Dieter Loibner

Dieter Loibner

Artikel des Autors

Ressort Layline
Clubs, Vereine, Gremien und Ausschüsse sind weniger meine Sache, doch wenn der Kärntner Yacht Club Ossiachersee, wo ich die frühen formativen Segeljahre verbracht habe, den 50er feiert, ist das ein paar Reminiszenzen wert. Begonnen hat’s in den späten sechziger Jahren in Sattendorf, auf einem idyllischen Grundstück neben der Standmann Werft. Segeln war anfänglich mehr ein Vorwand, denn der wirkliche Kinderspaß war natürlich das Baden am Steg und das Fischen mit Frau Kastners Zauberteig. Doch wenn der thermische Ost durchstand, wurde der Min (Anm.: Jugendboot, auch die Min) gesattelt und ab ging’s, über den See zum fernen Südufer oder einfach bis Stöcklweingarten. Anfang der Siebziger übersiedelte der Club nach Bodensdorf, etwa fünf Kilometer seeabwärts. Das war höchst suspekt, denn Bodensdorf war eine andere, eine ferne Welt, versteckt hinter dem Seespitz, doch ein lustiges Segellager im neuen Clubanwesen, einem ehemaligen Strandbad, brach den Bann. Strammer Wind war weiterhin Mangelware, doch in der richtigen Umgebung macht auch Segeln auf der Glatze Spaß. Zu dieser Zeit begann akutes Laserfieber zu grassieren. Die frühen Geräte kosteten 13.000 Schilling, ein Pappenstiel nach heutigem Maßstab. Schmalzl, der lokale Dealer, verschenkte als Einstiegsdroge dunkelblaue Abziehbilder. Fight Pollution, Sail a Laser stand drauf. Natürlich hatte er auch härteres Zeug, wie zum Beispiel ein fetziges Poster, das das Objekt der Begierde in rasanter Gleitfahrt auf der San Francisco Bay zeigte. Dieses Bild sollte für mich Symbol und Kompass werden. Aber voher gab’s noch definierende Erlebnisse wie ein Ostertraining am Balaton, wo die Neoprenhäuteln morgens steifgefroren aus der Dusche des Hotelzimmers kippten und Nationaltrainer Andras Gostonyi die Nahrungsaufnahme am Wasser mit dem legendären Einzeiler regelte: “Hungriges Hund laufen schneller.” Mit dem Verlassen von Haus und Herd und der Selbstgeißelung als Finnsegler gingen die Unschuldsjahre am See zu Ende. Doch irgendwie wehte es immer aus einer guten Richtung, und das bescherten Wettsegeln gegen Cracks wie Russell Coutts, Peter Holmberg oder Jochen Schümann, Mitfahrgelegenheit beim America’s Cup, einen Platz im Pressezelt bei den olympischen Segelbewerben 1996, Kantensitzen für Cayard, Kostecki und Conner und Margaritas am Großbaum der J-Klasse Endeavour, gefolgt von Privataudienzen bei Paul Elvström und Olin Stephens. Fast genau 20 Jahre nachdem ich Schmalzls Poster an die Wand gepickt hatte, wurde der Traum Wirklichkeit, und die Gewässer unter der Golden Gate Brücke zur seglerischen Spielwiese. Triumph und Tragödie spielen sich nun genau dort ab, wo das Foto des gleitenden Lasers geschossen wurde. Wie passt das mit den ersten Gehversuchen im KYCO zusammen? Ganz einfach: So wie damals in den frühen Jahren in Sattendorf werden auch hier viele Regatten vom Balkon aus gestartet. Fixe Kurse – auf und ab – fixe Bojen und die gleiche Windrichtung, die mir auch am Ossiacher See das beste Segeln beschert hat: West. Also dann: Zum Wohl, auf die nächsten 50 Jahre meiner Segelwiege.









 

