Der Mut, Mensch zu sein

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
3 min
  1. home
  2. Erlebnisse
  3. Kommentar
Der Mut, Mensch zu sein

Wer gewinnt, ist Held, wer verliert, ist nichts. Das ist die Dichotomie des kommerzialisierten Leistungssports. Auch beim Segeln. Die Bilder von Team Vestas Wind, das beim Volvo Ocean Race auf einem Riff im Indischen Ozean strandete, sind dazu noch frisch in Erinnerung. Boat on the Rocks. Ruder weg, Heck teilweise abgerissen. Totalschaden. Schiffbrüchige Segler, die nach dem Crash verzweifelt versuchen zu retten, was zu retten ist, aber froh sein müssen mit dem Leben davon gekommen zu sein. Ein Foto, das mir besonders nahe ging, zeigt Navigator Wouter Verbraak. Ihm fiel es zu das Boot schnell und sicher ans Ziel zu bringen. Und dann das: Ein Versager vor dem Herrn. Er steht in der dunklen Kohlefaserhöhle der Kajüte, hält sich an einer Rohrkoje fest. Er trägt schweres Segelzeug und Rettungsweste, zerzauste blonde Haare und Seemannsbart. Seine weit aufgerissenen Augen verraten, was in diesem Moment in ihm vorgeht: Entsetzen. Erschöpfung. Enttäuschung. Betretenheit. „Ich bin am Boden zerstört und stehe noch unter Schock, während ich die Heftigkeit unserer Strandung langsam zu begreifen beginne”, sagte er in einer ersten Stellungnahme. „Ich habe einen Riesenfehler begangen … Unsere geplante Route änderte sich kurzfristig und mit dem Augenmerk auf Start und schwierige Bedingungen nahm ich fälschlicherweise an, ich hätte ausreichende Informationen bei mir um diese Änderungen unterwegs zu studieren. Ich lag falsch. Ich will keine Ausflüchte machen, sondern versuche lediglich eine Erklärung zu liefern und Fragen zu beantworten.” Auch wenn nur die wenigsten wissen, was wirklich dazu gehört, eine Yacht im Renntempo bei Nacht durch ein mit Riffen verseuchtes Gewässer zu navigieren, Verbraaks Äußerungen verdienen Respekt. In seiner schwersten Stunde hat er Verantwortung für diesen Unfall übernommen. Zum Glück gab’s nur Sachschaden. Was mehr zählt: Er fand Mut, Mensch zu sein. Ein fehlbarer Mensch. Kein Verlierer, sondern ein Held.

Der Mut, Mensch zu sein | Yachtrevue