und Lacke zum Einsatz kamen. Darüber hinaus verzierte der Schwede das Heck mit kunstvollen Schnitzereien; speziell das Heck wirkt fast wie ein Thron.

