
Dem Winter in Wien endlich entflohen, via Zürich und Bogota in Cartagena angekommen und dann gestartet: Zu fünft sind wir sieben Tage mit einer 40-Fuß-Segelyacht auf der Atlantikseite des Landes unterwegs. Offizieller Anlass für die weite Reise nach Kolumbien ist der Besuch einer unserer Töchter, zusätzlich reizt das Unbekannte. Mit Skipper Gabriel segeln wir zu den Islas de Rosario, eine Ansammlung von Inseln unterschiedlicher Größe und Beschaffenheit, und finden hier wie im Brennglas vieles von dem vor, was die Faszination dieses Landes ausmacht.
Zunächst Natur. Üppige Vegetation, alles da, was man sich als Mitteleuropäer in diesen Breiten vorstellt, Wasser- und Lufttemperaturen im Bereich 26–32 Grad, und zwar 24/7. Dann das Meer, das in allen Schattierungen von Blau und Grün leuchtet, und reichlich Nahrung bietet. Schließlich die Menschen. Äußerlich ein bunter Mix an Hautfarben und Größe, innerlich vor allem eines: stolze Colombianos. Alles paletti also, another day in paradise? Leider nicht ganz. Wo viel Licht, da wenig überraschend auch ein gerütteltes Maß an Grauzone und Schatten. Und nein, ich rede da nicht nur über das große Bild, wie das teils großflächige Staatsversagen oder die allgegenwärtigen Drogenkartelle, sondern eher darüber, wie sich die Situation für die Menschen hier an der Küste darstellt. Skipper Gabriel, der über ein schier unerschöpfliches Reservoir an Geschichten verfügt, erzählt von einer jüngst erfolgten Enteignung über Nacht. Teile der Inseln wurden trotz laufender Pachtverträge über Nacht in Staatseigentum überführt, ohne Entschädigung oder Vorwarnung, zum Teil wurden die Bewohner einfach evakuiert. Das hatte zur Folge, dass eine seiner Bekannten plötzlich ohne Dach über dem Kopf dastand. In einer Durchfahrt zwischen den Inseln sehen wir eine ehemalige, langsam verfallende Residenz des früheren Drogenkartell-Bosses Pablo Escobar. Sie schenkt uns Trost, dass wenigstens hin und wieder eine Art Korrektur einsetzt, ist halb Mahnmal, halb Zeichen der Sehnsucht, und erinnert uns gleichzeitig an die Vergänglichkeit von Ruhm und die Hoffnung auf eine gerechtere Welt.

