
„Wir schreiben ihnen nicht vor, was sie tun sollen. Sie selbst und ihre Entscheidungen sind die wichtigste Sicherheitseinrichtungen an Bord.“ Das war der Kernsatz des Regattaleiters bei der Steuermannsbesprechung vor dem Start des diesjährigen Race to Alaska (www.r2AK.com). Das ist ein 750-Meilen-Rennen von Port Townsend im US-Bundesstaat Washington, nach Ketchikan, Alaska, ausgeschrieben für Boote, die ausschließlich von Wind- und/oder Muskelkraft angetrieben werden und keine Hilfe von außen in Anspruch nehmen dürfen. Mit anderen Worten: Es wird den Teilnehmern nahegelegt, selbst zu denken, Eigenverantwortung zu übernehmen, und ihre Taktik auf die Fähigkeiten des Bootes und der Besatzung abzustimmen, um nicht als Beispiel für Darwins These der natürlichen Selektion in Erinnerung zu bleiben.
Die Vorhersage für den Start am Montag, den 13. Juni war pikant: Starke Ebbe, gegenläufig zu auffrischendem West. Also Waschmaschine. Besonders in einem Seegebiet, das der Volksmund Cabbage Patch (Krautacker) nennt, weil dort von Haus aus verschiedene Meeres¬strömungen aufeinandertreffen. Im Morgengrauen um 5 Uhr legten die knapp 50 Teilnehmer los, bei Ossiacherseewind und Donaustrom. Die meisten packten den Krautacker, der gleich nach dem Start lauerte und Brecher servierte, die einen Kleinbus verschluckt hätten. Einige Boote powerten mit tollkühnen Bocksprüngen durch. Andere wichen der Gefahr clever aus. Wieder andere blieben im sicheren Hafen, um abzuwarten. Nur jene, die dort absolut nichts verloren hatten, lieferten Schlagzeilen für die Abendnachrichten, die einen Rettungsschwimmer zeigten, der sich aus dem Hubschrauber der Küstenwache stürzte, um Gekenterte aus dem 13 Grad kalten Wasser zu bergen.
Es war zum Kopfschütteln. Wie so oft lagen Selbst- und Fehleinschätzung eng beisammen. Beobachter fanden, dass Steuergeld, das für die Rettung leichtsinniger Abenteuertouristen verpulvert wird, als Obdachlosenhilfe besser angelegt wäre. Oder für die medizinische Versorgung prekär Beschäftigter (auch im Bootsbau), die in den USA kaum staatliche Unterstützung bekommen. Daran sollten Vergnügungssüchtige hin und wieder denken.
Meine Bilanz in diesen Belangen liest sich nicht sonderlich gut: Kenterung in der Brandung vor Anzio mit Mastbruch. Oder im Gewittersturm vor Bodensdorf (von wegen, Ossiacherseewind) im Wasser treibend, während der Strandkat wie ein Drachen durch die Luft davongewirbelt wird. Beide Male mussten Retter ins Risiko gehen, weil ich meines nicht richtig bewertet habe. Mein Glück: Darwin hat weggeschaut.
