Dieter Loibner

Dieter Loibner

Artikel des Autors

Ressort Layline
Da stand sie also, die modernste, geilste und wohl schnellste Rennyacht aller Zeiten. An einer Mole Anacortes, im US-Bundesstaat Washington, nahe der kanadischen Grenze. Umgeben von nautischem Ramsch, rostigen Trawlern, verfallenen Fabriksgebäuden und transportablen Toiletten. Der Tri ist das neueste Hightech-Spielzeug von Larry Ellison, ein dreibeiniges Quadrat mit 27 Metern Seitenlänge. Alles aus Kohlefaser. Etwa 850 m2 Segelfläche am Wind, bis zu 1.200 m2 raumschots. Ein hydraulisch neigbarer Profilmast, der 48 Meter in den Himmel ragt und dem Wind etwa 50 m2 Angriffsfläche bietet. Wär’s nicht ein Schiff, es müsste eine Rakete oder ein Jagdflugzeug sein. Skipper Russell Coutts und Konsorten treten im Fliegeranzug an, mit knitterfreier Kopfbedeckung und eingebauter Funksprechanlage zur Kommunikation miteinander. Statt Fallschirmen haben sie Schwimmwesten umgeschnallt. Am Wasser legt das Gefährt bei Wörtherseewind (maximal 3 Beaufort) mit angezogener Handbremse 25 Knoten vor, Mittelrumpf aus dem Wasser. Das hieße Schlosshotel Velden–Strandbad Klagenfurt in einer halben Stunde. „Das schnellste Boot, das ich je bei Leichtwind gesegelt bin”, sagt Franck Cammas, der weltbeste Trimaranpilot, ehrfürchtig. Und das heißt was, denn Cammas hält mit seinem Megatri Groupama 3 sowohl den absoluten Transatlantik- als auch den 24-Stunden-Distanzrekord. Der Franzose ist Fahrlehrer für den jungen Wilden James Spithill, der zwar auf den Extreme 40-Kats trainiert, aber sonst keine Erfahrung mit Multihulls hat. Ob der Flieger je startet, muss allerdings Justitia entscheiden, denn der Rechtsstreit zwischen BMW Oracle und Alinghi ist derzeit in Berufung. Beim momentanen Stand sind die Spanier und damit Alinghis „Wunschkandidaten” die offiziellen Herausforderer. Tom Ehman, Regelfachmann bei BMW Oracle, will das ändern und hofft dabei auf Richterin Carmen Beauchamp Ciparick, die schon 1988 durch ihren Schiedsspruch ein so genanntes „Deed of Gift Race,” das nicht auf einheitlichen Booten gesegelt wird, ermöglicht hatte. Damals hatte Dennis Conner mit einem Katamaran die Neuseeländer und ihr Riesenkielboot lächerlich gemacht. Sollte es tatsächlich zu einem „Multihull Cup” kommen, würden sich die Kontrahenten dank elend langer Bahnschenkel kaum sehen. Nur wenn sich die Kurse kreuzen, könnte es interessant werden. Denn Fahrfehler machen viel Kleinholz, wenn sich ein Multi mit 30 Knoten in die Seite des anderen bohrt. Ansonsten wär’s wohl zum Gähnen, wie schon 1988. Aber nix is fix, denn Alinghi diskutiert mit den anderen Teams (minus BMW Oracle) einen „stark verbilligten” Monohull Cup für 2010. Meldeschluss ist der 15. 12. Somit spitzt sich die Situation für Larry Ellison zu: Er muss entweder klein beigeben oder auf einen Richterspruch hoffen, der das dreibeinige Quadrat ins Spiel bringt. Ob das gut geht?









