
Wer sich umsieht, dem fällt es es auf: Marken und Menschen schlagen wie verrückt Purzelbäume um sich voneinander zu unterscheiden und werden dabei doch immer gleicher. Wie tief man selbst drinsteckt, wird einem klar, wenn man einem Kontrastmenschen wie Annette Brosin begegnet, zum Beispiel an einem schönen Septembertag auf der Terrasse der Oak-Bay-Marina, in Victoria, der Provinzhauptstadt von Britisch Kolumbien. Brosin komponiert zeitgenössische klassische Musik, pflegt aber auch Umgang mit Segelbooten. Bei einer Magazin-Produktion sprang sie als Fotoboot-Skipperin ein, mit Peregrine, ihrer patinierten aber gepflegten Ericson 32, Baujahr 1973. Fast schon ein Museumsstück, dient ihr die Yacht als Fluchtfahrzeug um dem Alltag zu entwischen, aber auch als Heim, inklusive E-Piano in der Lotsenkoje. „Ich spiele auch mal Beethoven, dann bau ich es am Salontisch auf”, erklärt sie, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt. Brosin stammt aus Böblingen in Deutschland und hat in Wien Musik und Tonmeisterei studiert, ehe sie nach Victoria wechselte um hier das Doktorat zu machen. Ihre Affinität zum salzig-nassen Element entdeckte sie nach dem Gymnasium als Aktivistin für Sea Shepherd, einer Umweltorganisation, die zum Schutz der Meere mit Gegnern schon mal auf Kollisionskurs geht. Zum Segeln kam sie erst später. „Der Lifestyle als Liveaboard liegt mir”, sagt sie unumwunden. Man habe zwar weniger Platz und Glumpert, damit aber auch weniger Sorgen und Ablenkungen und so bleibe Zeit fürs Denken und bewusste Wahrnehmen. „Wer Meer hat, braucht weniger” lautet der Titel eines Buchs. Brosin muss es nicht lesen, sie lebt es. Kühlschrank oder Dusche an Bord? Weder noch. „Und nach vier Jahren kann ich sagen, ich vermisse es nicht.” Peregrine, so sagt Brosin, habe auch die Beziehung zu ihrem Vater vertieft, der früher Laser gesegelt war. Mit ihm geht sie nun gemeinsam auf Tour, wenn er auf Besuch weilt. Nur beim Klamotten- und Schallplattenkauf (ein portabler Plattenspieler segelt mit) zwickt es ab und an. Dem Impuls „Muss haben” folgt die Frage: „Wohin damit?” Und: „Brauch’ ich das wirklich?” Sache erledigt. Es ist nur eine Facette der Annette Brosin, aber ein wichtiger Kontrast zu Purzelbaumschlägern.
