Dieter Loibner

Dieter Loibner

Artikel des Autors

Ressort Layline
Vor nicht allzu langer Zeit gab’s einen Kolumnistengipfel in San Francisco: Layline und Kreuzpeilung. An einem Tisch. Unweit des America’s-Cup-Stützpunkts von Oracle, wo früher urbane Wüste herrschte und sich heute Hipster und Nerds begegnen. Wir sprachen Kolumnistenkauderwelsch, aber es ging eigentlich um nichts Konkretes, außer dem längst fälligen Hallo, nach fast 15 Jahren Pause. Allmählich driftete der Diskurs aber in Richtung Lebensgestaltung im sechsten Jahrzehnt des Daseins. Was kann man noch wollen? Was soll man noch müssen? Vom Stress habe man beileibe genug. Ohne es zu benennen, war unser Thema das Burnout, die psychische Modekrankheit der postindustriellen Gesellschaft. Nicht nur am Arbeitsplatz, auch in der Freizeit. Manchmal wäre es doch nett, so waren die Kolumnisten einig, sich den Wind ohne Konkurrenzdruck um die Nase wehen zu lassen, anstelle sich unter Gebrüll am Start vor anderen „einepanieren” zu müssen. Wie das Abenteuer, könnte doch auch die Lust aufs Alphatier-Gehabe mal Pause haben. Wir haben es dabei bewenden lassen, wohl weil wir ahnten, dass wir Alten uns weiter beweisen wollen. Wenn schon nicht anderen, so doch uns selbst. Unlängst schlug Sir Russell Coutts, einer der erfolgreichsten Segler aller Zeiten und Teamchef von Oracle, in dieselbe Kerbe, als er zu erklären versuchte, warum die Jungen das Segeln aufgeben. „Ich kann’s ihnen nicht verübeln, es ist einfach so verdammt intensiv”, meinte Coutts. Und weiter: „Ich nehme es den 12- oder 13-jährigen nicht krumm, wenn sie anderswo Spaß suchen. Sie werden später genug Druck im Leben spüren. Das Training, das Drängen vom Coach, jedes Wochenende Regatten … Irgendwann kommt der Punkt, an dem es zu viel wird.” Da schau her, auch Coutts hat Burnout am Radar, obwohl er Segeln als Risikosport verkauft, bei dem Vollgas gegeben und ständig Koffeinbrause getrunken wird. Ich weiß, dass ich mich nicht scheue meiner Tochter eine Pause zu verordnen, wenn ich ihr damit helfen kann, dass sie nicht den Spaß an der Freud’ verliert. Aber ob ich selbst gemütlich losschippern kann, statt mich “brüllend vor anderen einezupanieren”? Wäre vielleicht einen Versuch wert, so ein Timeout gegen Burnout.









 

Timeout gegen Burnout

Ressort Layline
Anfang April ging die Nachricht durch die Medien, dass eine kalifornische Segler-Familie, die mit ihrer Hans Christian 36 Rebel Heart nach Neuseeland unterwegs war, in einer Großaktion 900 Meilen westlich von Mexiko geborgen werden musste (siehe auch Story auf Seite ??). Steuerung defekt und die einjährige Tochter an schwerem Durchfall erkrankt. Es lief nach dem Standarddrehbuch ab: Panik, Notruf, Schiff aufgegeben und per Dampfer nach Hause. Böse Eltern, schlechte Segler, Spinner vor dem Herrn konnte man danach lesen. Dabei, so dachte ich, liegen die Kaufmans doch im Trend der Zeit: Man verlässt sich nur zu gern darauf, dass Hilfe nur einen Knopfdruck weit entfernt ist, egal, wo man sich auf diesem Planeten befindet und wie tief man in der Bredouille steckt. Vor GPS und Satellitentelefon war alles anders. Ich erinnere mich noch genau an das Rauschen im Blätterwald, als sich Solosegler Wolfgang Hausner gegen den Einbau eines Funkgeräts aussprach, weil dies doch bedeute, „dass einer damit kokettiert irgenwann einmal um Hilfe zu rufen“ und damit „von vornherein den Verlust des Bootes ins Kalkül“ ziehe. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Glenn Wakefiled, ein Kanadier, der zweimal versuchte die Erde solo und nonstop gegen den Wind zu umsegeln. Im Jahr 2008 wurde sein Boot bei den Falkland-Inseln so zu Kleinholz geblasen, dass er sich von einem argentinischen Schiff abbergen lassen musste. Das Scheitern wog dabei nicht schwerer als die Scham auf fremdem Kiel weiter zu reisen. „Niemand kritisierte mich dafür“, erklärte Wakefiled noch Jahre danach, „aber es gibt ein ungeschriebenes Gesetz unter Seglern, dass man auf sich selber aufpassen können sollte, wenn man hinausfährt. Und ich habe immer versucht, danach zu handeln.“ Klar, Leute wie Hausner und Wakefield sind nicht mit normalen Maßstäben zu messen. Aber ein Handlungsprinzip, dem Selbstgenügsamkeit und Eigenverantwortung zu Grunde liegen, täte auch so manchem Freizeitskipper gut.