 

Das dreibeinige Quadrat

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„Wasser hat einen dünnen Kopf," sagt Wolfram Ainetter, Pensionist und passionierter Segler von 22er-Rennjollen. Diese Erkenntnis ist von den Altvorderen überliefert, die bereits im Pleistozän rustikale Ursachenforschung betrieben und die Probleme kannten, die beim Abdichten von Sautrögen und Holzjollen auftreten: Ein dünner Kopf dringt durch jede Ritze und dieses Kontinenzproblem irritiert Sau wie Segler. Zuhause ist Ainetter in Seeboden am Millstättersee, wo er mit seiner Frau Rita eine Pension führt. Als Bub hat er sein nautisches Handwerk auf einem geklinkerten Ur-22er gelernt, eigentlich ein Sieb mit einem breiten Schwertkasten, in dem kleine Waller wohnten. Ausschöpfen war Bedingung fürs Mitsegeln, somit ist die 22er-Rennjolle eine Jugendsünde, die ihn bis heute verfolgt. Dabei ist er, dem an glänzendem Klarlack, kugelgelagerten Blöcken und knisterndem Dacron wenig liegt, das beliebte Schreckgespenst der Klasse. Heuer trieb er es mit seiner etwas übergewichtigen Brie (Herkunft unbekannt, Jahrgang ca. 1942 bis 44) besonders bunt. Beim Europapokal am Mondsee wurde er nach Yardstick Zweiter, nach Einlauf immerhin noch Vierter. Eine Woche danach versägte er am Attersee nach Yardstick die Konkurrenz bei der Langen Wettfahrt. Ainetter ist der prototypische Antiheld, der von vielen unterschätzt wird, was sich im Gespräch rasch als fataler Irrtum erweist, denn der passionierte Segelflieger kennt sich bestens aus mit Areo- und Hydrodynamik. Natürlich ist er auch mit dem Boot per du, aber seine unkomplizierte, bescheidene Art beschert ihm immer wieder kompetente Helfer vor dem Reitbalken, damit er sich aufs Steuern konzentrieren kann. Denn Ainetter weiß: Ein falscher Schlag oder eine versaute Wende kosten mehr, als neue Segel und coole Hardware bringen. Angesprochen auf die kognitive Diskrepanz zwischen den funkelnden Gucci-Kisten und der eher fundamentalen Brie (keine Backstagen, Gartenschläuche als Wantenschoner, Reffbändsel im Groß), meint er, man solle „nicht alles tierisch ernst nehmen.” So hat er einmal einen 22er zum Jollenkreuzer mit Kiel umfunktioniert und ein andermal seinen Mast mit Kupferdraht umwickelt, weil sich die Leimnähte beim Transport aufgelöst hatten. Damit ist er dann auf einen Mittelfeldplatz gesegelt. Ruhiger sei er geworden, sagt Ainetter. Halsbrecherische Crashes samt batman-ähnlichen Abflügen im Hubertusmantel, die er mit seinem hausgemachten Eissegler am zugefrorenen Millstättersee hinzulegen pflegte, seien passe. „Im Alter versackt die Muskulatur,” konstatiert er, „deshalb wird man immer mehr zum Fischer.” Will er trotzdem noch segeln? „Klar, denn auf der 22er kann ich das Groß so hoch setzen, dass ich mich bei der Wende nicht bücken muss.” Schwere Zeiten für die Klasse. Und dazu noch das Wasser, das einen dünnen Kopf hat.









 