Am Anfang war der See

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Im April segelt man nur dann nach Neu-England, weil man muss – oder weil man einen kennt, der sich nach Steinhof sehnt. Es kann schön und einsam sein wie Kroatien im Winter, aber viel wahrscheinlicher ist ein Nor’easter auf die Nase, und das heißt Regen, Wind und Kälte. Dann gibt’s da noch Millionen von Reusen, deren Bojen Scherzartikeln gleichen, die man bei Nacht nicht sieht, aber jeden Nahkampf mit dem Propeller gewinnen. Beste Voraussetzungen also, einem alten Freund einen Dienst zu erweisen und sein Haus/Vehikel/Boot an seine Sommerresidenz zu überstellen. Leider war’s auch der letzte Walzer auf Sonata, denn Kollege David Shaw, den man aus diesen Zeilen kennt und der letztes Jahr seinen Job gekündigt hatte, um auf seinem Schiff zu schaffen, musste erkennen, dass Plan und Realität manchmal uneins sind. “Mir tut keine Minute Leid”, gestand er, “aber: Viele Geschichten über die Cruising-Romantik sind illustrierte Märchen.” Shaw, der so ein Märchen zwar gelebt, aber nicht geliebt hat, führt folgende Argumente ins Treffen: Erstens, der Zeitaufwand: Wenn man pro Monat ein halbes Dutzend Artikel für Magazine schreibt und gleichzeitig an einer Romanserie arbeitet, kann einen die Frage “Wasserpumpe oder Wasserleiche?” schnell zum Wahnsinn treiben, vor allem, wenn ein Verleger auf die Wasserleiche wartet. Zweitens, der saisonbedingte Ortswechsel: Zugvögel, auch Snowbirds genannt, verbringen den Sommer in Maine und den Winter in gemäßigtem Klima, z. B. in North Carolina. Dazwischen liegt ein dornenreicher Weg durch eines der meist befahrenen Seegebiete der Welt. Golfstrom oder Intracoastal Waterway? Die richtige Antwort: American Airlines. Drittens geht ihm die Art vieler Marinasegler auf den Geist, die in der Pension zwar auf einem Schiff leben, aber ihre unflätigen Landmanieren nicht ablegen. Und letztlich hat man dauernd die Sparbüchse offen. “Manchmal musst du vor dem Wetter flüchten und du endest in einer Marina, in der sie für ein 36-Fuß-Schiff 150 Dollar pro Nacht verlangen. Sag mir, ob das Sinn macht?” Die Antwort gab uns die Reise, die aufgrund der vielen Motormeilen zum “Westerbeke-Törn” mutierte. Es war die letzte Etappe der Frühjahrsüberstellung, von Perth Amboy, New Jersey, um Staten Island herum, den East River hinauf, Long Island Sound, Newport, Buzzards Bay, Cape Cod-Kanal und quer durch den Golf von Maine. Das waren nur 320 Meilen – aber mit dichtem Unterhaltungsprogramm: Steile Optik und Stoßzeit vor Manhattan, Reuse am Ruder, Temperaturen um den Gefrierpunkt, Maschinenaussetzer vor dem Bug eines Hochseeschleppers, Propellerinspektion bei 8 Grad Wassertemperatur, drei Tage Hafentherapie, Dingi in einer Wasserhose gekentert, Totalverlust des Außenborders und Buckelwale auf Tuchfühlung unterm Kiel. Als wir mit unrasierter Eleganz am Zielhafen festmachten, schüttelten die wortkargen Einheimischen uns die Hand. “Früh dran dieses Jahr?” Was sich ungefähr so anhörte: “Wo seid ihr abgehauen?”









 

Der letzte Walzer auf Sonata

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Angesichts der immer bombastischer werdenden Vehikel, über die in Heften wie diesem zu lesen ist, möchte ich einen Kontrapunkt setzen. Vor ein paar Wochen hat mich der Zufall nach Korneuburg verschlagen, in die Bootstischlerei Friedl (www.woodenboat.at). Der Anblick von restaurationsbedürftigen Bioschifferln, der Duft von frischem Holz, der Lärm der Bandsäge und das fliegende Sägemehl waren ein feines Kontrastprogramm zu den Stätten des Glasfaserkults. Der Spritverbrauch pro Stunde – nach Feierabend – wird in Achterln gemessen, nicht in Tankwagenladungen von Diesel. Friedl und ich haben Geschichte, und dabei kennen wir uns kaum. Er hat mir vor Jahren meinen ersten Kajak verkauft, ein antikes Renngerät, mit dem ich auf der Donau fast ersoffen wäre und das ich beim Hochwasser von 1991 in der Wachau zwischen den Reben von Joching nach Wösendorf gepaddelt habe. Eines Tages, auf der San Francisco Bay, hat mich diese Geschichte eingeholt, als ich aus Neugierde einen Ozeankajak ausprobierte und mich damit nolens volens zum Häretiker verdammt habe. Im Laufe der Jahre wurde ich zum engagierten Paddler und kam zur Überzeugung, dass dieser Sport eine gesunde und unterhaltsame Ergänzung oder gar eine Alternative zu Gashebel und Pinne sein kann. Alleine einen Eskimokajak zu bewegen ist ein Ritual, das auf eine 5000-jährige Geschichte zurückblickt. Gefertigt aus einem Spantengerüst von Knochen oder Treibholz, zusammen gehalten von Sehnen und bespannt mit Tierhäuten, waren (und sind) diese Boote leicht, schnell und äußerst seetüchtig. Den Inuit und anderen Eskimostämmen dienten sie zum Transport und zur Jagd. Für mich ist ein Kajak auch eine Zeitmaschine, denn anders als komplexere Boote, die oft monatelang ungenutzt vor sich hingammeln, ist dieses Gefährt immer zur Hand. Paddeln geh ich, wenn das Nirvana ruft, und zwar ohne lange Vorbereitung, Warten auf Wind oder Betteln um einen Fockaffen. Die hohe Nutzungsfrequenz und die mikroskopisch kleinen Betriebskosten suchen dabei ihresgleichen. Dann ist da die Flexibilität, das Boot einfach irgendwo alleine vom Autodach ins Wasser zu befördern, wobei sich die Wahl der Spielfläche zwischen den Extremen bewegt. In der Pazifikbrandung steht der Adrenalinspiegel oben an, während eine frühmorgendliche Überquerung des Mono Sees zwischen Wüste und Bergen stark meditativen Charakter hat. Und Kinder? Meine Tochter begleitet mich oft, vorne in einem Tandem sitzend. Dabei muss sie nicht paddeln wenn sie nicht will, denn es gibt genug zu sehen oder mit dem Käscher aufzufischen. Dass es auch Freizeitvergnügen gibt, bei denen man 500 Liter Sprit oder mehr pro Stunde zum Spaß durch den Auspuff jagt, erzähl ich ihr lieber nicht.