 

Zwei vom alten Schlag

Ressort Layline
Februar. Und ein Sonntag, wie man ihn getrost verrinnen lassen kann. Irgendwann finde ich YouTube und die letzte Wettfahrt des letzten America’s Cups. Der Trostpreis für die Tragödie des ertrunkenen Andrew Simpson. Für die Farce der „Ausscheidung” der Herausforderer. Und für die Schummeleien im Camp von Oracle. Beim Punktestand von 8:8 ging’s um alles oder nichts. Vordergründig war’s ein Zweikampf von Kats mit Wingsegeln und Tragflügeln, die vor der grandiosen Kulisse von San Francisco mit bis zu 40 Knoten übers Wasser schossen, oft nur wenige Meter voneinander entfernt. Segeln, das es so noch nie gab. Als Zirkus und TV-Spektakel für die Massen perfekt ins Bild gesetzt. Dahinter spielten sich Duelle der anderen Art ab: Russell Coutts gegen seine ehemaligen Teamkollegen. James „Pitbull” Spithill gegen Dean Barker. Und ganz Neuseeland gegen die Milliarden von Larry Ellison. Wie es ausging, ist bekannt. Weniger bekannt ist die Partnerschaft, die half, das Fegefeuer der Eitelkeiten an diesem Ort zu entzünden. Das Geschäft, das es Larry Ellison ermöglichte, die Verteidigung in seinem Heimatrevier auszutragen und dabei seine Vision für den Cup umzusetzen. Die Zweckfreundschaft, wenn man so will, die er mit dem Automechaniker Norbert Bajurin schloss, der dem Golden Gate Yacht Club in San Francisco als Commodore vorsteht. Für Norbert, dessen Vater 1952 aus dem kroatischen Fischerdorf Hodilje in die USA floh, war es der Rettungsring, der seinen bescheidenen Club vor dem sicher scheinenden Bankrott bewahrte. Anders als die Funktionäre des noblen St. Francis Yacht Clubs schräg gegenüber, war Bajurin nämlich nicht an Machtpolitik interessiert, sondern am Weiterbestand des Golden Gate. Den half Larry mit dem Beitritt seines Teams sichern. Und für Ellison war’s die Gelegenheit, als Cupverteidiger schalten und walten zu können und Segeln damit ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Im Guten wie im Schlechten. * Das Buch mit dem Originaltitel The Billionaire and the Mechanic wurde von Julian Guthrie letzten Sommer veröffentlicht. Die überarbeitete und aktualisierte deutsche Ausgabe, die auch das Geschehen des 34. America’s Cups im Detail erzählt, erscheint demnächst unter dem Titel Der Milliardär und der Mechaniker im Delius Klasing Verlag. Übersetzt wurde sie von der deutschen Segeljournalistin Tatjana Pokorny und dem Autor dieser Zeilen.