Der Antiheld

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„Daddy, sailing sucks*!” Also sprach die Tochter, am Steg sitzend mit Eisbeutel am Kopf. Es war der befürchtet schwierige Auftakt zum Experiment Segelkurs. Olivia, ganze 8, aber keck wie ein Teenager, bringt die Sache auf den Punkt. Großbaum, Beule, Erniedrigung. Depperter Opti. Die Kiste will nicht so, wie sie sich das vorstellt. Und dann noch der peinliche Vater, der das Leid dokumentiert. „Muss das sein?” Ja, es muss. Warum tu ich uns das an? Falscher Elternehrgeiz? Apfel zu weit vom Stamm? Oder gar zu nahe? Hat sie zu wenig Ausdauer? Kein Talent? Die Zeit wird Klarheit schaffen. Eigentlich mach ich mir wenig Sorgen, ob die Tochter Seglerin wird. Das Interesse wird mit dem Spaß und dem Stolz über das Erreichte kommen. Warum also das Theater? Es handelt sich um einen didaktischen Schachzug, weil Olivia von der Genetik mit Geduld nicht gesegnet wurde und mit der Instant Gratification Generation aufwächst, frei nach dem Motto: „Ich will alles und zwar sofort.” Ein Segelkurs, in dem die Kids ihre Kisten selber aufriggen und zu Wasser bringen müssen, ist dafür die ideale Therapie. Sie muss sich mehr anstrengen als in der Schule und kann die Früchte der Arbeit erst später ernten. Oder gar nicht, wenn sie die Segelei bleiben lassen sollte. Das Augenmerk des Kurses liegt auf Hands-on-Kompetenz und die erlangt man bekanntlich nur durch Praxis. Zwischendurch gibt es Knotenkunde, einfachste Theorie und Kentertraining, aber Lehrbücher, Paukerei oder gar Auswendiglernen stehen nicht an. Da bleibt keine Zeit zum Analysieren oder Jammern. Einfach machen. Für Kinder, die heutzutage (zu) viel Zeit mit fantasielosen, aber bis ins Detail strukturierten Tätigkeiten zubringen und dabei von Erwachsenen auf Schritt und Tritt beaufsichtigt werden oder dem Diktat von Bildschirm und Joystick verfallen sind, ist Segeln nicht nur Therapie sondern auch wertvolles Kontrastprogramm. Instruktion ist nur der Anfang, auf Perfektion stoßen sie selber – oder auch nicht. Es gibt keine Interpretation der Regeln, es gibt keine von Menschen programmierten Algorithmen, nur den Dickschädel der Natur. Wer nicht weiß, woher es weht, weiß auch nicht, wohin es geht. Um die Erfahrung zu optimieren, müssen die Lernenden eine Symbiose von Kraft, Geschick, Gefühl und Wahrnehmungsfähigkeit verinnerlichen. Viel vom einen und nix vom anderen ist zu wenig. Das hat Olivia auch bemerkt, nachdem Zorn und Schmerz nachgelassen haben. Nach einer Nachdenkpause gesteht sie: „Segeln ist eigentlich okay. Ein bisschen zumindest.” Und am Ende lernt sie womöglich noch, wie man Spaß daran hat. Halleluja. * Papa, Segeln ist beschissen!









 