 

Geständnis eines Herätikers

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Sonnenschutzfaktor 50, türkises Wasser, eine Prise Wind und 17 Knoten am Tacho. Dann Nachtschicht in T-Shirt und Shorts, der Sternenhimmel mit fettem Mond milchig weiß. Wintersegeln, wie’s im Katalog steht. Die rennmäßige Überstellung von Fort Lauderdale nach Key West über 160 Seemeilen ist perfekter Ausgleichssport für einen Tastaturjockey. Hemingways Domizil sollte man gesehen haben und die Anreise am Seeweg passt gut. Ich hab auf einer Wyliecat 44 angeheuert, einem in Europa weit gehend unbekanntem Vehikel. Schlüsselmerkmale: unverstagter Mast, Cat-Takelung mit Gabelbaum, schlanker Rumpf, wenig Verdrängung und flottes Wesen. Zwischen den Elektrobooten am Wörthersee gurkt fallweise eine 17-Fuß-Version herum. Als wir durch die Nacht rodeln und ganz nach Belieben eine Halse einstreuen oder die Blase wechseln (asymmetrisch, mit frei fliegendem Kohlefaserbaum), erinnere ich mich an die unglaubliche Leichtigkeit des Seins auf catgetakelten Jollen. Es gibt durchaus intelligente Schwimmobjekte ohne Vorsegel und Verstagung. Ein Mast, ein Segel, keine Ausreden. Der flexible Kohlefaserstingel, der oben in den Böen nach Lee geht und damit Dampf aus dem Segel lässt, macht Wyliecats ideal für die Alleinunterhaltung. Getrimmt werden Großschot und „Choker“, der die Position des Gabelbaums zum Mast und damit die Profiltiefe des durchgelatteten Segels regelt. Rollreffanlagen oder Lazy Jacks sind überflüssig, denn wenn die Wäsche runterkommt, fällt sie einfach in die Bändsel unterm Baum. Einfach, praktisch, effektiv. Diese Simplizität ist nicht neu, doch ziemlich schlau, weil man auch ohne Steroidlackeln auf der Kante was weiterbringt. Erinnert sich wer an die von Georg Hinterhoeller in Kanada gebauten Nonsuchs, die ein freistehendes Aluminiumrigg mit Gabelbaum hatten? Einfach waren sie und komfortabel, aber auch schwer und wenig aufregend zu segeln. Letzteres kann man von den Wyliecats nicht behaupten. Mittlerweile haben wir Biscayne Bay achteraus gelassen und gehalst. Für den großen Spi wird der Winkel allmählich zu spitz. Plötzlich ein Rumpeln, gefolgt von deftigen Flüchen. Schnell den Nylonfetzen runter und Retourgang – natürlich ohne Murl – einlegen, um die Reuse abzuschütteln. Ohne Fock und mit schlankem, tiefem Kiel ist das eher delikat, aber bald sind wir frei. Die Silhouette von Key West zeigt sich in der Morgensonne des nächsten Tags. Viel Kitsch, viele bunte Leute und viel rustikales Geflügel auf der Duvall Street. Aber die Seitengassen sind den Spaziergang vom Hafen zum Hotel allemal wert. Dann das Hemingway-Haus, von einer roten Ziegelmauer umgeben. In der Nachbarschaft keine Spur von den berüchtigten Schenken. Statt dessen Ernest’s Juice Bar. Verdammtes Land. http://www.flyaway-weblog.com/50226711/sailing.php









 

Leichtigkeit des Seins

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