 

Freundschaft mit Zweck

Ressort Layline
Als 15-Jähriger lernte Carl Eichenlaub auf einem Eigenbau in San Diego das Segeln. Später ergriff er den Beruf des Bootsbauers, „durch Osmose”, wie er mir einmal sagte. Seine Jollen, Starboote und Eintonner machten Segler wie Lowell North, Malin Burnham, Bill Ficker, Doug Peterson oder Dennis Conner zu Legenden. Dabei hätte man Eichenlaub, dessen Dienstfahrzeug ein elektischen Golfkarren war, glatt für einen Sandler halten können: Stoppelbart, Schlapphut, Hosenträger und den abgekauten Stummel einer kalten Zigarre im Mund. Geniale Tarnung eines genialen Mannes, dessen Lebensuhr nach 83 Jahren am 29. November 2013 acht Glasen schlug. Die Anekdoten und Geschichten des Herrn Carl, der auch vortrefflich Fagott spielte (Konzerte nannte er „Fagott-Regatten”), füllen zahllose Bände. Sie belegen den Humor, den Charakter und die Cleverness dieses Mannes, der 1960 Lightning-Weltmeister war und von 1976 bis 2000 als technischer Betreuer des US Sailing Teams fungierte. Vor Jahren hielt Carl einen Vortrag über Boote auf der San Diego State University, nachdem Dennis Conner über Taktik referiert hatte. „Um sich Gehör zu verschaffen, brauchte er einen guten Spruch”, erinnert sich Mark Reynolds, mehrfacher Star-Weltmeister und zweifacher Olympiasieger, der damals als Student dabei war. Und den hatte er auf Lager. „Vergesst, was ihr von Dennis gehört habt“, sagte Carl, „das einzige, was ihr wirklich zum Siegen braucht, ist ein schnelleres Boot.“ Seine Hilfsbereitschaft war legendär, auch gegenüber Seglern anderer Länder. Den Brasilianern schweißte er bei den PanAm Games einen zerknitterten J24-Bugkorb, den Argentiniern reparierte er einen gelöcherten Lightning und den Kanadiern flickte er einen Windsurfer. Letzeres erregte beim US-Segelverband Missfallen. Wie er ihm den Ärger vergelten könne, fragte der kanadische Delegationsleiter Paul Henderson. „Ein paar kubanische Zigarren wären ein gutes Schmerzmittel”, gab Eichenlaub zurück. Und um der Hitze in seinem Werkstattcontainer Herr zu werden, schnitt er bei den Olympischen Spielen in Sydney mit dem Schweißbrenner kurzerhand Löcher in die Seitenwände. „Air Conditioning” nannte er das. Typisch Herr Carl.









 

Der Herr Carl

Ressort Layline
„Frag mich ruhig, ich höre zu”, sagt die hübsche junge Frau in blau-weißem Ringelpullover und Jeans und nippt am Rotwein. Sie spricht ausgezeichnetes Deutsch und muss erst mal durchatmen nach ihrem Vortrag. Rappelvoll war der Hamburger Segel Club, mindestens die Hälfte der Anwesenden hat eines ihrer signierten Bücher gekauft. Mir gegenüber sitzt Laura Dekker, die Holländerin, die gerade 18 geworden ist, aber vor knapp zwei Jahren ihre Soloweltumsegelung beendet hat. Seither ist sie der jüngste Mensch, dem dies gelang, und hält damit einen Rekord, der offiziell keiner ist, weil Alter kein Kriterium mehr sein soll. Um den Erdball zu segeln, das ist dank moderner Technologie kein so unfassliches Abenteuer mehr. Dennoch ragt Dekker über ihre Kolleginnen und Kollegen hinaus, die vor ihr Ähnliches vollbrachten: Ehe sie los durfte, musste sie eine bittere und öffentlich geführte Kampagne der niederländischen Behörden durchstehen. Man bestand darauf, dass sie bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres in der Schule zu sitzen habe. Gesetz ist Gesetz. Fernschule? Vergiss es. Dass Dekker zum Segeln buchstäblich geboren ist – sie kam während der Weltumsegelung ihrer Eltern an Bord einer Yacht zur Welt – zählte nicht. Der Staat statuierte ein Exempel. Die Jugendbehörde entzog dem Vater, bei dem sie lebte und der ihr Projekt unterstützte, das Sorgerecht. Laura Dekker wurde vor Gericht geschleppt, überwacht, gehackt und abgehört. Sie wurde missbraucht. „Sie wollten mich brechen, in der Hoffnung, dass ich aufgeben würde. Aber je stärker sie versuchten, mich zu brechen, desto mehr wollte ich weg aus diesem korrupten Land …”, schreibt sie. Strukturell ist es ein Tagebuch, das von der Reise eines Teenagers um die Welt erzählt. Ehrlich und bunt bebildert. Aber es gibt Passagen, die Gänsehaut machen. Fräulein Dekker animiert die Leser mit ihrer Story zum Nachdenken. Über ein verlogenes, brutales System, das Freiheit und Individualität vorgaukelt, sich aber über Kontrolle und Konformität legitimieren muss.