Nicht für die Schule soll sie lernen

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Segelfreunde und jene, die zu solchen alle vier Jahre mutieren, blicken im August nach Qingdao. Im Medaillen-Hype vergisst man gern, dass auch noch andere anderswo segeln. Unbekannte, aber nicht Uninteressante. Systemerhalter, die den Sport stützen. Bradley Cameron verdient sein Geld auf der Straße. Trucker ist er und ausgeben tut er seine Kohle fürs Segeln. Wären alle wie er, könnte die Branche ruhig schlafen. Sechs Boote in 12 Jahren sind ein guter Schnitt. „Beim Fahren”, sagt Cameron, „hab ich Zeit, über Verbesserungen nachzudenken und Regatten zu analysieren.” Leuchtet ein, ein Sattelschlepper ist ja fast wie ein Schiff. Dabei hatte die Segelei ihn am Anfang gar nicht lieb. Er wuchs auf einem Boot auf und als er sechs war, wollte die Familie von San Francisco nach Hawaii. Gebrochene Backstagen, kaputtes Ruder, Leck im Wassertank, Sturm und Kotzen ohne Ende ruinierten den Spaß an der Freud. Die Umkehr wurde zur Abkehr vom Leben auf See. Nach dem Tod der Mutter ging Cameron mit 17 nach Mississippi, doch bald holte ihn Heimweh zurück nach Kalifornien. Das Hackeln am Bau war trist, die Wiederentdeckung des Segelns auf einer J24 ausgleichende Gerechtigkeit; bald war er Flottenmeister. Dann kreuzte eine Frau in sein Leben, die er auf Törn mitnahm. Der Kompatibilitätstest funktionierte, Debbie ist heute Frau Cameron. Kinder gibt’s keine, aber zuerst einen Tornado, später eine Force 5 (ein Laserverschnitt). Motto: Speed ist nass und nass macht Spaß. Das machte Appetit auf Red Stripe, einen gealterten 30-Füßer, der noch Substanz hatte. Leute, die beim Renovieren halfen, waren auch beim Segeln erste Wahl, und alles lief bestens. Bis der Wahnsinn das Ruder übernahm, bei einer windigen Pimperlregatta auf der Bay. Der Spi stand, das Boot flog, und der nahende Schlepper mit Schotterkahn war Nebensache. „Klar zu Halse!” befahl Brad voll Selbstvertrauen, doch am Bug brach Chaos aus. „A classic clusterfuck”, gefolgt von extremer Schräglage. Vorne der Kampf mit Nylon, Nerven und nackter Angst, hinten Festhalten, Fluchen, Hoffen. Im letzten Moment kam der Fetzen runter. Der Schlepper passierte vorne, der Kahn hinten. „Das Schleppseil hing weit durch und irgendwie kamen wir davon, ohne uns umzubringen.” Red Stripe wurde gegen einen 25-Fuß-Backdecker getauscht, denn Cameron wollte immer noch nach Hawaii. Die Idee, auf dieser Kiste die 2.100 Meilen dorthin solo im Renntempo zu segeln, blieb ein solche, Debbie sei Dank. Ersatz ist schon gebucht: Contender-WM am Ontariosee, wo 1976 um olympisches Metall gesegelt wurde. Das fügt sich bestens. „Boot, Klasse und Leute sind meine Kragenweite”, sagt Bradley Cameron. Erwartungen für die erste WM seines Lebens? „Top 50 und ich bin happy.” Ein Held wie wir eben.









 

Ein Held wie wir

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Was weiß ich über 1908? Opa war 16. Der Kaiser war 60 Jahre im Amt. Österreich-Ungarn annektierte Bosnien-Herzegowina. Egon Schiele stellte erstmals aus. Die Lusitania überquerte den Atlantik in 4 Tagen, 20 Stunden. Und Olin James Stephens II. wurde am 13. April geboren. Lange ist das her und viel ist seitdem passiert, doch nun sitzt er vor mir, umringt von Computerbildschirmen in seinem eleganten Arbeitszimmer in Hanover, New Hampshire: In Ehren gealtert, bewaffnet mit Hornbrille und diskretem Hörgerät, aber auch mit einem Verstand, der auf meine Fragen messerscharfe Antworten produziert. Ganz so, wie man es schon immer kannte, vom vielleicht bedeutendsten Yachtkonstrukteur des 20. Jahrhunderts. Aufgewachsen in der Umgebung von New York, war er früh von Booten fasziniert. Designer wie Clinton Crane, John Alden oder Nat Herreshoff hatten großen Einfluss, doch noch viel mehr war er beseelt vom Wunsch, der Beste zu sein. „Ich hatte Glück, denn ich hatte ein Ziel: Ich wollte immer schnelle Boote entwerfen.” Glück hatte er auch, Drake Sparkman kennen zu lernen, den erfolgreichen Yachtbroker, mit dem er und sein Bruder Rod 1929 die Design- und Brokerfirma Sparkman & Stephens gründete. Olin entwarf, Sparkman verkaufte und Rod machte die Qualitätskontrolle. Dorade, Stormy Weather und Legionen von anderen eleganten Schiffen entstanden auf den Zeichenbrettern von S&S. So manche gibt es heute noch, als perfekt restaurierte Klassiker, betuchter Klientel gehörend und gerne bei exklusiven An\u00AClässen ausgestellt. Dann die legendären America’s-Cup-Verteidiger: Die J-Klasse Ranger, die er gemeinsam mit Starling Burgess 1937 entworfen hatte, und nach dem Zweiten Weltkrieg die Zwölfer, die den Cup von 1958 bis 1978 dominierten. S&S war auch am Aufstieg der Swan-Werft beteiligt, die ganz am Anfang einen ihrer Eintonner in Serie bauten. So ein Schiff wollte auch ein gewisser Edward Heath haben. Mr. Heath, der später englischer Premierminister wurde, war ein treuer S&S-Kunde und gewann 1971 mit dem englischen Team den Admiral’s Cup. Als Dank lud er Olin zum Bankett bei Präsident Nixon ins Weiße Haus ein, das anlässlich seines Staatsbesuchs gegeben wurde. „Mr. President, dies ist der Mann, auf den es ankommt”, waren Heaths Worte, mit denen er Olin vorstellte. Am Ende meines Besuchs lade ich Olin Stephens zum Abendessen ein. „Gute Idee, junger Mann. Ich schicke noch schnell eine E-Mail nach Neuseeland, denn dort halte ich demnächst einen Vortrag.” Dann erhebt er sich vom Schreibtisch. Leicht nach vorne gebeugt, aber ohne Gehhilfe geht er hinaus, schlüpft in seine Jacke und öffnet die Tür zum Treppenhaus. „Lift?” frage ich. „Ach was, der ist für alte Leute.”









