Still und statisch

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Wenn es draußen stürmt und schneit, hocken Lehnstuhlkapitäne wie ich vor dem Kamin (wegen Klimawandels mit Heißgetränk, aber ohne Feuer), träumen von Abenteuern unter Segeln und lassen sich dabei von jenen inspirieren, die harte Meilen machen, anstatt ihr Social-Media-Profil zu optimieren.

Gesellschaft leistet mir dabei nicht ein iPad voller Apps, sondern ein Stapel stiller, statische Bücher, die nichts senden oder empfangen, nicht um Likes betteln oder einem Cookies, Anzeigen und Kontoeröffnung aufnötigen. Bücher wollen nichts und geben alles. Allerdings erfordern sie mehr als 3 Minuten Lesezeit. Besonders Werke, die auch viele Jahre nach Erscheinen berühren, interessieren und faszinieren, verfasst von Menschen, die Erlebnisse und Erkenntnisse trefflich artikulierten bzw. ins Bild setzten, ohne künstlich Drama erzeugen, oder sich potenziellen Abonnenten, Spendern und Anzeigentreibenden anbiedern zu müssen.

Da wäre z.B. Rockwell Kent, der grandiose Erzähler und Illustrator, der mit Tusche, Feder und Skizzenblock den hohen Norden und tiefen Süden bereiste. Bernard Moitessier, der den wahrscheinlichen Sieg beim Golden Globe Race für ein Dasein in tropischer Beschaulichkeit herschenkte. Ann Davison, die als erste Frau in den 1950ern solo den Atlantik überquerte und sich mit Reiseberichten finanziell über Wasser hielt. Zeitungsredakteur Robert Manry, Kapitän der winzigen Tinkerbelle (siehe Layline 01/22). Lebemann Vito Dumas, der die Welt als erster einhand in den Roaring Forties umrundete. Neil Hollander und Harald Mertes, die gemeinsam das Aussterben der Arbeitssegler dokumentierten (mit Vorwort von Orson Wells). Oder Kollege Steve Callahan, der 76 Tage allein in einer Rettungsinsel überlebte, nachdem sein Boot beim Mini-Transat 1982 gesunken war.

Deutschsprachige Autoren sind zwar seltener wohlfeil, aber es gibt sie: Wilfried Erdmann, Schutzheiliger der deutschen Blauwassersegler. Thies und Kiki Matzen, die mit Hiscocks Wanderer III abseits der Trampelpfade blieben, und natürlich Wolfgang Hausner, der als erster Solist die Welt mit einem Selbstbaukat umrundete. Auch die Seenomaden gehören dazu, die nach der Schreibmaschine aber vor Social Media ablegten und in ewiger Jugend segeln, texten und fotografieren, um ihrem Publikum bei Vorträgen persönlich zu begegnen.

Solange es noch möglich ist, HeldInnen mit kantigem Charakter und epischen Abenteuern kontemplativ in Druckerschwärze zu genießen, werde ich mir den Luxus gönnen. Den YouTubern, Instagrammern und TikTokern viel Erfolg mit ihren Selfie-Shows, schönen Gruß und like mich am A…

Loibners Letzte. In YR 12/92 hat Dieter Loibner seine erste Kolumne geschrieben, mit dieser verabschiedet er sich nach 30 Jahren.

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