 

Der Sturm vor der Reise

Ressort Layline
Falmouth Harbor, Antigua, irgendwann im Frühling 2013. Drei Neugierige, die wir der Diskretion halber „Overboards“ nennen wollen, gehen auf Expedition und tuckern gegen Mitternacht im Gummischlapfen über das Wasser, in dem sich still die Sterne spiegeln. Tuckern ist nicht ganz korrekt, denn am Heck summt leise ein Stromquirl. Die Mission: Den Megayachten am anderen Ende der Bucht unter den Kittel schauen. Erster Kandidat: Der Kat Hemispheres, fast 50 Meter lang. Unbemerkt von den Dinnergästen im Achtercockpit schleicht sich der kleine Trupp an. Lautlos und im Tarnkappenmodus fahren sie frech zwischen den Rümpfen und damit unter dem Segelpalast durch, begleitet von fetten, faulen Tarpons, die sich im gleißenden Licht der Unterwasserscheinwerfer treiben lassen. Raus geht es zwischen den Hecks, man bleibt ungehört und ungesehen. Weiter zu Hetairos, der dunkelgrünen 67-Meter-Ketsch mit farblich passendem U-Boot an Deck. Ohne Bugspriet liegt sie da. Wiedermal defekt, wiedermal flügellahm. Daneben, auf einem etwa 25 Meter langen „Kleinkreuzer” gibt es Sitcom-Party im Cockpit mit Rotwein, Bier und Megatron-Bildschirm. In der Marina liegt die 220 Fuß lange Vertigo, ebenfalls eine Ketsch. Abgedunkelt, Gangway hochgezogen, kein Parteienverkehr. Trotzdem ist es laut. Die Generatoren brummen indiskret, man atmet mehr Dieseldämpfe ein als an einer Truck-Tankstelle. Oben in den wolkenkratzerhohen Riggs blinken roten Warnlichter für den Flugverkehr. Safety first, eh schon wissen. An der Kippe zur Reizüberflutung zieht es die Truppe heimwärts, nur noch schnell ein Abstecher zur Maltese Falcon, der angeblich größten Segelyacht der Welt. Von einem Dingi aus betrachtet ist dieser 87 Meter lange Dreimaster, dessen Segel horizontal aus den Masten gerollt werden, gefühlte anderthalb Meilen lang … Danach ist es mucksmäuschenstill an Bord. Der Murl hat gerade noch genug Saft, um in Schleichfahrt die eigene Basis zu erreichen, ein geradezu läppisch kleines 20-Meter-Schiff. Zeit für die Overboards das Gesehene irgendwie zu verdauen. Was gar nicht so einfach ist, denn die geballte pompige Prahlerei überwältigt einerseits die Fantasie, stellte sich andererseits aber auch selbst in Frage: Wie viel braucht es zum Glück und zur Zufriedenheit?









 