 

Eine hundertjährige Legende

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”Meinen Dank an den Mehrrümpfer, der von 1976 bis 2008 im olympischen Programm war – es tut uns leid, uns von diesem Freund zu verabschieden.” So sprach ISAF-Präsident Göran Petersson. Der Kat hat seine Schuldigkeit getan, der Kat kann gehen. Skibewerbe ohne Abfahrtslauf? Leichtathletik ohne 100-Meter-Sprint? Undenkbar. Olympia ohne Kats eigentlich auch, aber aufgrund des drehenden politischen Windes blieben der Mehrrumpfbewerb und damit auch der Tornado bei der Abstimmung über die olympischen Segelbewerbe 2012 in einem Flautenloch hängen. Wenn hinter den Kulissen kein Wunder passiert und die ISAF den Beschluss unter dem Druck der Katlobby nicht rückgängig macht, ist olympisches Segeln auf zwei Rümpfen bis auf Weiteres Geschichte. Als Kind der sechziger Jahre erlaube ich mir, dem Tornado eine nostalgische Träne nachzuweinen. Nicht der “Anabolikaversion” mit Doppeltrapez, Gennaker, und Kohlefasermast, die den Profis alles abverlangt. “Einmal packen wir’s noch, dann ist Schluss”, sagte John Lovell, der mit Charlie Ogletree 2004 in Athen hinter Hagara/Steinacher für die USA Silber holte. “Schließlich sind wir beide schon 40.” Schon 40? Fängt der Spaß da nicht erst richtig an? Mein Herz schlägt für den Ur-Tornado, ein Schiff, mit dem Paul Elvström mit 55 Europameister wurde und mit Tochter Trine ein Jahr später, bei den Olympischen Spielen 1984, beinahe noch eine Medaille holte. In unseren frühen Segeljahren war ein Holztornado integraler Bestandteil des Familienprogramms. Ob bei Flaute am See oder bei Maes?tral im Pas?manski Kanal, unser Sperrholzbomber war kugelsicher und allem gewachsen. Im Vergleich zu den Boliden, die Hagara & Co heute pilotieren, war’s ein Ford Model T. Doch unsere Auftritte hatten stets Unterhaltungswert, wie z. B. der erste Zusammenbau auf der Clubwiese, unter argwöhnischer Betrachtung der Agnostiker: „Woa, zwa Kuf’n! Bricht de Kist’n nit glei ausanonda?” (Die WM-Titel von Robert Jessenig und Hans Polaschegg 1972 und 1974 brachten Licht ins Dunkel.) Dazu gab es Tagesritte von Biograd in die damals noch fast unberührten Kornaten. Regatta bin ich auch gesegelt. Einmal. Bequem. Souverän. Ledero*. Bald kamen andere Boote, aber keines, das ich mit so unbeschwerten Erinnerungen assoziiere wie den Holztornado, der anfangs kaum ernst genommen wurde. Trotzdem wurde die Klasse später eine der stärksten im Club und das seglerische Aushängeschild der Nation. Jetzt scheint sich dies zu ändern. Aber so wie unsere „Kist’n mit zwa Kuf’n” nicht auseinander gebrochen war, geht’s auch für den Tornado weiter. Mit oder ohne Olympia.









