
Man stelle sich vor: Es ist Redaktionsschluss und keiner geht hin. So fühlt es sich an, wenn ich mich in den Büros der diversen Wassersport-Magazine umsehe. Entweder die Belegschaft wurde aufs Skelett abgemagert und stöhnt unter der Arbeitslast (Motto: mehr mit weniger) oder es ist eh schon lange Schicht im Schacht. Ein Produkt, das ehemals von einem Dutzend (oder mehr) Menschen vor Ort hergestellt wurde, macht heute eine Handvoll (oder weniger) und die sind meist weit verstreut. Der Rest? Wegrationalisiert und wegautomatisiert. Sind Schreiber und Knipser also bald fällig für das universelle Grundeinkommen, den Hungerlohn fürs Nichtstun? Vielleicht.
Einen Vorgeschmack auf diese post-kapitalistische Dystopie gibt’s in der WoodenBoat School (https://www.thewoodenboatschool.com/), die nur wenige Meter seewärts von meinem Büro liegt. Sie ist Teil des Firmenimperiums und seit 40 Jahren eine Institution, die Amateuren die Grundbegriffe des Holzbootsbaus beibringt. Mehr als 800 Teilnehmer kommen jeden Sommer hierher, nach Brooklin, im US-Bundesstaat Maine, um entweder im Zelt oder in einer einfachen Herberge zu übernachten, während sie einen der rund 60 ein- oder zweiwöchigen Kurse belegen.
Nicht nur klassische Bootsbaukunst in all ihren Facetten wird hier unterrichtet, von Klinker- bis zu Bausatzbooten. Man kann auch Segelkurse auf traditionellen Booten buchen, das richtige Rudern und Paddeln lernen, Grundkenntnisse in der Taklerei oder im Bronzeguss erwerben oder sich für Schwarzweißfotografie, Holzschnitte oder Acrylmalerei einschreiben. Und all das an einer Küste, die es locker mit den besten Segelrevieren Europas aufnehmen kann, minus die Massen.
Gegründet wurde die Schule in der Absicht, traditionelle Bootsbautechniken zu bewahren und zu vermitteln. Doch nun hat die Teilnahme fast schon therapeutischen Charakter, weil viele Studenten auf diese Weise lernen, mit ihren Händen (wieder) kreativ zu arbeiten und dabei Konkretes zu schaffen, erklärt Jon Wilson, Gründer der Schule und Herausgeber des Magazins Wooden Boat. In mehrfachem Sinne ist seine Institution eine Art Gegengift zu den öden Jobs, in denen viel auf Bildschirme gestarrt, aber nichts produziert wird, und die Gefahr laufen wegrationalisiert oder -automatisiert zu werden. Wilson: „Ich hätte mir das vor 40 Jahren nie gedacht. Aber es ist ein Zeichen der Zeit.“