Maßeinheit des Glücks

Ressort Layline
Im Kreislauf des Lebens drehen sich Trauer und Freude um einander wie Yin und Yang, wie Tag und Nacht. Verdichtet auf dieses Segeljahr verhält es sich nicht anders: In Kalifornien starben neun Menschen bei diversen Regatten. Das ist furchtbar, weil absolut vermeidbar, aber aus der Tragik entsteht auch Gutes für die Zukunft. Zumindest dürfte so manchem die Erkenntnis gekommen sein, dass Technologie ein inadäquater Ersatz für Hausverstand ist und dass konservative Einschätzung des eigenen Leistungsvermögens doch die beste Lebensversicherung ist. Trauer natürlich auch über den Abschied von Rolf Halle, der der Zeit ein Schnippchen zu schlagen schien und noch im hohen Alter mit seinem Fünferl dem Teufel ein Ohr absegelte. Als ich ihn kennenlernte, war er 90 und doch keine Minute älter als an dem Tag circa 1930, an dem er sein geliebtes Kanu Hedy III zum ersten Mal ausführte. Nicht nur seine ewige Jugend faszinierte, sondern auch die Weisheit, im Kleinen das große Abenteuer zu sehen und die Konsequenz, sich als Segler hinaufzudienen. Rolf begleitete mich auf der ersten Runde mit einer 22er Rennjolle und stieß damit indirekt die Tür auf zu einer schönen Erinnerung an dieses Jahr, in dem ich endlich die Aera II kennen lernen durfte, Manfred Currys berühmte Jolle, die im Mai nach 75 Jahren ein glanzvolles Comeback feierte. Das Boot ist wieder in den Händen der Familie Kern, die es am Wörthersee schon vor dem 2. Weltkrieg eifrig segelte. Doch es stellte sich heraus, dass ich als Kind x-mal selbst daran vorbeigefahren sein muss. Denn wie es scheint, war es von Mitte der fünfziger Jahre bis 2010 am Ossiachersee, erst in Fünfhaus am Südufer, dann in Stöckelweingarten, bzw. in einem Schuppen in Bodensdorf. Während sich die Aera also mehr als ein halbes Jahrhundert kaum vom Fleck bewegte, war meine Reise zu dieser Erkenntnis lang und kompliziert. Doch am Ende schließt sich der Kreis und in diesem Fall praktisch vor meiner alten Haustür. Wenn das nicht Grund zur Freude ist.









 

Leid und Freud

Ressort Layline
Dänemark ist anders. Das fällt auf, wenn man ins Reich der angeblich glücklichsten Menschen der Welt reist. Alles ist netter, adretter und bei aller kleinbürgerlichen Spießigkeit trotzdem irgendwie cool. Die sauberen, bunten Häuschen, die gepflegten Gärten und die Langsamkeit des Seins, die Platz schafft fürs Gemütliche und Bodenständige. Man ist dem Gast gegenüber freundlich-reserviert und doch unendlich hilfsbereit.









 

Gleiten statt hetzen

Ressort Layline
Ein Brecher, mehr war es nicht, der über Leben und Tod entschied an diesem Samstagnachmittag Mitte April. Es geschah 25 Meilen westlich von San Francisco, während des alljährlichen Farallon Islands Race. Für die Sydney 38 Low Speed Chase ging es nach einem komplett verpatzten Start nicht mehr um eine gute Platzierung, als sie diese Fliegenschiss-Inseln in der Brandung des Pazifiks rundete, um sich auf den Heimweg zu machen und mit Windstärke 6 bis 7 im Rücken Richtung Golden Gate zu surfen. Das ist Segeln am Anschlag und kein Fall für Feiglinge. Deshalb hatte der umsichtige Schiffseigner James Bradford auch einen Profiskipper und eine eingespielte Crew angeheuert – er wusste, dass er mit den zu erwartenden Verhältnissen überfordert sein würde. Gegen 15 Uhr schlug Slow Speed Chase in einer Monsterwelle knapp unter Land vor einer der Inseln quer und fünf der acht Segler wurden über Bord ins 12 Grad kalte Wasser geschleudert, während das Boot auf die Felsen geworfen wurde. Die drei mit dem Schiff verbliebenen Segler, darunter der Eigner, konnten sich an Land retten. Ein vierter wurde von der Küstenwache wenig später tot geborgen, vier bleiben vermisst. Alle trugen Rettungswesten und die richtige Segelbekleidung. Jetzt trägt die Segelwelt in San Francisco Trauer, die Anteilnahme am Leid der Hinterbliebenen und auch der Überlebenden zeugt von einer starken Gemeinschaft. Und wie immer nach solchen Tragödien wird diskutiert, was anders oder besser gemacht hätte werden müssen. Es wird auch Konsequenzen seitens des veranstaltenden Clubs geben. Doch wer ehrlich ist, wird zugeben müssen, dass wir nur zu gerne Risiken eingehen, um Aufregung in unsere scheinbar sicheren und wenig spannungsgeladenen Existenzen zu bringen. Egal, ob am Berg, am Wasser oder auf der Straße, wir sind Adrenalin-Junkies mit Bürojobs. Dass dieser Unfall einer unfairen Laune der Natur zuzuschreiben sei, wie manche behaupten, ist Unfug. Der Ozean ist weder gut noch böse. Er erinnert uns bloß daran, dass wir trotz unserer Arroganz und Technologiebesessenheit nicht alles kontrollieren und kalkulieren können.









 

Die Welle der Wahrheit

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