 

A Kist’n mit zwa Kuf’n

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Ich geb’s ja zu: Ich bin ein suburbanes Weichei. Ich wohne am Berg mit Blick nach Westen. Will ich Brot und ein Sechsertragerl, muss die Karre aus der Garage. Dafür hab ich WiFi, HiFi und HDTV. Und einen Appetit auf Gefahr aus zweiter Hand. Risiko ist cool, solange andere Kopf und Kragen riskieren und die Kamera dabei mitläuft. Dabei ist’s gar nicht solange her, dass die wahren Abenteuer im Kopf waren, genährt von spärlichen Berichten über Chichester, Tabarly oder Moitessier, die alleine den Ozeanen trotzten. Ohne Satellitentelefon, mit dem sie in den Roaring Forties den Abschleppdienst hätten rufen können. Damals reichte es noch, alleine loszusegeln und anzukommen. Heute muss dabei schon ein Rekorderl rausschauen, sonst will keiner zuschauen. Dem Börsenhändler Steve Fossett waren Risiko und Rekorde ein Lebenselixier. Unter seinen 116 Bestleistungen finden sich die schnellsten Erdumrundungen, per Ballon, per Flugzeug und unter Segeln. Nun wollte er auch der Schnellste zu Lande sein. Doch Anfang September wurde dem 63-Jährigen ein Routineflug zur Erkundung einer geeigneten Strecke in der Wüste Nevadas zum Verhängnis (siehe YR 10/07). Weder Wrack noch Leiche wurden bisher gefunden. „Das Bedürfnis nach heldenhafter Transformation ist tief in der Psyche verankert”, sagt C. Robert Cloninger, Professor für Psychiatrie und Genetik an der Washington University in St. Louis. „Solche Leute sind im Konflikt mit sich selbst und ihrem Leben, das sie ablehnen. Wenn sie in die Wildnis oder aufs Meer hinausgehen, tun sie das in der Hoffnung auf Läuterung.” Ein fatales Ende dieser Läuterung ist der Klimax fürs p. t. Publikum, aber auch eine Enttäuschung, weil damit die Show zu Ende ist. Fossett ist nur ein Beispiel. Steve Irwin, der australische Krokodiljäger, der für seine TV-Show Alligatoren in den Schwitzkasten nahm, wurde beim Fischen von einem Stachelrochen tödlich verletzt. Timothy Treadwell, der exzentrische Aktivist, der unter Grizzlys campierte, behauptete einen Weg der Koexistenz gefunden zu haben. Die Bären hielten nichts davon und zerfleischten ihn und seine Partnerin kurze Zeit später. Studienabgänger Christopher McCandless suchte in der Wildnis Alaskas spirituelle Wiedergeburt und verhungerte nach wenigen Monaten. Und dann war da noch Donald Crowhurst, der sich den Sieg bei der ersten Golden Globe Regatta 1969 erschwindeln wollte. Weil weder er noch sein Boot mithalten konnten, hielt er sich im Südatlantik versteckt und ließ die anderen um den Erdball segeln. Als sie Kap Hoorn umrundeten, reihte er sich vor dem Feld ein. Keiner schnallte den Betrug und Crowhurst wurde in Plymouth als Sieger zurückerwartet. Doch er kam nie an. Wochen später fand man sein intaktes Boot auf ruhiger See treibend, mit den gefälschten Logbüchern an Bord. „Solche Leute sind nicht lebensmüde”, widerspricht Dr. Frank Farley von der American Psychological Association der Annnahme, alle Rekordjäger seien suizidgefährdet. „Sie wollen einen neuen, aufregenden Tag erleben.” Und ich, das suburbane Weichei, bin dabei, wenn das Abeneuer Rache nimmt. Im Lehnstuhl, mit Fernbedienung. Watchlist für Weicheier: Grizzly Man. USA, 2005, Regie: Werner Herzog Deep Water. England, 2006 Regie: Louise Osmond, Jerry Rothwell Into the Wild. USA, 2007, Regie: Sean Penn









