
Juni 2019: Sechser segeln am türkisfarbenen Wörthersee. Kärntner Kost mit Aussicht hoch über dem Ossiacher See. Maturatreffen im Nobelgasthaus am Faaker See. Urlaub daham, gediegen, friedlich, monochrom.
Juni 2020, Urlaub im anderen daham: Pandemie und Quarantäne. Tausende bei den Demos gegen Polizei und Rassismus. Brennende Häuser und Autos, geplünderte Geschäfte. Amerika im Aufruhr und Umbruch. Tränengas, Schlagstöcke, Pfefferspray, Schallkanonen, Blendgranaten, Taser. Nix gediegen, friedlich oder monochrom.
Trump, die Republikaner und ihre Handlanger bei Fox News treiben die Polarisierung der Gesellschaft voran. Divide et impera (spalte und herrsche), nannten die Römer diese Taktik. Europa ist doch besser als die USA. Was ist das größere Übel? Wegschauen, wenn die Polizei unbewaffnete Menschen dunkler Hautfarbe erschießt, oder wenn Tausende Flüchtlinge derselben Hautfarbe hilflos ertrinken?
Die Problematik nur auf persönliche Defizite zu reduzieren, ist so bequem wie falsch. Rassismus kommt von Unwissen, das von skrupellosen Politikern genutzt wird, um Angst zu schüren und mittels Privilegien für die einen die anderen (= die anders Aussehenden) zu diskriminieren.
So besehen täte der Segelsport gut daran, sich von dem Treiben zu distanzieren, farbiger und inklusiver zu werden, um die drohende Relevanzkrise bei denen zu verhindern, die heute für Rassenintegration auf die Straße gehen. Wäre David Alaba kein Riesenkicker sondern ein Supersegler, wie wäre das gelaufen?
Dabei war Segeln an sich nie Privileg für Weiße, woran das Buch The Last Sailors - The Final Days of Working Sail erinnert, das 1984 mit einem Vorwort von Orson Welles erschienen war. Neil Hollander (Text) und Harald Mertes (Fotos) segelten über drei Ozeane, um verschiedenste Kulturen und ihre Arbeitsschiffe zu porträtieren.
Nicht thematisiert haben sie die zehn Millionen Sklaven, die über Jahrhunderte von Afrika gewaltsam in die neue Welt verschifft wurden, oder die Rolle von Segelschiffen bei der Kolonialisierung, die Weltmächte schuf und viele der Probleme, die heute Schlagzeilen machen.
Bevor ich wieder an den gediegenen Urlaub daham von 2019 denken mag, frage ich mich: Mit wie vielen Menschen dunkler Hautfarbe war ich in den vergangenen fast sechs Jahrzehnten segeln? Betretene Antwort: Mit viel zu wenigen.