 

Wenn das Abenteuer Rache nimmt

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Je älter ich werde, desto besser war ich. Segler sind bekannt dafür, vergangene Heldentaten durch die rosa Brille zu sehen und damit das gebrechliche Ego zu stützen. Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, gebe aber zu, dass mein Blick gern zurück schweift, zum Lago (di Garda) und den Ereignissen der formativen Segeljahre. Wie etwa der Trofeo Tomasoni in Torbole, ca. 1980. Wahnsinn war der Modus Operandi mit 150 oder mehr Verrückten an einer Startlinie, deren Mitte nach Luv ausgebaucht war wie mein Idol, Heumarktringer Schurl Blemenschütz. Ein langer Pinnenausleger war die beste Waffe gegen die dreisten Affen, die sich an der Scheuerleiste nach vorne hanteln wollten. Startuhr? Reine Zeitverschwendung. Frühstart war der Tod. Starten in zweiter Reihe ebenfalls. Es galt das Elfte Gebot: Net derwischen lassen. Das war höchst riskant, aber einmal hat alles gepasst: Steife Ora im Genick, kein Bremser vorne, oben oder unten. Hängen wie ein Idiot aber steuern wie ein Chirurg. Dann Wende beim Felsen und mit Steuerbord beim Feld abkassieren. Hinter mir die Plebs, die sich gegenseitig in die Bredouille segelt. Aaah! – Schnitt. Barrington River, Rhode Island, Sommer 2007. Keine Ora, aber trotzdem eine steife Brise im Genick und unter dem Allerwertesten eine Truc 12. Das von Cantieri Nordest gebaute und von Crus Yacht (www.crusyacht.it) vermarktete 12-Fuß-Kisterl gleicht einer Mini-Wally. Teaksohle im Cockpit, offenes Heck (wie ein alter Mader-FD) und Seitendecks aus Mahagoni. Dazu durchgelattetes Pentex-Segel, Spieren aus Kohlefaser und ein Ferrari-roter Rumpf. Mehr Gucci geht nicht. Dem leichten Mittagessen mit dem U.S. Importeur folgte schwere Arbeit: Nach fast 20 Jahren auf Booten mit Küche und Couch durfte (musste?) ich wieder auf ein Dinghy. Wie gut war ich? Oder bin ich nur noch? Zitternd vor Schiss, das Nobelgerät gleich beim Club hinzulegen, tuckerte ich durch die extremen Dreher und giftigen Böen hinaus ins tiefe Wasser und die flotte Ebbe, die genau gegen den Wind lief. Und siehe da, plötzlich war ich wieder auf dem ersten Schlag zum Felsen in Torbole: Hängen wie ein Irrer, Slalom steuern durch die steile Welle und alles passt. Naja, fast alles. Gössermuskel und Oberschenkel maulten bald über so viel Sport, doch das ließ sich ignorieren. Bergab machte der rote Renner richtig Dampf und Mut zur Halse mit Karacho. Mitten im Manöver dann der Schraler und die fette Böe – ahem. Die Peinlichkeit dauerte nur ein paar Sekunden, dann war das Gerät wieder in korrekter Schwimmlage und der Reiter im Sattel. Trotz des Abwurfs ging die Party weiter, aber nun begann das Fleisch lauter zu meckern, denn es kannte seine Grenzen besser als ich meine, wie schon damals am Lago. Später, natürlich an der Bar, war Zeit zur Reflexion, und zwar ohne rosa Brille: Die Kerzen am Geburtstagskuchen lügen nicht. Aber sie verbieten mir auch (noch) nicht den Spaß auf einem Gerät wie der Truc 12. Dem Ego tut das gut. Und dem Fleisch? Das muss sich fügen.









 

Zeitreise

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Viel wird geredet und geschrieben über den berühmten Cup, den 100 Sovereigns Cup (nicht: 100 Guineen oder gar 100 Pfund Cup), sonst bekannt als der America’s Cup. Bodenlose Kanne und bodenloser Hype für die langweiligste Regatta der Welt, bei der im Schnitt neun von zehn Wettfahrten an der ersten Tonne entschieden sind. Prozessionssegeln für Fortgeschrittene, bei dem seglerisches Können Materialnachteile nicht aufwiegt. Wer zwei Zehntelknoten am Zeichentisch liegen lässt, ist Kulisse. Mit 25 Millionen ist man dabei, mehr aber auch nicht. Doch wo viel Geld am Spiel steht und Kameras klicken, darf die Abteilung Schön & Reich nicht fehlen. Weil mein Reichtum sich auf Erfahrung beschränkt und meine Schönheit bestenfalls eine innere ist, geht mir der Cup auch am Achtersteven vorbei. Im Gegensatz zu Kollegin JDM (siehe YR 4/2007, S. 74) erkennt mich in der Bad Kleinkirchheimer Blockhaussauna kein Schwanz. Und bei einer Degustation von Kracher-Käse kenn’ ich mich auch nicht aus. Aber mit solchen Defiziten kann ich existieren, denn ich finde Trost in den kleinen Dingen, die das Leben aus dem Ärmel schüttelt wie ein Kartenhai das Pik As, das ihm zum Royal Flush fehlt. Zum Beispiel hab ich meinen eigenen Cup, der zwar nicht bodenlos ist, aber einen Deckel hat. Irden ist er und nicht aus Sterling Silber. Immerhin: Gravur gibt’s auch, wie beim großen Vorbild. Natürlich nicht mit berühmten Schiffsnamen wie Reliance, Ranger oder Courageous, sondern mit „1 L GERZ“. Ganz oben, an der Messmarke. Vorne steht KYCO drauf, das Kürzel, für das so mancher Schelm böse Übersetzungen geliefert hat, doch das die wackeren Segler am Glasteich zu Ossiach seit mehr als 50 Jahren eint. Drüber weht der Clubstander der Kärntner Yachtclubs in einer virtuellen Brise. Ein Maßkrug, gewonnen vor ewigen Zeiten. Welche Klasse, welches Jahr? Keine Ahnung. Unwichtig, denn was zählt ist, dass ich einmal der Beste war. Besser als die, die ein Miniaturkrügerl bekommen haben dafür, dass sie brav hinterher gesegelt waren. Oder ein Viertel- oder Halbliter-Verreckerl, das nichts anderes bedeutet als „gut, aber nicht gut genug.” Nein, es war mein Tag, es war mein Rennen und dafür gab’s den echten, den geilen Humpen. Der schluckt zwei Hülsen* wie nix und hält das Gute lange kühl. Diskret ist er auch, weil keiner sieht, wie schnell der Flüssigkeitspegel sinkt. Saufen geht nur mit offenem Deckel und nach dem Trinken ist der zu, außer man braucht Nachschub. Harte, simple Regeln. Wer nicht kapiert, zahlt. Proletarisch-bajuwarisch. Gute zwanzig Jahre war er verschollen. Nun kam er wieder zum Vorschein. Im hintersten Winkel, im finstersten Kastl in Mutters Kuchl. Diese Entdeckung war fast so schön wie der Moment der Überreichung, damals vor zig Jahren. Aeolus und die Götter zu Hirt, Göss, Zipf und so weiter, hatten Einsehen. Bodenlose Silberkanne? Sauna in Kleinkirchheim? Edelschimmel mit Beerenauslese affiniert? Geh, bitte.









 

Mein Cup

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